„Auf deinen Nacken!“ Verstanden? Wenn nicht, kann es buchstäblich teuer werden: Für Jugendliche bedeutet diese Aussage: „Du zahlst!“ Also alles klar, Bro? Was die Kurzform von „Brother“ ist, aber so viel wie „Kumpel“ heißt. Wer den Slang nicht drauf hat, weil er einer anderen Generation oder Gruppe angehört, aus einer anderen Region kommt oder gar aus dem Ausland, bleibt schnell außen vor. Einander zu verstehen, ist aber die Grundlage für ein gutes Team, betont Johannes Ender, technischer Ausbilder bei Michelin in Bad Kreuznach. Deshalb hat der Reifenhersteller feste Regeln für die Kommunikation.

Masken erschweren das Gespräch

Gerade hat eine Azubi-Gruppe von neun angehenden Elektronikern für Betriebstechnik ihre Regeln festgelegt. Lange bevor es um Schalt- und Steueranlagen geht. Sie haben intensiv diskutiert, das Ergebnis am Flipchart notiert und mit ihrer Unterschrift besiegelt: „Zuhören, ausreden lassen“ steht dort zum Beispiel, „Respekt“, „freundlich zueinander sein“ oder „über keinen lustig machen“. „Daran halten wir uns auch“, versichert Azubi Michelle Schwenk (17). „Man muss höflich miteinander umgehen, das ist das A und O“, bestätigt ihr Kollege John The An Ly (21). Darauf legt Ausbilder Ender besonders großen Wert: „Sprache ist mit Gestik und Mimik das wichtigste Kommunikationsmittel, das wir Menschen besitzen“, erklärt der 61-Jährige. In Zeiten der Corona-Pandemie sei der Austausch durch die Maske noch einmal schwieriger geworden, da die Mimik verloren gehe: „Da kann es schnell zu Missverständnissen kommen.“

Seit 1976 ist Ender im Unternehmen, mit 16 Jahren lernte er hier Energieanlagenelektroniker. Seitdem war er in der Produktion aktiv, als Leiter der IT-Abteilung, als Ausbilder. Immer wieder ging und geht es um Weiterbildung und Teamgeist, stets ist Kommunikation die Basis: „Wie ich mit Sprache umgehe, hört nicht mit der Ausbildung auf. Das zieht sich durch das ganze Berufsleben.“ Er kennt die Sprache der Maschinen, der Kollegen – und der Kunden: „Eine neue Technik ruft bei den Anwendern nicht immer Begeisterung hervor“, erzählt er, „da muss man viel sprachliches Feingefühl besitzen.“ Daran arbeitet er mit den Jugendlichen jeden Tag: „Es geht um die fachliche Sprache, aber auch um den sprachlichen Umgang mit Kollegen und Chefs, wie man Kritik äußert, einen Dialog entwickelt oder sich im Beurteilungsgespräch ausdrückt“, so der Ausbilder.

Ender erzählt von einem Azubi, der sehr schnell erfasst, wenn etwas nicht so gut läuft. Das dann aber richtig zu artikulieren, fiel ihm anfangs schwer: „Ausbilder und Mitarbeiter fühlten sich angegriffen oder waren gekränkt, statt die gute Idee hinter der Kritik zu hören.“ Heute habe der junge Mann gelernt, seine Meinung wertschätzend und mit der richtigen Körpersprache anderen gegenüber auszudrücken. Das komme sehr gut an: „Jetzt freut sich jeder über den interessierten Kollegen.“

Überhaupt fördert Ender gerne positive Eigenschaften wie Rhetorik, Kritikfähigkeit oder Geschick, lobt, wo es nur geht. Entscheidend sei: „Ob gut oder schlecht, sofort zu reagieren ist wichtig.“ Er achtet zudem auf eine möglichst einfache Sprache und deutsche Begriffe, die alle verstehen. „Wir vermeiden in der Ausbildung Anglizismen. Es gibt Wörter in unserem Sprachgebrauch, die wären gar nicht nötig.“ Wie „ambitioniert“, „Benchmark“ oder „Taskforce“. Ender: „Ich spreche solche Begrifflichkeiten an und wir suchen gemeinsam ein deutsches Wort, das alle verstehen. Dann heißt es statt ‚Deadline‘ eben ‚Termin‘. Das geht doch auch.“ Ihm falle zudem bei Besuchern im Werk auf, dass diese zwar nach Arbeitszeit oder Gehalt fragten, niemals aber nach der Bedeutung von Fremdwörtern: „Viele denken, oh, ein Fremdwort! Das müsste ich vielleicht kennen, ich frage besser nicht nach. In einem Team wäre so eine Denkweise nicht gut.“

Klare Regeln, an die man sich hält

Reden die Jugendlichen mit dem Ausbilder anders als untereinander? „Auf jeden Fall“, sagt Ender, „das ist dem großen Altersunterschied geschuldet. Jede Gruppe hat ihre eigenen Floskeln und einen eigenen Sprachgebrauch. Das ist auch in Ordnung so. Aber wenn wir merken, dass es unter die Gürtellinie geht, sprechen wir das an.“ Und wie sieht es mit der Kommunikation außerhalb des Werks aus? Etwa mit flotten Sprüchen auf Instagram oder Tiktok? Der Ausbilder wird energisch: „Michelin hat klare Regeln, an die muss sich jeder halten. Sonst hat das rechtliche Konsequenzen.“ In private Angelegenheiten mische er sich allerdings nicht ein.

Wohl aber in das Verhalten am Arbeitsplatz: „Wenn wir hier Sticheleien hören oder die Jugendlichen Worte benutzen, die nicht in Ordnung sind, greifen wir sofort ein und sprechen es an, gerade am Anfang der Ausbildung. Wir hoffen, dass die Benimmregeln auch im Privatleben fruchten.“ Was sie offenbar tun, jedenfalls laut Rückmeldung der Eltern: „Da erhalten wir viel Lob.“

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Sabine Latorre
Leiterin aktiv-Redaktion Rhein-Main

Dr. Sabine Latorre ist spezialisiert auf Themen aus der Chemie- und Pharma-Industrie. Sie liebt es, komplizierte Zusammenhänge einfach darzustellen – so schon vor ihrer Zeit bei aktiv als Lehrerin sowie als Redakteurin für die Uniklinik Heidelberg und bei „BILD“. Nebenbei schreibt sie naturwissenschaftliche Sachbücher für Kitas und Schulen. Privat reizen sie Reisen sowie handwerkliche und sportliche Herausforderungen.

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