Ein Kind wächst und gedeiht – bestens! Ein Apfel, der heranreift – lecker! Auch unsere Wirtschaft braucht Wachstum. Tatsächlich aber befindet sie sich seit über einem Jahr im Abschwung. Und auch der weitere Ausblick ist mau. „Es muss jetzt gegengesteuert werden, damit die Zeiten für Deutschland nicht noch schwieriger werden“, urteilt Professor Stefan Kooths.

Wirtschaftlicher Fortschritt brachte mehr Lebensqualität

Das Wort des Konjunkturchefs des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) hat Gewicht. Schließlich gehören die Kieler Wirtschaftsforscher zu den fünf Forschungseinrichtungen, die für die Bundesregierung zweimal jährlich die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose erstellen. Die jüngste wurde Ende September vorgestellt.

„Wachstum ist kein Selbstzweck“, betont Kooths im Gespräch mit aktiv. „Viele Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss, sind damit allerdings leichter zu lösen.“ Belege dafür? Kennt Kooths reichlich: „Medizinische Versorgung, Arbeitsbedingungen, Lebenserwartung oder Mobilität – Verbesserungen auf diesen Feldern, die in der Vergangenheit erreicht wurden, waren nur möglich durch wirtschaftliche Fortschritte.“

Sozialkassen: Die Beitragssätze werden stark steigen

  • Die gesetzlichen Sozialversicherungen kosteten 2022 rund 717 Milliarden Euro. Das sind 18,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.
  • Zur Finanzierung tragen die Unternehmen und die Beschäftigten bei – indem sie je die Hälfte der Sozialbeiträge zahlen.
  • Das wird immer teurer. Denn die Beitragssätze zur Sozialversicherung werden bis 2030 von 41 auf 45 Prozent steigen.

Letztlich diene wirtschaftliche Aktivität dazu, neue und bessere Güter hervorzubringen, mit denen wir unsere menschlichen Bedürfnisse befriedigen können. „Der Mensch ist nun mal ein strebendes Wesen“, erläutert Kooths. „Nur daher kommt es, dass der Großteil der Menschen in Europa und vielen anderen Regionen heute sogar besser leben kann als einst die oberen Zehntausend.“

Was aber ist mit Wachstumskritikern wie etwa den Klima-Klebern der „Letzten Generation“? Haben sie nicht recht, dass wir uns alle mehr einschränken müssen, um das Weltklima im Lot zu halten? Kooths sieht das anders: „Letztlich lassen sich Treibausgas-Emissionen nur mit Innovationen reduzieren. Und technischer Fortschritt ist nur möglich, wenn es wirtschaftliches Wachstum gibt.“ Beispiele dafür sind die Entwicklung von Abgas-Katalysatoren und Luftfiltern, effizienteren Fertigungsanlagen, sparsameren Automotoren, modernen Klärwerken und Mülltrenn-Technik oder leistungsstarken Windkrafträdern. Sie alle tragen dazu bei, dass Luft, Wasser oder Boden in den letzten Jahrzehnten deutlich sauberer geworden sind. Das gilt etwa für die allermeisten Flüsse – selbst für den früher stark verschmutzten Rhein. Oder die Luft: Die allermeisten europäischen Grenzwerte für Schadstoffe werden inzwischen eingehalten. Und über 70 Prozent des Mülls aus Haushalten, Firmen und Behörden werden mittlerweile recycelt. Das ist ein Spitzenwert, auch im europäischen Vergleich.

Klimaschutz: Die Energiewende braucht gewaltige Investitionen

  • Die Energiewende ist ein Mammutprojekt. 600 Milliarden Euro sind bis 2030 zu investieren, vor allem in Wind- und Sonnenenergie. Das ist mehr als der Bundeshaushalt.
  • Auch der Umbau der Produktion kostet enorm viel, etwa in Chemie- (40 Milliarden Euro) und Stahl-Industrie (30 Milliarden).
  • Diese Investitionen müssen erwirtschaftet werden – von florierenden Unternehmen.

