Um 55 Prozent sollen die CO2-Emissionen der Neuwagenflotten bis 2030 sinken, bis 2035 dann um 100 Prozent. So steht es im Maßnahmenpaket „Fit for 55“, das die EU-Kommission im Juli vorgestellt hat. Faktisch kommt das, und das sollte sich jeder klarmachen, einem Verbot von neuen Verbrennern gleich. Gleichzeitig soll die Infrastruktur an Ladestellen und Wasserstofftankstellen ausgebaut werden. Geplant ist zudem, den Emissionshandel für die Industrie zu verschärfen und auf weitere Sektoren auszuweiten. 40 Prozent des Endenergieverbrauchs müssen 2030 aus erneuerbaren Quellen stammen. Für klimaschädliche Produkte von außerhalb der EU wird eine Art Importzoll ins Auge gefasst.

Es genügt nicht, die Latte einfach immer höher zu hänge

So will Brüssel dem Klimaschutz auf die nötigen Sprünge helfen. Nur: Die Latte immer höher zu legen, hilft allein noch nicht. Das sei keine gute Strategie – vor allem, wenn man noch nicht einmal wisse, wie man über die niedrigere kommen soll, warnte Siegfried Russwurm, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, schon zuvor im Juni. Die Unternehmen stehen zum Klimaschutz, wie Russwurm betont, aber sie brauchen Planungssicherheit. Denn wichtige Investitionsentscheidungen müssen sie heute schon für die nächsten zehn Jahre treffen.

Die Unternehmen arbeiten längst mit Hochdruck an den Lösungen

Grundsätzlich sei der Wandel durchaus zu schaffen, meint Wilfried Porth, der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands Südwestmetall: „Deutschland ist ein Innovationsland, seine weltweit anerkannte Stärke ist die Ingenieurskunst. Unsere Unternehmen haben sich längst auf den Weg gemacht, arbeiten mit Hochdruck an den Lösungen für die Zukunft.“ aktiv hat bei Unternehmen nachgefragt, wie sie die Herausforderung konkret angehen und was das neue EU-Paket für sie bedeutet. Es zeigt sich: Die Firmen haben schon längst viel Geld in die Hand genommen, um möglichst energieeffizient und klimafreundlich zu produzieren. Sie investieren auch weiterhin in entsprechende neue Technologien. Aber sie brauchen eben auch eine sachgerechte Unterstützung der Politik.

„Wir haben die CO2-Reduktion schon viel länger im Blick als die Politik“

Auf dem Prüfstand: Mahle testet Komponenten für Brennstoffzellen und Motoren, die mit Wasserstoff laufen.

Mahle: Im Klimaschutz sieht der Automobilzulieferer die zentrale Aufgabe für die Mobilität der Zukunft. Schon seit über zehn Jahren ist das Unternehmen Zulieferer für Brennstoffzellenfahrzeuge – und investiert besonders am Standort Stuttgart in neue Technologien. Im November 2020 wurde ein neuer Prüfstand für E-Antriebe in Betrieb genommen.

Seit April 2021 werden in einem neuen Prüfzentrum Komponenten für Brennstoffzellen und Motoren getestet, die beinahe emissionsfrei mit Wasserstoff laufen. Im Mai meldete der Konzern, dass er einen neuartigen magnetfreien E-Motor entwickele, der ohne seltene Erden auskommt.

Die Transformation wird konsequent vorangetrieben

„Mahle treibt seine technologische und strukturelle Transformation konsequent weiter voran“, unterstreicht Interims-CEO Michael Frick. Wichtig sei jetzt ein technologieoffener Ansatz, der in verschiedene Richtungen geht: E-Antriebe, Brennstoffzellen – und Verbrenner, die mit nicht fossilen Kraftstoffen laufen. Das EU-Klimapaket „Fit for 55“ sieht Frick daher mit gemischten Gefühlen. Zwar begrüße er, dass die EU versuche, einen Pfad zur Klimaneutralität zu definieren. Aber das Vorschreiben einer Technologie widerspreche dem freien Wettbewerb und gefährde letztlich Arbeitsplätze in Deutschland und Europa.

