Die Windkraftanlage, die im Prüffeld des Rostocker Nordex-Werks steht, ist ein echtes Schätzchen. Ein Oldtimer sozusagen. Die N27/250 stammt aus dem Jahr 1987, als der Rennfahrer Sebastian Vettel geboren wurde, aber anders als der vierfache Formel-1-Weltmeister ist das Turbinenmodell in einigen Windparks immer noch im Einsatz.

„Anfang der 1990er Jahre war unsere N27 die weltweit leistungsstärkste Windturbine im Markt“, erzählt Ingenieur Stephan Babbel, der das Rostocker Prüffeld seit 2014 leitet. „Sie hat eine Leistung von 250 Kilowatt, was damals wirklich beachtlich war und zugleich den technischen Fortschritt in diesem Bereich zeigt. Denn heute liefert unsere stärkste Anlage, die neue N163/6.X, eine maximale Leistung von 6,8 Megawatt – 2.700 Prozent mehr als die N27/250.“

Was das konkret bedeutet, macht Werkleiter Alexander Farnkopf mit einem praktischen Beispiel deutlich. „Die N163/6.X produziert in einer Stunde so viel Strom, dass ein durchschnittliches Elektroauto damit rund 43.000 Kilometer zurücklegen könnte.“ Mit anderen Worten: Es würde für fast 250 Fahrten von Rostock nach Hamburg reichen, wo Nordex seinen Hauptsitz hat.

Erfolgreicher Start der neuen Turbine

Kein Wunder also, dass die Rostocker stolz sind auf ihr neues Modell. Als vor einigen Wochen die Serienproduktion der Maschinenhäuser vom Typ N163/6.X begann, gab es eine große Feier mit Nordex-CEO José Luis Blanco, der gemeinsam mit Staatssekretär Jochen Schulte und Werkleiter Alexander Farnkopf den Startknopf drückte.

Blanco zeigte sich in seiner Ansprache zufrieden mit der Arbeit in Rostock. „Nur sieben Monate nach der Errichtung der ersten zwei Prototypen rollen jetzt planmäßig die Anlagen des Typs N163/6.X in Serie aus diesem Werk“, sagte er. „Langfristig soll die Jahresproduktion allein dieser Turbinen hier etwa ein Gigawatt betragen.”

Auch bei der Kundschaft kommt die N163/6.X prima an. Nordex hat bereits einige Aufträge mit einer Gesamtleistung von über 1,2 Gigawatt für die Lieferung und Errichtung der Anlage erhalten. Die Nachfrage stammt vor allem aus den entwickelten Absatzmärkten, neben den Niederlanden aus Finnland, der Türkei, Estland und Deutschland.

Die Turbinenleistung ist flexibel konfigurierbar

In diesen Ländern befinden sich viele Projekte an schwächeren Windstandorten in der Planung. Genau dafür wurde die N163/6.X mit ihrer flexibel konfigurierbaren Leistung im Sechs-Megawatt-Bereich entwickelt.

Einer der Aufträge kam Ende März von der litauischen E Energija Group in Vilnius. Er umfasst die Lieferung, Errichtung und Inbetriebnahme von 16 Anlagen des Typs N163/6.X sowie einen langfristigen Servicevertrag für die Wartung. Die Auslieferung der Turbinen beginnt laut Vertrag 2024, die Inbetriebnahme ist für das gleiche Jahr geplant.

Werkleiter Alexander Farnkopf: „Wir freuen uns über das hohe Interesse und wollen die wachsende Nachfrage für das neue Modell möglichst umfassend bedienen. Deshalb haben wir unsere drei Hauptfertigungslinien der Produktion in der Phase vor dem Serienstart speziell für diesen Anlagentyp erweitert.” Die damit verbundenen Investitionen summierten sich laut Konzernchef José Luis Blanco auf rund 2 Millionen Euro.

Die Belegschaft soll aufgestockt werden

Auch die Belegschaft wurde intensiv auf den Produktionsanlauf vorbereitet. Werkleiter Farnkopf: „Das sind alles erfahrene Kollegen, die schon seit Jahren Maschinenhäuser für andere Nordex-Turbinen bauen. Derzeit beschäftigen wir in der Rostocker Produktion ungefähr 770 Mitarbeiter, 75 weitere Fachkräfte möchten wir aber noch einstellen und qualifizieren.“

Auch in Sachen Ausbildung gibt es ehrgeizige Pläne. Personalreferentin Margarethe Heyn: „Ausbildung ist uns sehr wichtig. Wir haben aktuell rund 50 Azubis und wollen die Zahl mittelfristig deutlich erhöhen.“