Alles gut also? Von wegen. Denn ausgerechnet am Wachstum, dem Treiber des Fortschritts, hapert es derzeit heftig. Das unterstrich zuletzt die Gemeinschaftsdiagnose für 2023, Ende September veröffentlicht von den fünf staatlich finanzierten Wirtschaftsforschungsinstituten Deutschlands: Demnach schrumpft unsere Wirtschaft in diesem Jahr um 0,6 Prozent. Das sind gleich 0,9 Prozentpunkte weniger als noch im Frühjahr erwartet. Auch für 2024 sind die Wachstumsprognosen eher schlecht. Der Sachverständigenrat für Wirtschaft – auch bekannt als die fünf Wirtschaftsweisen – rechnete bereits vor der Haushaltskrise der Bundesregierung nur mit mageren 0,7 Prozent. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) befürchtet sogar ein Null-Wachstum für das kommende Jahr, also eine Stagnation.

Wie konnte es so weit kommen? Nach dem Corona-Einbruch hatte doch zunächst wirtschaftliche Erholung eingesetzt. Doch die wurde abgewürgt – vor allem vom sprunghaften Anstieg der Energiepreise, ausgelöst durch Putins Angriff auf die Ukraine im Februar 2022. Seither machen die Preise Verbrauchern und Unternehmen gleichermaßen zu schaffen, stärker als zunächst erwartet. „Immerhin entspannt sich die Lage an der Preisfront nun nach und nach“, erklären die Institute. Ein Hoffnungsschimmer – zumal auch die Zahl der Arbeitslosen, die dieses Jahr wohl leicht auf 2,6 Millionen Menschen steigt, künftig wieder etwas sinken könnte.

Löhne: Zuwächse müssen erwirtschaftet werden

  • Im vergangenen Jahr zahlten Unternehmen 1.662 Milliarden Euro an Löhnen und Gehältern aus sowie 362 Milliarden Euro an Beiträgen zur Sozialversicherung.
  • Die Tariflöhne sind zuletzt kräftig gestiegen.Trotzdem sanken die Reallöhne, vor allem wegen der stark gestiegenen Energiepreise.
  • Sollen die Beschäftigten wieder mehr Geld erhalten, muss die Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückkehren.

Richtig Bauchschmerzen bereitet ein anderer Befund der Wirtschaftsforscher: „Die Stimmung in den Betrieben hat sich zuletzt erneut verschlechtert, ihre Investitionsbereitschaft ist gesunken“, schreiben sie. Dazu trage auch politische Unsicherheit bei, ausgelöst insbesondere durch eine Vielzahl staatlicher Eingriffe in das Wirtschaftsleben – man denke nur an das Heizungsgesetz, das Hausbesitzer und Heizungshersteller kirre machte. Oder an das sogenannte Lieferkettengesetz, das den Betrieben neue Bürokratie aufbürdet und das Wirtschaftsleben erschwert.

Forschung: Der Wettbewerb um Innovationen wird schärfer

  • 63 Milliarden Euro investierte die Industrie 2021 in die Entwicklung von Innovationen.
  • Allein die Auto-Industrie steckt 26 Milliarden Euro in Neuheiten. Sie will bei E-Autos, Akkus und autonomem Fahren vorn sein. Die Pharma-Industrie investiert 8,5 Milliarden Euro.
  • Innovationen sind die Märkte und Absatzchancen der Zukunft. Der Wettbewerb darum wird schärfer. In den USA und China steigen die Investitionen stärker als hierzulande.

IfW-Konjunkturchef Kooths kommt zu dem Befund: „Eine echte Wachstumswende ist für Deutschland nicht in Sicht.“ Eine andere aktuelle Mittelfrist-Prognose der Kieler Konjunkturforscher unterstreicht das zusätzlich. Sie hebt zudem einen Wachstums-Killer hervor, der die aktuellen Inflationssorgen locker in den Schatten stellt: die Alterung unserer Bevölkerung. Sie verstärkt den Personalmangel, der heute schon an jeder Ecke spürbar ist, weiter. Derzeit halten sich die Zahlen der Berufseinsteiger und derjenigen, die aus dem Job ausscheiden, noch die Waage. Doch spätestens 2025, so das IfW, werden sich pro Jahr mindestens 200.000 Menschen mehr aus dem Erwerbsleben verabschieden als neu hinzukommen.