„Eine Technologie vorschreiben? Das gefährdet Arbeitsplätze“

Boysen: „Das Ziel des Klimaplans ‚Fit for 55‘ ist absolut begrüßenswert!“ So sagt es Rolf Geisel, Geschäftsführer der Boysen Gruppe in Altensteig, eines Spezialisten für Abgastechnik. „Bezogen auf die Auto-Industrie ist es jedoch nur mit Technologieoffenheit erreichbar.“ Denn: Die Bestandsflotte bis 2030 weitgehend zu elektrifizieren, das sei unmöglich. Folglich unumgänglich sei der Einsatz synthetischer Kraftstoffe bei bestehenden Verbrennerfahrzeugen.

Wichtige Investitionen in neue Geschäftsfelder

„In unserem eigenen Unternehmen haben wir das Thema CO2-Reduktion schon viel länger im Blick als die Politik“, betont Geisel. „Zum Beispiel mit dem Umbau unseres Produktionswerks in Altensteig zur CO2-optimierten Fabrik im Jahr 2011 – unter anderem durch den Einsatz von Photovoltaik (PV), Geothermie, Abwärmenutzung, Natural Cooling und Eisspeichern." PV-Anlagen setzt Boysen seit über zehn Jahren konsequent an allen Standorten weltweit ein, allein das bringt eine jährliche CO2-Einsparung von rund 3.200 Tonnen.

Darüber hinaus wird der Mittelständler ab diesem Jahr 50 Millionen Euro in den Bau eines eigenen Wasserstoffzentrums investieren und seine Aktivitäten im für Boysen noch jungen Geschäftsfeld der Flüssigenergiespeicher deutlich ausbauen. Hier besteht seit 2019 eine Mehrheitsbeteiligung am Dortmunder Redox-Flow-Batteriehersteller Volterion.

„Klimaschutz darf nicht zulasten der europäischen Standorte gehen“

Heißes Eisen: Die hohen Energiekosten in der Gießerei hat Feinguss Blank mit verschiedenen Effizienzmaßnahmen gesenkt.

Feinguss Blank: Seit über 60 Jahren produziert der Mittelständler in Riedlingen detailstarke Feingussteile und Baugruppen für den Weltmarkt. Eine Gießerei ist sehr energieintensiv. Der hohe Strompreis in Deutschland fällt da besonders ins Gewicht: Die durchschnittlichen Energiekosten pro Jahr liegen im mittleren siebenstelligen Bereich. Deshalb hat das Familienunternehmen keine Mühen gescheut, die Produktion energieeffizienter zu gestalten.

Weniger Druckluftverlust, weniger Energieverbrauch

Unter anderem setzt Feinguss Blank auf Digitalisierung im Energiemanagement, eigene PV-Anlagen, neue Technologien und Methoden sowie auf das Engagement der Mitarbeiter. Mehrere Auszubildende sind zusätzlich als Energiescouts ausgebildet worden und fahnden nach Optimierungsmöglichkeiten im Betrieb. So konnte zum Beispiel der Druckluftverlust in den letzten Jahren signifikant gesenkt werden. Durch den effektiven Einsatz von Wärmetauschern zur Rückgewinnung der Prozesswärme wurde der Einsatz von Primärenergie und damit auch der CO2-Ausstoß deutlich reduziert. Trotzdem muss noch mehr getan werden, um die hochgesteckten Klimaziele zu erreichen.

Der hohe CO2-Preis darf nicht zum K.-o.-Kriterium werden

„Das EU-Paket ‚Fit for 55‘ ist ein dringend notwendiger und entscheidender Schritt“, meint Frank-Rudolf Liemann, Energieeffizienzmanager bei Feinguss Blank. „Abzuwarten bleiben allerdings die Abgaben- und Steuerlasten für die Unternehmen zur Finanzierung der ehrgeizigen Ziele. Die Umsetzung darf nicht ausschließlich zulasten der europäischen Standorte gehen und so mittel- beziehungsweise langfristig die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der EU beeinträchtigen.“

In diesem Zusammenhang müsse sich die Politik mit Umverteilungsstrategien und dem Emissionshandel auseinandersetzen. Auch die Besteuerungssysteme sollten kritisch überprüft werden, so Liemann weiter. „Zum Beispiel darf eine im Vergleich zum Weltmarkt unverhältnismäßig höhere Bepreisung des CO2-Ausstoßes für Unternehmen und Privathaushalte nicht zu einem K.-o.-Kriterium für die europäische Wirtschaft werden.“