Zwei Buchstaben: M und E. Und eine Erfolgsgeschichte: Die Metall- und Elektro-Industrie ist das Rückgrat der Wirtschaft im Südwesten. In der ganzen Welt erzählt man sich, wie Carl Friedrich Benz hier das Auto erfunden hat, wie hoch die Weltmarktführer-Dichte ist und wie spitze die Patent-Statistik. Doch momentan stottert der Motor der wichtigsten Schlüsselbranche.

Während die Produktion in anderen Regionen der Welt längst wieder zulegt, steckt die hiesige M+E-Industrie in der Krise fest. Der Auftragseingang schwächelt, am Jahresanfang wurden fast 7 Prozent weniger produziert als ein Jahr zuvor, im Fahrzeugbau sogar 21 Prozent weniger. Unternehmen fahren Sparprogramme.

Die Arbeitskosten sind höher als in den meisten anderen Ländern

Noch stellt die Branche rund ein Fünftel aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in Baden-Württemberg. Doch wie sicher sind sie? Da sind einerseits gute Nachrichten: 86 Prozent aller Beschäftigten sind Fachkräfte und Spezialisten. Und laut Arbeitsagenturen sind qualifizierte Leute am wenigsten vom Jobverlust bedroht, werden sie doch für die Transformation gebraucht.

Doch der Standort BaWü läuft Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten, denn Arbeit ist hier besonders teuer. Die Arbeitskosten je produzierter Einheit sind bei uns höher als in den meisten anderen Ländern und 2023 noch mal um fast 8 Prozent gestiegen. Ausländische Unternehmen haben hierzulande so wenig investiert wie seit zehn Jahren nicht mehr. aktiv hat die wichtigsten Daten und Fakten zusammengetragen.

So ist die Auftragslage

Das Hauptproblem ist der Auftragsmangel. Die M+E-Unternehmen in Baden-Württemberg bekommen zu spüren, dass viele Kunden aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheit und strikter Finanzierungsbedingungen weniger investieren. Schon 2023 waren die Aufträge um rund 12 Prozent zurückgegangen. Und zum Jahresanfang im Januar war der Auftragseingang um gut 4 Prozent niedriger als im Vorjahres-Januar. Deshalb produzierten die Betriebe Anfang 2024 auch fast 7 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor.

So viele Leute sind hier beschäftigt

Sie ist mit Abstand der größte Industriezweig im Südwesten: Die Metall- und Elektro-Industrie ist Arbeitgeber für 985.000 Menschen. Diese arbeiten in vielen unterschiedlichen Berufen – allein rund 40 verschiedene Ausbildungsberufe bieten die Unternehmen für den Nachwuchs an.

Und hier kennt man sich in vielen Belegschaften: Die meisten Unternehmen, nämlich 86 Prozent, haben weniger als 250 Mitarbeiter. Neben vielen Mittelständlern, die häufig familiengeführt sind, gibt es natürlich auch noch etliche Großunternehmen. Die fünf größten Betriebe zusammen erwirtschaften in der Summe pro Jahr mehr als 300 Milliarden Euro Umsatz. Das ist gut fünfmal so viel wie der Landeshaushalt von Baden-Württemberg!

So steht es um die Arbeitsplätze

Das Ifo-Institut aus München fragt jeden Monat bei fast 10.000 Unternehmen in Deutschland nach: Werden die Belegschaften dort in den nächsten drei Monaten gleich bleiben, größer oder kleiner werden? Die Zeichen standen zuletzt deutschlandweit in der M+E-Industrie auf Personalabbau.

Was die Grafik zeigt, ist der Saldo aus dem Prozentanteil der Firmen, die zum jeweiligen Zeitpunkt einen zu-, abnehmenden oder gleichbleibenden Personalstand ankündigten. Melden zum Beispiel 20 Prozent der Unternehmen eine Zunahme und 30 Prozent eine Abnahme, so liegt der Saldo bei minus 10.

So hoch sind die Kosten für die Betriebe

Hier investieren oder doch anderswo? Das Institut der deutschen Wirtschaft aus Köln befragte im vergangenen Herbst mehr als 2.200 Unternehmen, welche Rolle verschiedene Standortfaktoren spielen. Wichtigstes Kriterium: die Arbeitskosten!

Der letzte Vergleich der EU ergab: Im Jahr 2022 waren die Industrie-Arbeitskosten bei uns mit durchschnittlich 44 Euro pro Stunde die vierthöchsten in der EU – der Durchschnitt liegt bei 30,50 Euro pro Stunde. Die M+E-Löhne sind besonders hoch. Gut 66.400 Euro betrug hier 2021 das durchschnittliche Jahresbrutto in Baden-Württemberg.

Zuletzt sind im produzierenden Gewerbe die Arbeitskosten je produzierter Einheit („Lohnstückkosten“) stark gestiegen: 2022 um 4,8 Prozent, 2023 sogar um 7,9 Prozent. Dafür sind auch die hohen Sozialversicherungsbeiträge mitverantwortlich. Ihr Anteil ist wieder auf über 40 Prozent gestiegen.

Oliver Barta, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, fordert deshalb: „Politik und Sozialpartner müssen alles daran setzen, wettbewerbsfähigere Rahmenbedingungen zu schaffen.“

So sieht’s in Fertigungsjobs aus

Die über viele Jahre positive Beschäftigungsentwicklung in der M+E-Industrie ist zum Stillstand gekommen. Wirft man einen Blick auf die Fertigungsberufe ganz allgemein, so stellt man fest: Hier gab es im Februar bereits gut 5.000 Arbeitslose mehr als ein Jahr zuvor.

Im Zeitraum von November bis Februar ist die Zahl der Arbeitslosen in diesem Bereich um gut 4.000 gestiegen und gleichzeitig ist die Zahl der bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Stellen um 1.500 zurückgegangen. In der Produktion werden also heute bereits weniger Mitarbeiter gebraucht.

Und so geht’s jetzt weiter

Die Prognosen fallen verhalten aus. Forscher von Deutsche Bank Research beispielsweise schätzen, dass die Autoproduktion in diesem Jahr stagniert – und „rechnen nicht damit, dass die Inlandsproduktion wieder an frühere Spitzenwerte anknüpfen kann“. Und eine Trendwende im Auftragseingang beim Maschinenbau erwarten sie nicht vor dem dritten Quartal.

Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Barta sagt: „Die schwierige Situation wird mindestens noch einige Monate anhalten. Ob wir noch in diesem Jahr einen Umschwung erleben dürfen, ist mehr als unsicher.“ Dass weniger Beschäftigte gefragt sind, liege nicht nur an der Konjunktur, sondern auch an der Transformation.

Gut zu wissen: Gebraucht werden dafür vor allem qualifizierte Leute.

Barbara Auer
aktiv-Redakteurin

Barbara Auer berichtet aus der aktiv-Redaktion Stuttgart vor allem über die Metall- und Elektro-Industrie Baden-Württembergs – auch gerne mal mit der Videokamera. Nach dem Studium der Sozialwissenschaft mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre volontierte sie beim „Münchner Merkur“. Wenn Barbara nicht für aktiv im Einsatz ist, streift sie am liebsten durch Wiesen und Wälder – und fotografiert und filmt dabei, von der Blume bis zur Landschaft.

Alle Beiträge der Autorin