„Gegengesteuert werden kann nur durch mehr Fachkräfte-Zuwanderung als bisher“, betont Kooths. Leichter gesagt als getan, denn: „Der Wettbewerb um die Talente der Welt wird härter, weil auch andere Länder demografische Probleme haben“, sagt Kooths. „Umso wichtiger wird eine wachstumsstärkende Politik, die den Standort Deutschland attraktiver macht.“

Bildung: Die Fachkräfte der Zukunft brauchen digitale Kompet

  • 164 Milliarden Euro betrugen die öffentlichen Bildungsausgaben 2020. Das waren 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
  • Bis 2026 stellt der Bund 6,5 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen zur Verfügung. 2,3 Milliarden sind schon ausgezahlt. 28.000 Schulen profitieren.
  • Mehr digitale Kompetenzen braucht es, damit die Wirtschaft in Zukunftsbranchen weiter wachsen kann.

Viel anzupacken, damit Deutschland wieder die Kurve kriegt

Jetzt komme es darauf an, wirtschaftspolitisch jene Standortfaktoren zu stärken, die man selbst in der Hand hat. Die Aufgaben-Liste ist inzwischen richtig lang geworden. Um nur einige Stichworte zu nennen: bessere Bildung, Modernisierung der Verkehrswege und der digitalen Infrastruktur, Bürokratie-Abbau, bessere Baubedingungen, Rentenreform, eine geringere Steuern- und Abgabenlast. „Fortschritte hier beflügeln nicht nur die Betriebe – sie machen unser Land auch für ausländische Fachkräfte interessanter“, bemerkt Kooths.

Infrastruktur: Die Sanierung kostet Milliarden-Summen

  • 370 Milliarden Euro müssten bis 2030 investiert werden, um allein die Verkehrswege in den Kommunen auf Vordermann zu bringen. Dazu kommen Milliarden-Summen fürs marode Fernstraßen- und Schienennetz.
  • 16.000 Brücken an Straßen und Bahnstrecken sind ebenfalls marode und müssen dringend saniert werden.
  • Der Investitionsstau bremst die Industrie aus, die gute Verkehrswege braucht.

Was aber, wenn Deutschland die Kurve nicht kriegt? Dann wird es erst recht haarig. „Ohne echte neue Wachstumsimpulse droht eine Phase zunehmender Verteilungskonflikte“, sagt der Kieler Experte voraus. „Denn zugleich müssen mehr Menschen versorgt werden, die nicht mehr zur Produktion beitragen. Das stresst die Staatshaushalte.“ Und dann fehlt dringend benötigtes Geld für den Erhalt und die Modernisierung unseres Gemeinwesens.

Ein regelrechtes Horrorszenario. Da erscheint es besser, wenn alle ihren Teil dazu beitragen, die Wachstumskräfte heute zu stärken – und für unsere Kinder alles klarzumachen zum Durchstarten.

Stephan Hochrebe
aktiv-Redakteur

Nach seiner Redakteursausbildung absolvierte Stephan Hochrebe das BWL-Studium an der Universität zu Köln. Zu aktiv kam er nach Stationen bei der Funke-Mediengruppe im Ruhrgebiet und Rundfunkstationen im Rheinland. Seine Themenschwerpunkte sind Industrie und Standort – und gern auch alles andere, was unser Land am Laufen hält. Davon, wie es aussieht, überzeugt er sich gern vor Ort – nicht zuletzt bei seiner Leidenschaft: dem Wandern.

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Hans Joachim Wolter
aktiv-Redakteur

Hans Joachim Wolter schreibt bei aktiv vor allem über Klimaschutz, Energiewende, Umwelt, Produktinnovationen sowie die Pharma- und Chemie-Industrie. Der studierte Apotheker und Journalist begann bei der Tageszeitung „Rheinpfalz“ in Ludwigshafen und wechselte dann zu einem Chemie-Fachmagazin in Frankfurt. Wenn er nicht im Internet nach Fakten gräbt, entspannt er bei Jazz-Musik, Fußballübertragungen oder in Kunstausstellungen.

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