München. Bayerns Wirtschaft spürt die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Gestörte Lieferketten und die vom Westen verhängten Sanktionen setzen den Unternehmen zu. Im Gespräch mit aktiv zeigt Wolfram Hatz, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) sowie der Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm trotzdem Verständnis für die Maßnahmen. Er warnt jedoch vor den Folgen eines möglichen Gas-Embargos.

Der Krieg in der Ukraine ist derzeit für viele das bestimmende Thema. Gilt das auch für die Unternehmen?

Dieser Krieg betrifft jeden – und natürlich auch die Unternehmen. Der russische Angriffskrieg hat schon jetzt massive Auswirkungen auf die bayerische Wirtschaft, die bereits zwei Jahre Corona-Pandemie hinter sich hat. Und auch die ist noch nicht vorbei, in China werden weiterhin ganze Städte abgeriegelt. Doch auch Lieferungen aus der Ukraine fehlen etwa in der Metall- und Elektro-Industrie, beispielsweise Kabelbäume für die Fahrzeugproduktion. Dafür müssen sich jetzt auch bayerische Hersteller andere Zulieferer suchen.

Eine angespannte wirtschaftliche Lage wird durch Russlands Überfall also noch schwieriger?

So ist es. Schon heute ist klar, dass das globale Wachstum – und damit auch das Wirtschaftswachstum in Bayern – in diesem Jahr wegen des Krieges deutlich schwächer ausfallen und die Inflation rapide ansteigen wird. Zudem werden die bayerischen Betriebe und deren Beschäftigte die beschlossenen Sanktionen gegen Russland schmerzhaft spüren.

Unterstützen Sie die Maßnahmen?

Ohne Wenn und Aber. Sie sind aus unserer Sicht unumgänglich, wenn wir das Recht, wenn wir die Demokratie und unsere Freiheit verteidigen und bewahren wollen. Die schrecklichen Bilder aus der Ukraine zeigen uns, welch hohes und kostbares Gut der Frieden auf unserem Kontinent ist. Gleichzeitig engagieren wir uns für Geflüchtete. Mit unserer Initiative „sprungbrett into work für Geflüchtete aus der Ukraine“ wollen wir diesen Menschen das Ankommen in unserer Gesellschaft und die Integration in den Arbeitsmarkt erleichtern. Das Projekt läuft sehr gut an. Das zeigt, dass die bayerische Wirtschaft helfen will und helfen kann.

Sie klingen jetzt sehr persönlich.

Die Gewalt in der Ukraine trifft uns alle – und ja, auch mich persönlich – bis ins Mark. Der Einmarsch der russischen Truppen in dem Land hat nicht nur ganz Europa erschüttert, sondern ist eine Zäsur. Wir alle haben an einen dauerhaften Frieden in Europa geglaubt – da wurden wir jedoch bitter enttäuscht. Wir stehen nun vor einer humanitären Katastrophe und einer geopolitischen sowie geoökonomischen Zeitenwende. Politik, Gesellschaft und auch die Wirtschaft sehen sich hier mit einer völlig neuen Realität konfrontiert.

Trotzdem warnen Sie vor einem Erdgasboykott. Viele fordern dies aber, weil es Putin schwer treffen würde.

Das mag sein, aber es würde auch uns selbst massiv treffen! Russland ist vor allem als Lieferant von Energieträgern von Bedeutung für Bayerns Wirtschaft. 45 Prozent der Öl- und Gaseinfuhren kommen aus Russland. Faktisch jedoch kommen bis zu 90 Prozent des in Bayern verwendeten Gases aus Russland – unabhängig davon, in welchem Land es bestellt wurde. Hintergrund ist, dass der Freistaat vornehmlich an Gaspipelines aus dem Osten angeschlossen ist und nicht sehr viele andere Lieferanten bereitstehen. Dadurch sind wir besonders von russischem Gas abhängig – ein Aspekt, der sich spätestens jetzt als sehr riskant erweist.

Warum fürchten Sie ein Embargo?

