Übach-Palenberg. Das Gehäuse ist mannshoch, aus dickem, rot lackiertem Stahl. Und es erinnert ein bisschen an eine Astronautenkapsel. Es steht in einer Fabrikhalle in Übach-Palenberg bei Aachen und ist das fast fertige Bauteil eines großen Kompressors. Lutz Kettenus befestigt daran gerade Führungsringe auf einem Kolben, der das Gas im mächtigen Zylinder verdichtet.

Die Ringe sind, damit wenig Reibung entsteht, aus Teflon – dem Material, mit dem Pfannen beschichtet werden. „Deshalb müssen die Ringe nicht geschmiert werden, und es gelangt kein Öl ins Gas“, berichtet der Monteur während des aktiv -Besuchs bei seinem Arbeitgeber Neuman & Esser (NEA) noch vor dem Corona-Shutdown. Keinerlei Verunreinigung, das sei wichtig. Der Kompressor wird später Wasserstoff in der Entschwefelungsanlage einer Raffinerie verdichten.

Acht von zehn Kompressoren gehen in den Export

Kolbenkompressoren machen den Löwenanteil der Produktion der Gruppe mit 1.130 Mitarbeitern weltweit und rund 250 Millionen Euro Umsatz aus. 85 Prozent sind für den Export bestimmt. Die Maschinen verdichten Luft und technische Gase, dienen zum Beispiel der Entschwefelung von Kraftstoffen, der Versorgung mit Erdgas und der unterirdischen CO2-Speicherung.

Bisher finden sie hauptsächlich in der Öl- und Gas-Industrie, der Chemie und der Energiewirtschaft Einsatz. Aber das Familienunternehmen, 1830 gegründet, seit 1891 in Besitz der Familie Peters, rüstet sich für einen ganz neuen Markt: Und der basiert auf Wasserstoff.

Bundesregierung will Wasserstoff-Technologien mit 1,4 Milliarden Euro fördern

Der Energieträger ist in den Fokus von Wirtschaft und Politik gerückt: Die Bundesregierung will bis 2026 Anwendungen mit 1,4 Milliarden Euro fördern. Die Stahl-, Chemie- und Zement-Produzenten bereiten sich vor, Arbeitsprozesse umzustellen. Verkehrsunternehmen entdecken die lange vernachlässigte Brennstoffzelle wieder: Sie erzeugt durch die chemische Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff Strom und treibt einen Elektromotor an. Aus dem Auspuff kommt dabei nur Wasserdampf.

Die Wende weg von den fossilen Rohstoffen Erdöl, Erdgas und Kohle ist ein großes Thema für den Produzenten von Kompressoren und Mahlanlagen. „Umweltthemen bestimmen unser Geschäft“, betont Alexander Peters, der NEA gemeinsam mit seiner Schwester Stefanie Peters in der vierten Generation führt.

Wasserstoff ist das kleinste Molekül in der Natur

Viele Raffinerien unter ihren Kunden erzeugen Wasserstoff aus Erdgas in einem Pilotprojekt. Damit der Wasserstoff aber wirklich „grün“ ist, muss er durch Elektrolyse hergestellt werden, die mit Öko-Strom betrieben wird. Wasser wird dabei mit viel Energie in seine Bestandteile gespalten: am besten dort, wo reichlich Energie aus Sonne und Wind anfällt. „Und dann muss der Wasserstoff transportiert, gespeichert und auch komprimiert werden“, so Stefanie Peters.

Das ist nicht ohne, denn es ist das kleinste Molekül in der Natur: Es entschwindet durch jede Pore. „Wir haben seit 80 Jahren Erfahrung mit der Verdichtung von Wasserstoff. Es ist ein sehr reaktionsfreudiges und flüchtiges Gas, aber die Technik ist bewährt und energieeffizient“, sagt Alexander Peters. Der Ingenieur ist zuversichtlich, dass ihm das kein Konkurrent so schnell nachmacht.

Zum Unternehmen gehört auch Hofer, ein Ausrüster von Wasserstoff-Tankstellen

Zudem hat NEA vor fünf Jahren Hofer, einen Spezialisten für Hochdruck-Technik, übernommen. Das ist ein Pionier bei der Ausrüstung von Wasserstoff-Tankstellen, die alle mit einem Kompressor ausgestattet werden. Die NEA-Chefs sind überzeugt, dass Gabelstapler, Lkws, Züge, Busse und Schiffe künftig sauber mit Wasserstoff fahren werden. „Die Brennstoffzelle ist für lange Strecken und schwere Fahrzeuge die bessere Lösung als die Elektrobatterie“, sagt Stefanie Peters.

Zudem hat NEA sich mit einer Aachener Uni-Ausgründung zusammengetan, die Brennstoffzellen für Lieferwagen entwickelt. Die jüngste Firmentochter gehört NEA und dem Start-up Halbe-halbe und hilft Kommunen, ihren Lieferverkehr emissionsfrei zu organisieren, die Wasserstoff-Versorgung inbegriffen. „Für uns als ein traditionelles Familienunternehmen ist das eine andere Welt“, sagt Stefanie Peters. „Wir wollen solche Themen gemeinsam mit Start-ups angehen.“

Wasserstoffantrieb

  • Bundesweit gibt es 70 öffentliche Wasserstofftankstellen, bis Ende 2021 sollen 130 dazukommen.
  • Der Alternativ-Sprit wird mit 900 Bar zusammengepresst und gelagert. Zum Vergleich: In einem Autoreifen liegt der Druck nur zwischen 2 und 2,5 Bar.
  • Derzeit sind laut Kraftfahrt-Bundesamt nur 507 Wasserstoffautos auf Deutschlands Straßen unterwegs.
Matilda Jordanova-Duda
Autorin

Matilda Jordanova-Duda schreibt für aktiv Betriebsreportagen und Mitarbeiterporträts. Ihre Lieblingsthemen sind Innovationen und die Energiewende. Sie hat Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für mehrere Print- und Online-Medien, war auch schon beim Radio. Privat findet man sie beim Lesen, Stricken oder Heilkräuter-Sammeln.

 

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