Berlin. Fahrlässige Rentenpolitik zulasten der nachfolgenden Generationen: Das ist nicht nur aus aktiv-Sicht der alten Bundesregierung vorzuwerfen. Ob die neue es besser machen wird?

Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Laut Sondierungsergebnis der potenziellen Ampel-Koalition von SPD, Grünen und FDP soll das Rentenalter nicht weiter angehoben werden und das Rentenniveau bei mindestens 48 Prozent bleiben. Obwohl bald die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in Rente gehen. Das sei eine „demografisch unzureichende Rentenpolitik“, warnt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Per Geldanlage erwirtschaftete Überschüsse könnten jüngere Generationen bei der Rente etwas entlasten

Ein Punkt immerhin lässt aufhorchen. Man will „in eine teilweise Kapitaldeckung der gesetzlichen Rentenversicherung einsteigen“ – und dafür zum Auftakt schon mal 10 Milliarden Euro Steuergeld lockermachen. Der Rentenkasse soll es außerdem erlaubt werden, „ihre Reserven am Kapitalmarkt reguliert anzulegen“.

Dazu muss man wissen: Bisher verteilt die Rentenversicherung einfach nur laufend das Geld, das jeweils reinkommt. Nun soll diese Behörde renditeträchtig agieren?! Kapitalanlage gehöre „sicher nicht zur staatlichen Kernkompetenz“, unkte sofort die Fachzeitschrift „Wirtschaftswoche“. Dennoch sei da „eine bemerkenswert konkrete Revolution“ in Sicht – „und eine große Chance“.

Um den Anstieg der Rentenbeiträge zu begrenzen, wären Hunderte Milliarden Euro Kapitalstock nötig

Letztlich geht es darum, jüngere Generationen dadurch zu entlasten, dass künftig auch per Kapitalanlage erzielte Überschüsse zur Finanzierung der gesetzlichen Rente beitragen. „Das könnte die bald drohende erhebliche Beitragssatzanhebung begrenzen“, erklärt IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz. „Aber: Man muss sich das dafür nötige Volumen klarmachen! Um den Beitragssatz auch nur um einen Prozentpunkt senken zu können, müssten schon mehrere Hundert Milliarden Euro renditebringend angelegt werden.“

Zudem sei fraglich, ob und wie ein derart gigantischer Haufen Geld über Jahrzehnte vor politischem Missbrauch geschützt werden könne. Eine kapitalgedeckte Zusatzvorsorge sollte man laut Pimpertz lieber direkt in der Hand der Versicherten belassen.

Auch Verbraucherschützer empfehlen individuelle Vorsorge mit breit streuendem Aktiensparen

Genau das hat gerade auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen empfohlen: „Oberste Priorität muss die Einführung einer kostengünstigen und auf Aktien basierten individuellen Altersvorsorge haben.“ Länder wie Australien, Großbritannien oder Schweden würden seit Jahrzehnten erfolgreich zeigen, wie so etwas gelingen kann. In einer aktuellen Untersuchung zeigen die Verbraucherschützer und das Deutsche Aktieninstitut, dass „eine breit diversifizierte Anlage in Aktien langfristig attraktive Renditen erwirtschaften kann, ohne zu höheren Risiken gegenüber weniger rentablen Anlagen zu führen“. Demnach ist Aktiensparen langfristig zum Beispiel deutlich sinnvoller, als auf Staatsanleihen zu setzen! (Lesen Sie dazu auch den ausführlichen aktiv-Bericht zum Thema ETF-Sparen).

Die private Altersvorsorge soll jetzt ebenfalls reformiert werden

Tatsächlich wird auch über diesen Punkt in den Koalitionsverhandlungen gesprochen. Man wolle die private Altersvorsorge „grundlegend reformieren“, heißt es sogar im Sondierungsergebnis. Angedacht ist ein „öffentlich verantworteter Fonds mit einem effektiven und kostengünstigen Angebot mit Abwahlmöglichkeit“. Heißt: Wer nicht dagegen ist, macht automatisch mit – eine sogenannte Opt-Out-Lösung. Und bei diesem ganz neuen Vorsorgesparen soll „unteren Einkommensgruppen“ mit einer besonderen Förderung geholfen werden. Für die Millionen Riester-Sparer wiederum soll Bestandsschutz gelten.

Stärkste Rentenerhöhung seit 1990: Das dicke Plus 2022 benachteiligt die jüngeren Generationen

Rekord-Plus. Eine so starke Rentenerhöhung hat es in Westdeutschland seit 1990 noch nicht gegeben: Um gut 5 Prozent sollen die Renten am 1. Juli 2022 steigen. Der genaue Wert wird erst im Frühjahr feststehen.

Faktor-Schummel. Nach den normalen Regeln dürfte das Renten-Plus nur etwa halb so hoch sein, also bei etwa 2,5 Prozent liegen – damit würde man die Rentner dann fair an den finanziellen Lasten der Corona-Krise beteiligen. Aber das geschieht leider nicht: Die alte Bundesregierung hat den sogenannten Nachholfaktor noch bis 2025 ausgesetzt.

Zusatz-Last. Das Rentenniveau wird damit ohne Not erhöht – und das bedeutet eine langfristige Belastung der Jüngeren: „Weil künftige Rentenanpassungen auf diesem erhöhten Niveau aufsatteln, müssen die Beitragszahler tiefer in die Tasche greifen“, kritisiert das Institut der deutschen Wirtschaft.