Eine der Auszubildenden ist Ellen Händler. Die 26-Jährige erlernt bei Nordex den Beruf der Industriekauffrau und ist derzeit im ersten Lehrjahr. „Ich habe mich nach meinem Bachelor-Studium für eine Ausbildung bei Nordex entschieden, weil ich das Unternehmen und die Branche sehr spannend fand“, erzählt sie. „Und diese Wahl habe ich bislang nicht bereut. Die Stimmung in der Belegschaft ist positiv, die Perspektiven sind gut und die Kollegen, die ich bislang kennengelernt habe, sehr nett. Das gefällt mir.“

Das Werk in der Rostocker Südstadt ist aktuell das einzige der Nordex Group, in dem Triebstränge, Maschinenhäuser, Schaltschränke, Naben für alle Turbinenmodelle des Unternehmens von der Zwei- bis zur Sechs-Megawatt-Klasse gefertigt und montiert werden. Der Standort ist zugleich das Leitwerk der Maschinenhaus-Fertigung im weltweiten Produktionsverbund der Nordex Group. Hier entstehen über 50 Prozent der Nordex-Maschinenhäuser.

Das Maschinenhaus, auch „Gondel“ oder „Nacelle“ genannt, heißt nicht ohne Grund so – es ist ähnlich groß wie ein kleines Wochenendhaus. Mit einer Länge von ungefähr 13 Metern wiegt es 70 Tonnen, also fast so viel wie zwölf afrikanische Elefantenbullen.

Kontinuierliche Effizienzsteigerung

Es beherbergt den Triebstrang, die Rotorkopflagerung, Hilfsausrüstung wie Elektronik und Kühlsysteme, einen Teil der elektrischen Ausrüstung und den Mechanismus, mit dem die Turbine im Windpark um 360 Grad gedreht werden kann. Werkleiter Farnkopf: „Unsere Ingenieure im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten kontinuierlich daran, die Effizienz der Anlagen zu erhöhen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Gondel unserer neuen Turbine N163/6.X trotz ihrer höheren Leistung nicht größer ist als die der älteren Anlagen.“

Auch ansonsten ruht sich das Unternehmen nicht auf den Erfolgen der Vergangenheit aus. Erst kürzlich meldete Nordex den Einstieg in zwei strategische Joint Ventures, die eine Menge Potenzial mit sich bringen könnten: eines für die Herstellung von Elektrolyseuren, die ein Kernelement bei der Herstellung von grünem Wasserstoff sind, und das zweite für die Entwicklung grüner Wasserstoffprojekte.

Hintergrund: Deutschland soll bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral werden, so jedenfalls sehen es das Klimaschutzgesetz und der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung vor. Experten erwarten daher, dass die Nachfrage nach grünem Wasserstoff in den nächsten 30 Jahren massiv steigen wird.

Die Ausbauzahlen gehen nach oben

Dazu passen die jüngsten Daten der Fachagentur Windenergie an Land, die einen deutlichen Anstieg beim Ausbau der Windkraft meldet. Von Januar bis Ende März 2023 gingen nach Angaben der Berliner Agentur bundesweit 117 neue Windräder mit einer Gesamtleistung von 546 Megawatt in Betrieb, 17 Prozent mehr als im Vorjahresquartal.

Das sorgt auch in Rostock für Optimismus. Werkleiter Farnkopf: „Angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse sehe ich ausgezeichnete Chancen für unser Werk.“

Die Nordex-Gruppe

Seit der Gründung im Jahr 1985 ist das börsen- notierte Unternehmen stetig gewachsen und beschäftigt heute mehr als 9.000 Mitarbeiter. Das Produktprogramm konzentriert sich auf Onshore-Turbinen mit 4 bis 6,8 Megawatt (MW). Die Gesamtleistung der bislang installierten Turbinen liegt bei rund 44 Gigawatt.

Zum Fertigungsverbund gehören Werke in den USA, Deutschland, Spanien, Brasilien, Indien und Mexiko. Seit dem Zusammenschluss mit Acciona Windpower (2016) zählt Nordex zu den weltgrößten Herstellern von Windkraftanlagen.

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Clemens von Frentz
Leiter aktiv-Redaktion Nord

Der gebürtige Westfale ist seit über 35 Jahren im Medienbereich tätig. Er studierte Geschichte und Holzwirtschaft und volontierte nach dem Diplom bei der „Hamburger Morgenpost“. Danach arbeitete er unter anderem bei n-tv und „manager magazin online“. Vor dem Wechsel zu aktiv leitete er die Redaktion des Fachmagazins „Druck & Medien“. Wenn er nicht in den fünf norddeutschen Bundesländern unterwegs ist, trainiert er für seinen nächsten Marathon.

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