Mönchengladbach. Der Flachbildfernseher: ein paar Monate Lieferzeit. Die Spielkonsole: restlos ausverkauft. Das Kinderfahrrad: Fehlanzeige. Black Friday und Weihnachten im Jahr 2021: Fallen die Rabattschlacht und der Geschenke-Spaß aus, weil der Weihnachtsmann Nachschubprobleme hat? aktiv fragte dazu Professor Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Er gilt als einer der profiliertesten Handelsexperten im Land.

Herr Professor Heinemann, wird es ein trauriger Black Friday und ein trostloses Weihnachten, weil die Gaben ausbleiben?

Natürlich nicht. Aber klar ist auch: Wir haben Lieferprobleme bei begehrten Artikeln. Und zugleich gibt es einen enormen Überschuss an nicht verkauften Waren aus der Zeit von Pandemie und Lockdowns. Der Black Friday und das Weihnachtsgeschäft sind womöglich die letzte Hoffnung für Händler, diese Ware zu verkaufen. Dadurch bekommt der Black Friday in diesem Jahr eine ganz andere Bedeutung als normalerweise. Im Vordergrund stehen nicht zusätzlicher Umsatz und das Vorziehen des Weihnachtsgeschäfts, der Black Friday ist die Gelegenheit für den Handel, die Überbestände noch zu verkaufen.

Was heißt das für die begehrten Rabatte am Black Friday?

Natürlich gibt es die auch dieses Jahr. Davon lebt der Black Friday. Kunden lassen sich von Rabatten beeinflussen. Händler können Verbraucher so vielleicht bewegen, Dinge zu kaufen, die in ihren Augen nicht so attraktiv sind. Aber ich warne vor übertriebenen Hoffnungen bei Konsumenten. Die Verknappung vieler Produkte hat einen Preisschub ausgelöst, den werden auch Super-Rabatte nur begrenzt ausräumen.

Und was ist mit Weihnachten? Werden fehlende Waren noch bis zum Fest eintrudeln?

Ich denke nicht. Was jetzt nicht in den Geschäften in den Regalen steht, das wird bis Weihnachten voraussichtlich auch nicht mehr kommen. In aller Regel haben Händler bis Ende September ihre Weihnachtsware eingekauft. Deshalb bin ich bei einigen potenziellen Weihnachtsgeschenken pessimistisch.

Bei welchen Händlern und welchen Produkten gibt es denn Engpässe?

Die Lieferprobleme ziehen sich durch viele Branchen. Laut dem Ifo-Institut in München sind Fahrradhändler, Geschäfte für Unterhaltungselektronik, Läden für Haushaltsgeräte und Lieferanten von Computern und Zubehör betroffen. Engpässe gibt es also bei Fahrrädern ebenso wie bei Fernsehern und Haushaltsgeräten, Notebooks und Smartphones. Auch bei Kleidern fehlen Lieferungen. Und selbst bei Büchern, weil das Papier für die Buchproduktion derzeit knapp ist.

Und das führt zu dem bereits angesprochenen Preisschub.

Klar. Was knapp ist, das wird teuer. Das ist ein Grundgesetz des Marktes. Da sind aktuell durchaus Preissteigerungen in zweistelliger Prozenthöhe drin. Bei Treibstoff und Erdgas erleben wir das zurzeit ja auch.

Was kann der Verbraucher tun? Erst mal Geschenkgutscheine kaufen?

Damit die Kinder zu Ostern die Spielkonsole erhalten, die sie sich zu Weihnachten gewünscht haben? Davon rate ich ab. Das wird nicht klappen. Es zeichnet sich ab, dass die Lieferketten im ersten Quartal noch lange nicht wieder wie geschmiert funktionieren. Das gilt übrigens auch für den Online-Handel. Zwar machen manche Shops Hoffnung, nicht vorrätige Waren könnten in wenigen Wochen geliefert werden. Aber da bin ich skeptisch, nach meiner Erfahrung kann man sich auf diese Angaben nicht verlassen.

Was raten Sie also den Menschen für den Weihnachtseinkauf?

Kaufen Sie frühzeitig! Schenken Sie, was im Handel vorrätig ist! Reagieren Sie flexibel! Man muss nicht immer das tollste und neueste Geschenk haben, den Ober-Burner. Es muss nicht die neueste Playstation, das neueste iPhone oder die neueste Mode sein, Ware aus der letzten Saison ist genauso gut. Überhaupt: Wie wäre es, wenn Sie Erlebnisse verschenken? Also ein Ticket für ein Konzert, einen Theater- oder Kabarett-Besuch. Oder einen Gutschein für ein Essen in einem Luxus-Restaurant.

Wann wird der Welthandel denn wieder reibungslos funktionieren?

