Berlin. Diese Zahl hat es in sich: Rund 630.000 Jugendliche oder junge Erwachsene arbeiten nicht und sind auch nicht in Schule, Ausbildung oder Studium aktiv. Offiziell tun sie also: nichts. Gleichzeitig suchen zahlreiche Unternehmen händeringend Auszubildende und junge Fachkräfte. Wie kann das sein?

79.000 Ausbildungsplätze in Betrieben konnten 2021 nicht besetzt werden

Quelle: Berufsbildungsbericht

„Tatsächlich gibt es eine wachsende Gruppe von Jugendlichen, die mangels Orientierung in kompletter Inaktivität verharrt.“ So sagt es Christina Ramb, Vorsitzende des Verwaltungsrats der Bundesagentur für Arbeit (BA) und Mitglied der Hauptgeschäftsführung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). „Offensichtlich gibt es einen immer größeren Anteil von jungen Menschen, die schon den Weg der Berufswahl nicht konsequent gehen – und so für längere Zeiträume nicht ins Arbeitsleben finden.“

Christina Ramb, Mitglied der BDA-Hauptgeschäftsführung: „Eine wachsende Gruppe von Jugendlichen verharrt in Inaktivität.“

Im Fachjargon heißen solche jungen Leute NEETs. Eine nähere Erklärung des Begriffs findet sich im Kasten unter diesem Text. Es gab sie zwar irgendwie immer schon. Aber angesichts des Fachkräftemangels gewinnt das Thema ganz neue Relevanz.

Jahr um Jahr verlassen hierzulande knapp 50.000 Jugendliche die Schule ohne jeden Abschluss. Viele andere brechen Ausbildung oder Studium bald wieder ab. Dazu kam die Pandemie: „Corona hat sehr vielen jungen Leuten über einen langen Zeitraum die Chance genommen, sich beruflich zu orientieren“, sagt Bildungsforscher Clemens Wieland von der Bertelsmann-Stiftung. Dieser Effekt sei nach wie vor stark zu spüren. Eine eindeutige Erklärung für das NEET-Phänomen insgesamt habe die Wissenschaft bisher allerdings nicht zu bieten.

Das versteckte Potenzial muss besser gehoben werden

An Hilfsangeboten mangelt es nicht. Allein die Arbeitsagentur listet zehn Programme auf, die jungen Menschen den Weg in einen qualifizierten Job erleichtern sollen. Aber diese Angebote erreichen die Zielgruppe oft nicht vollständig. „Wir müssen deshalb die Jugendlichen an der Schwelle zwischen Schulzeit und Berufsleben früher und besser betreuen und motivieren“, sagt BDA-Expertin Ramb. „Dafür brauchen wir allerdings mehr Informationen über sie.“

Helfen könnte unter anderem mehr Datenaustausch. Vor allem bezüglich derjenigen Schulabgänger, die ein hohes Risiko haben, keinen Ausbildungsplatz zu finden: „Deren Kontaktdaten sollten zwischen den Schulbehörden der Länder und der Bundesagentur für Arbeit ausgetauscht werden“, so Ramb. Jugendliche könnten dann besser an das Vermittlungs- und Serviceangebot herangeführt werden. Allerdings: Die Durchführungsregeln rund um den hierzulande strikten Datenschutz sind laut BDA in den meisten Bundesländern nicht geschaffen worden. Nur in Hamburg und Bremen ist der Datenaustausch schon möglich.

Dabei könnten gut informierte Berufsberater passende Pakete schnüren. Das Weiterbildungsgesetz ermöglicht demnächst voraussichtlich erweiterte Berufsorientierungspraktika. Und niederschwellige Angebote wie Teil- oder Einstiegsqualifizierungen könnten auch ältere NEETs aktivieren.

Ramb mahnt: „Der Fachkräftemangel wächst in jedem Bereich der Wirtschaft – deshalb müssen wir gerade auch die Talente der jungen NEETs nutzen und sie in den Arbeitsmarkt integrieren.“

Was ist ein NEET?

  • Die Abkürzung steht für einen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren mit dem Status „Not in Education, Employment or Training“. Heißt: Der- oder diejenige arbeitet nicht und ist auch nicht in einer Ausbildung oder sonstigen Schulung aktiv.
  • Die NEET-Quote erfasst den Anteil dieser inaktiven jungen Leute.
  • In Deutschland lag die NEET-Quote 2022 bei rund 6,8 Prozent. Das ist laut Statistik-Amt Eurostat Platz acht unter den 27 EU-Staaten. Am besten stehen die Niederlande da, dort gibt es nur 2,8 Prozent NEETs. Es folgen Island mit 4,0 Prozent und Schweden mit 4,9 Prozent.