Für die Wärmeerzeugung, also Heizen und industrielle Prozesse sowie die Nutzung von Erdgas als Rohstoff fehlt es an Alternativen, die einen sofortigen Stopp der russischen Gasimporte auffangen könnten. Ein Energie-Embargo würde unsere Wirtschaft unmittelbar treffen und unweigerlich zu einer Rezession bei uns führen.Wir dürfen nicht vergessen: Der Krieg mit all seinen Folgen trifft eine durch Corona geschwächte Wirtschaft, die sich seit mehr als zwei Jahren im Krisenmodus befindet. Der Aufholprozess zum Vorkrisenniveau hatte zwar begonnen, war aber durch die gestörten Lieferketten und den Materialmangel sowieso ausgebremst. Putins Krieg kommt noch obendrauf und wird nun zusätzlich zum Härtetest für Unternehmen und Arbeitsplätze in unserem Land.

Entschlossen: Der Westen sollte Putin entschieden entgegentreten, fordert vbw-Präsident Wolfram Hatz. Er unterstützt Sanktionen, aber kein Gas-Embargo. Man müsse sich darauf einstellen, dass der Ukraine-Krieg zum Härtetest für unsere Unternehmen und Arbeitsplätze werde.

Was wäre von einem Gas-Embargo konkret zu erwarten?

Weite Teile unserer Wertschöpfungskette würden bei einem Gas-Lieferstopp zum Erliegen kommen. Gerade bei Gas ist eine kurzfristige Substitution nicht möglich. Kohle oder Öl können teuer auf dem Weltmarkt eingekauft werden. Das geht bei Gas nicht. Die benötigte Menge ist gar nicht auf dem Markt vorhanden, und für Alternativen wie Flüssiggas (LNG) fehlen bei uns noch weitgehend Infrastruktur und Logistik, um sofort umzuschwenken. Die muss erst gebaut werden. Doch bei dem Fachkräftemangel, den wir derzeit in der Baubranche haben, fragt sich, wie schnell das realisiert werden könnte.

Wer wäre von einem Gas-Embargo besonders betroffen?

In Bayern wären Branchen mit mindestens 220.000 Beschäftigten etwa in der Chemie, bei Glas und Keramik, Papier oder in der Metallerzeugung und -verarbeitung direkt betroffen. Viele der genannten Branchen stellen Vorleistungsgüter her, die indirekten Folgen wären noch gravierender.

Inwiefern ist die Metall- und Elektro-Industrie betroffen?

Vor allem die Betriebe, die Metalle zur Weiterverarbeitung herstellen, sind stark betroffen. Gut ein Drittel (36 Prozent) müsste sofort den Betrieb einstellen. Denn gerade Gießerei- und Stahlerzeugnisse werden oft anderswo gebraucht.

Welche anderen Branchen haben auch noch ein Problem?

Fast 95 Prozent aller Industrieprodukte enthalten chemische Grundstoffe oder Vorprodukte. Die Papier-Industrie stellt Verpackungen für quasi alle Branchen her. Als Unternehmer der Metall- und Elektro-Industrie kenne ich die Probleme mit Fertigungs- und Lieferketten und deren Ausfall aus eigener Erfahrung. Das Fehlen von Vorprodukten würde die gesamte industrielle Wertschöpfungskette kaskadenartig in Mitleidenschaft ziehen und hätte gewaltige soziale und ökonomische Konsequenzen. Kurzfristig können wir daher nicht auf russisches Gas verzichten.

Perspektivisch ist das anders?

Perspektivisch müssen wir auf jeden Fall raus aus der russischen Abhängigkeit! Dafür brauchen wir etwa mehr Flüssiggas aus anderen Quellen. Wir sollten auch weitere Lösungen anpacken, um vorhandene Energiequellen auszuschöpfen. Das könnte beispielsweise die verstärkte Nutzung der Kohlekraftwerke sein. So würde das verfügbare Gas nicht für Strom aufgewendet, sondern geht an Haushalte und die Industrie. Mittel- und langfristig müssen wir erneuerbare Energien ausbauen: Wind, Photovoltaik, Biomasse, Wasserstoff. Sie sind in jeder Hinsicht die sauberste Lösung. Da müssen wir jetzt aufs Tempo drücken!