Düsseldorf. Rund 3,7 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten nachts. Als Lkw-Fahrer, Notfallsanitäter, Bäckerin – und natürlich in der Industrie. Ohne Nachtschichten würden in vielen Betrieben wirtschaftlich die Lichter ausgehen, weil moderne Produktion extrem verkettet ist. „Da kann man nicht einfach acht Stunden rausnehmen, sonst droht auch am Tage Stillstand“, sagt Veit Hartmann, Arbeitszeitexperte im Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa). Schon technisch seien Pausen oft kaum möglich: „Bestimmte Öfen etwa können Sie nicht ständig runterfahren, ohne dass die Anlagen Schaden nehmen.“

Den möglichen Gesundheitsrisiken für ihre nachts arbeitenden Beschäftigten begegnen Unternehmen mit vielfältigen Initiativen. Dazu gehören regelmäßige betriebsärztliche Check-ups, aber auch Fitnesskurse und Beratungsangebote. Studien zufolge haben Nachtarbeiter etwa häufiger Schlafstörungen und Darmbeschwerden. Letzteres wohl deshalb, weil die ungewöhnliche Arbeitszeit zu schlechter Ernährung verleiten kann – was wiederum das allgemeine Erkrankungsrisiko erhöht. „Umso wichtiger ist es, besonders im Nachtdienst auf die Ernährung zu achten“, sagt Hartman. Firmen wie BASF haben deshalb spezielle Essens-Angebote für Nachtschichtler.

Eule oder Lerche? Belastung hängt vom Chronotyp ab

Ansonsten gilt: „Wie gut jemand nachts arbeiten kann, hängt insbesondere auch von seinem biologisch festgelegten Chronotyp ab“, so der Experte. Langschläfer, auch „Eulen“ genannt, tun sich damit leichter als Frühaufsteher, die sogenannten Lerchen. Wie Nachtarbeit gesundheitsverträglich gestaltet werden kann, dazu hat die Arbeitsmedizin einige Empfehlungen entwickelt. Dazu gehört etwa, nicht zu viele Nachtschichten am Stück einzulegen. Auch vorwärtsrollierende Systeme, bei denen auf Früh- erst Spät- und dann Nachtschichten folgen, sind ratsam. Allerdings: „Das perfekte Schichtmodell für alle gibt es nicht“, sagt Hartmann, der Unternehmen beim Entwickeln von Schichtplänen berät.

Übrigens: Ganz auf Nachtarbeit verzichten können und wollen auch viele Mitarbeiter nicht. Zum einen wegen der Entgelt-Zuschläge. Zum anderen, weil es sich nachts ruhiger arbeitet. „Nachts werden keine Versuche gefahren, kein Kunde schaut vorbei“, sagt Hartmann. Und im Stau steht man auch nicht so oft.

Nachgefragt: Wie erleben Mitarbeiter ihre Nachtarbeit?

„Ich habe mehr Zeit für die Familie"

Stefan Herz: „Seit elf Jahren bin ich im Drei-Schicht-Betrieb bei Ziehl-Abegg, seitdem ich meine Ausbildung abgeschlossen habe. Anders geht es bei uns nicht, aber ich komme gut damit zurecht. Nur bei der Frühschicht fällt mir manchmal das Aufstehen schwer. Und beim Schichtwechsel brauche ich ein, zwei Tage für die Umstellung. Wie es mir in den einzelnen Nachtschichten geht, ist ganz unterschiedlich: Mal fühle ich mich topfit, mal werde ich am Ende müde und sehne den Feierabend herbei.

Als Schichtkoordinator plane ich die Arbeit in der Gießerei, wo die Flügel für unsere Ventilatoren hergestellt werden. Wir sind immer dasselbe, gut eingespielte Team, und die Schichtarbeit schweißt uns noch enger zusammen. Schön an der Nachtschicht ist auch, dass man ganz in Ruhe arbeiten kann. Niemand kommt vorbei und lenkt einen ab. Und die Schichtzulage hilft finanziell, vor allem wenn man Familie hat, so wie ich. Meine zwei Buben sind eineinhalb und vier Jahre alt. Der große ist im Kindergarten, aber nachmittags auch zu Hause.