Nach Ansicht der meisten Experten erst im Jahr 2023. Denn im Moment ist einfach zu viel aus dem Rhythmus geraten. Erstens sind Container knapp, und Frachtschiffe stauen sich vor wichtigen Häfen. Zudem war ja der Suezkanal ein paar Tage durch ein havariertes Containerschiff blockiert. Zweitens macht China mit der Unberechenbarkeit seiner Diktatur Probleme. Drittens sind viele Rohstoffe und Computerchips Mangelware. Im Welthandel herrscht also im Moment ziemliches Chaos.

Was ist eigentlich los bei den Containern?

Aktuell herrscht da enormer Mangel, die Frachtpreise haben sich teilweise verzehnfacht, manche Unternehmen buchen schon Transportbehälter für das übernächste Jahr. Zudem stauen sich vor wichtigen Häfen voll beladene Containerschiffe, was die Lieferketten ins Stocken bringt, die Behälter blockiert und dadurch weiter verknappt. Im Hafen von Los Angeles will man daher nun die ganze Woche rund um die Uhr arbeiten, um den Stau aufzulösen. Auch in Rotterdam gibt es Probleme. Dort stauen sich die auf Abfertigung wartenden Binnenschiffe jetzt ebenfalls.

Sie sprachen auch China an. Welche Rolle spielt das Land?

Die unberechenbare Politik der Diktatur verschlimmert die Situation. Die Regierung hat zum Beispiel zeitweise den Containerhafen von Futian gesperrt, weil Hafenarbeiter an Corona erkrankt waren: Wochenlang wurden nur halb so viele Schiffe abgefertigt wie sonst üblich. Dann liegt China mit dem Kohle-Exporteur Australien im Handelsstreit. Die Kraftwerke der Volksrepublik bekommen deshalb nicht genug Kohle, und die Regierung dreht Betrieben den Strom ab. So führt der Rohstoffmangel zu Produktionsausfällen.

Und dann gibt es noch den Chipmangel…

Genau. Der ist Ursache für die Lieferschwierigkeiten etwa bei Laptops und Spielkonsolen. Bei Autoherstellern stehen deshalb sogar Bänder still – oder die Unternehmen produzieren halbfertige Pkws auf Halde.

Wie könnten sich Geschäfte und Unternehmen vor den Problemen in der Lieferkette schützen?

Manche Betriebe stocken ihre Vorräte auf. Aber: Wenn ein Mittelständler mit 150 Millionen Euro Jahresumsatz für 60 Millionen Euro Material und Vorprodukte auf Lager nimmt, müssen Banken und Kreditgeber da erst einmal mitmachen. Das birgt schließlich ein enormes Risiko.

Sollten wir in Europa wieder mehr selbst herstellen?

Diese Diskussion gibt es jetzt in vielen Betrieben, in jeder Branche. Aber das ist nicht einfach abzuwägen. In Europa in großem Stil und mit Fördermilliarden der EU eine eigene Chipproduktion hochziehen? Da kann es sein, dass die Fertigung in Asien wieder brummt, bevor die Fabriken fertig sind. C&A testet gerade eine On-demand-Jeans-Produktion in Mönchengladbach. Und hatte es nicht leicht, Personal zu finden, das nähen kann. Denn die Gesäßtaschen werden etwa nach wie vor mit der Hand aufgesetzt. Am Ende soll die Jeans unter 100 Euro kosten. Den Preis wird aber nicht jeder Verbraucher zahlen wollen.

Das klingt nach einem Problem ohne rechte Lösung.

Ja, so ist es. Dem müssen wir uns aber stellen. Denn die Rahmenbedingungen werden nicht besser. China benötigt seine Produktionskapazitäten zunehmend selbst, also um den eigenen riesigen Binnenmarkt zu versorgen. Millionen von Chinesen wollen mehr Wohlstand. Das bedeutet: Es wird in Zukunft schwieriger, in China billig für uns einzukaufen, wie wir das lange Zeit getan haben. Da tickt eine Zeitbombe. Ein Standbein unseres Wohlstands gerät ins Wanken. Ich finde: Es ist höchste Zeit, dass die Politik diese Herausforderung realisiert.

Lieferprobleme: Schwierigkeiten bis Sommer 2022 erwartet

Lieferengpässe und kein Ende: Bis weit in den Sommer 2022 werden sich die Lieferschwierigkeiten im Einzelhandel hinziehen. Das ergab jetzt eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts. Im Schnitt rechnen die Firmen der Branche damit, dass die Beschaffungsprobleme weitere zehn Monate andauern. Der Anteil der Unternehmen mit Nachschubproblemen ist mittlerweile etwas zurückgegangen, von 74 auf 60 Prozent.

Die größten Nachschubprobleme herrschen laut dem Ifo-Institut nach wie vor bei Fahrrädern (fast 90 Prozent der Firmen), Unterhaltungselektronik sowie Heimwerkerprodukten (je 84 Prozent). Bei elektrischen Haushaltsgeräten melden 79 Prozent, bei Computer und Software 77 Prozent und bei Spielwaren 76 Prozent der Betriebe Lieferschwierigkeiten.