Bad Neustadt/Delhi. Halbe Sachen zu machen – das ist nicht Jörg Marx’ Ding. „Entweder ganz oder gar nicht“, das war ihm klar, als er sich beim Autozulieferer Jopp intern für den Job des General Managers Forschung und Entwicklung bewarb. Dafür zieht er mit Sack und Pack, Frau, zwei Söhnen und der 83-jährigen Schwiegermutter in seinen neuen Arbeitsort: die Millionen-Metropole Delhi, Standort von Jopps indischem Joint-Venture-Partner Lumax.

Wie viele bayerische Firmen hat auch der unterfränkische Autozulieferer an verschiedenen ausländischen Standorten Werke oder Partner, um regionale Märkte zu bedienen. Das Joint Venture mit Lumax schloss Jopp bereits 2019, doch die Corona-Pandemie verzögerte die Suche nach einem deutschen Repräsentanten.

Die Schwiegermutter frischt extra ihr Englisch für Indien auf

Vor einem Jahr schließlich schrieb Jopp die Stelle aus - und Jörg Marx sprang sofort darauf an. Damals arbeitete er beim Tochterunternehmen Jopp Plastics im rheinländischen Mechernich. „Meine Frau und ich haben uns zusammengesetzt und beschlossen, gemeinsam als Familie den Schritt zu wagen.“

Von Indien wusste der Maschinenbauingenieur wenig. „Das Indien-Spezial der Sendung mit der Maus war der erste Einstieg in die unbekannte Kultur.“ Auch seine Frau, eine Lehrerin, wird in Indien arbeiten, an einer deutschen Schule, die Söhne (sieben und zehn) werden eine internationale Schule besuchen. Zuletzt entschloss sich noch die Schwiegermutter mitzugehen. „Sie frischt bereits ihr Englisch an der Volkshochschule auf.“

Das Engagement der Familie überzeugte Jopp-Personalleiter Stefan Knaier. „Bei der Auswahl von Expats erleben wir anfangs oft Begeisterung. Aber wenn es konkret wird, machen viele einen Rückzieher.“ Denn drei Jahre in der Fremde, fern von Familie und Freunden, schrecke doch den ein oder anderen ab.

Seit August ist Marx inzwischen in Delhi, bereitet den Nachzug der Familie im Sommer vor. Er hat sich schnell eingelebt und „schon ein Stück Herz an das Land verloren“. Sein Job als Repräsentant von Jopp führt ihn quer durchs Land. Er ist die Schnittstelle zum Partner Lumax, baut dort zudem die Forschung und Entwicklung auf und aus.

Für Richard Diem, einen der Geschäftsführer von Jopp, ist dies ein zentrales Anliegen: „Wir bringen unser technologisches Know-how ein, im Gegenzug hilft Lumax uns beim regionalen Marktzugang.“ Lumax produziert Getriebeteile, beliefert indische Autohersteller wie Maruti Suzuki, Mahindra & Mahindra und die Tata-Gruppe, zu der die Marken Jaguar und Land Rover gehören. „Indien ist einer der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsräume, auch in der Auto-Industrie“, erklärt Diem. „Dass dort inzwischen mehr Autos produziert werden als in Deutschland, macht die Inder stolz.“

Immer mehr Mitarbeitende interessieren sich für interkulturellen Austausch

Diesen wirtschaftlichen Aufbruch spürt auch Marx: „Noch sind die Autos einfacher als bei uns, aber alles wird komplexer. Und die Menschen lernen schnell, sind stolz auf die harte Arbeit, die sie leisten.“ Nur so könne man in dem armen Land sozial aufsteigen. „Arbeit hat einen anderen Stellenwert als bei uns“, hat er beobachtet. Arbeit und Freizeit sind enger verzahnt, man arbeitet viel, hat aber auch Zeit zu feiern. „Die Gelassenheit, mit Dingen umzugehen, davon könnten wir Deutschen lernen.“

Interkulturellen Austausch – das strebt Jopp mit solchen Partnerschaften ebenfalls an. „Das Interesse bei den Mitarbeitenden ist da“, bestätigt Personalleiter Knaier. Denn so kann sich jeder fachlich und persönlich weiterentwickeln. Marx ist bereit dafür: „Letztendlich sind es auch hier nur Menschen, die Ähnliches bewegt wie uns: Familie, Arbeit, Freunde.“

Nachgefragt

Was sind Ihre Eindrücke von Indien?
Die Vielfalt und kulturellen Reichtümer des Landes faszinieren. Die Menschen sind freundlich und aufgeschlossen.

Was überrascht – positiv wie negativ?
Die Genügsamkeit der Menschen ist beeindruckend. Negativ bemerke ich, dass Bildung extrem teuer ist, obwohl sie der Ausweg aus der Armut ist.

Wie kann man sich auf den Schritt ins Ausland vorbereiten?
Man sollte sich über die Mentalität und Kultur des Ziellandes informieren, für neue Erfahrungen offen sein und sich auf lokale Gemeinschaften einlassen.

Alix Sauer
Leiterin aktiv-Redaktion Bayern

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.

 

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