Da ich tagsüber öfter zu Hause bin, habe ich mehr Zeit für meine Familie. Meine Frau findet das sogar besser, als wenn ich in der Normalschicht wäre. Denn ich kann bei den Kindern sein, wenn sie beruflich unterwegs ist. So kann sie 15 Stunden in der Woche arbeiten. Natürlich muss ich irgendwann auch mal schlafen. Aber zum Glück brauche ich nicht so viel Schlaf. Wenn die Kinder mal laut sind, stört mich das nicht, denn ich schlafe sehr tief und fest. Und falls es mal nicht mehr so gut gehen sollte, gibt es bei Ziehl-Abegg auch die Möglichkeit, in den Zwei-Schicht-Betrieb zu wechseln. Wahrscheinlich werde ich das auch irgendwann einmal machen.“

„Nachts kochen wir zusammen“

Luca Boukari: „Ich arbeite seit Juli 2020, seit meinem letzten Ausbildungsjahr, im Schichtbetrieb. Ein Arbeitstag hat immer zwölf Stunden, von 6 bis 6 Uhr – einmal Tagschicht, einmal Nachtschicht, dann habe ich zwei Tage frei. Für Chemikanten ist das normal, weil bei BASF rund um die Uhr produziert wird, 365 Tage im Jahr. Deshalb hat das Gesundheitsmanagement auch spezielle Angebote für Schichtarbeiter. So hat zum Beispiel das unternehmenseigene Fitnessstudio bereits um 6 Uhr geöffnet. Oder eine Beratung, wie man besser schläft.

Meine Lebensgefährtin arbeitet auch in einem Zwölf-Stunden-Rhythmus. Sie kennt das also und hat kein Problem damit. Was wir cool finden: Wenn man unter der Woche frei hat, kann man zum Beispiel in ein Spa gehen, das am Wochenende einfach zu voll ist. Und man kann Dinge wie Behördengänge einfacher erledigen. Ich habe mich mit diesem Modell angefreundet und bin darauf eingestellt, noch sehr lange so zu arbeiten.

In meinem Bekanntenkreis sind Leute, die schon seit 40 Jahren auf 4 x 12-Stunden-Wechselschicht arbeiten und superfit sind. Ganz wichtig ist, genug zu schlafen. Wenn ich vor der Nachtschicht einen Mittagsschlaf mache, bin ich danach fit. Nach der Nachtschicht achte ich darauf, dass ich nicht zu lange schlafe, höchstens bis 12 Uhr. Dann bin ich abends müde und komme besser wieder in den natürlichen Rhythmus rein.

Die Schichten habe ich immer mit denselben Kollegen. Nachts kochen wir auch mal zusammen im Betrieb in einer eigenen Küche, denn dann hat ja die Kantine zu. Dafür gibt es bei BASF auch spezielle Angebote zu gesunden Mahlzeiten in der Nachtschicht. Wir sind fast wie eine zweite Familie geworden und machen auch in der Freizeit einiges zusammen.

Meine Kollegen haben mir etwas Schönes erzählt, das ich bestimmt auch mal erleben werde: In der Nachtschicht an Silvester haben sie das Feuerwerk über Ludwigshafen vom Dach des Betriebsgebäudes aus gesehen.“

„Sport ist ein guter Ausgleich“

Jürgen Maybaum: „In unserer Produktion ist Schichtarbeit ein Muss. Mit Unterbrechungen arbeite ich schon seit 1990 im Drei-Schicht-Betrieb inklusive Wochenenden, im wöchentlichen Wechsel.

Bis ich 45 Jahre alt war, ging das völlig problemlos. Auch jetzt empfinde ich die eigentliche Arbeit nicht als anstrengend, aber die Ruhephasen, die Erholungsphasen zwischen den Schichten, sind mir mittlerweile zu kurz. Was mir da hilft: Ich habe meine Ernährung umgestellt von viel Deftigem auf leichtere Kost, mehr Gemüse und Obst. Dann habe ich nach dem Essen kein Völlegefühl und kann besser schlafen. Außerdem mache ich Sport als Ausgleich.

Früher habe ich ohne Ende Fußball gespielt, seit etwa eineinhalb Jahren fahre ich viel Fahrrad. Dadurch komme ich schneller zur Ruhe und schlafe fester. Und wenn ich mal nicht schlafen kann, schwinge ich mich aufs Rad und danach geht es dann.

Ich kann und möchte also auch weiterhin Nachtschichten machen, auch wenn SIG die Möglichkeit geschaffen hat, in den Zwei-Schicht-Betrieb zu wechseln. Ein großer Anreiz ist natürlich der Verdienst, vor allem für die Sonntagsschichten: Man bekommt deutlich mehr Geld für die gleiche Arbeit. Im Team kennen wir uns schon so lange, dass wir uns super verstehen und genau wissen, wie wir miteinander umgehen können. Das macht die Arbeit sehr angenehm.

Positiv finde ich auch, dass ich meine Tage freier einteilen kann. Zum Beispiel kann ich Arzttermine so legen, dass ich direkt nach der Nachtschicht, um sieben Uhr morgens oder um halb acht, dorthin gehe – und dann ins Bett. Es gibt natürlich auch Nachteile: Etwa, wenn die Familie im Sommer grillt und der Papa dann zur Arbeit muss. Und tagsüber muss Ruhe sein, damit ich schlafen kann. Aber insgesamt hat es unser Familienleben nicht beeinträchtigt. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder.“