Wuppertal. Timo Fleßner leitet seit Mai 2020 den Bayer-Standort Wuppertal und seit Oktober 2020 auch die globale Wirkstoffproduktion. Nun muss der promovierte Chemiker, gemeinsam mit der Biotech-Sparte des Pharmakonzerns, den Einstieg in die Impfstoff-Produktion stemmen: „Eine riesige Chance für unseren Standort“, betont Fleßner in einer ausführlichen Video-Unterhaltung mit aktiv. „Extrem motivierend – aber auch herausfordernd.“

Rund 160 Millionen Dosen des Covid-Vakzins des Tübinger Start-ups Curevac möchte Bayer unter Nutzung des globalen Netzwerks bereits im Jahr 2022 ausliefern. Wuppertal spielt dabei eine wichtige Rolle.

Insgesamt werden auch später sehr große Mengen Impfstoff gebraucht, um den weltweiten Bedarf zu decken oder auf Virusmutationen zu reagieren. Curevac und Bayer kooperieren daher etwa bei der Produktion, der Zulassung und der Markteinführung. Der Impfstoff ist – wie die bereits verfügbaren von Biontech und Moderna – ein genbasierter Impfstoff auf Basis von mRNA.

Nicht nur Covid bekämpfen, sondern auch andere Krankheiten

Bayer hat bisher noch keine Impfstoffe hergestellt, besitzt jedoch viel Know-how in der Entwicklung von Biotech-Produkten. „Wir werden nun schneller in bestimmte Technologien investieren und die mRNA-Produktion im größeren Maßstab nutzen“, erklärt Fleßner. Mithilfe dieser medizinischen Innovation könne man künftig nicht nur Covid bekämpfen, sondern vielleicht auch Krebs oder Multiple Sklerose. In wenigen Monaten soll es schon losgehen. „Wir werden pragmatisch und flexibel vorgehen und kostspielige Entscheidungen treffen müssen“, so Fleßner.

Die genaue Höhe der Investition ist noch unklar, Bayer und Curevac prüfen gerade die Bedingungen vor Ort. Dabei darf die sonstige Produktion natürlich nicht zu kurz kommen. In Wuppertal werden pro Jahr über 1.000 Tonnen verschiedener Wirkstoffe gegen Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Krankheiten hergestellt. Die betroffenen Patienten sind weiterhin auf verlässliche Lieferung und hohe Qualität angewiesen.

Gewaltige Umstellung läuft mitten in der Pandemie

Von der Belegschaft kommt viel Unterstützung, wie Fleßner berichtet: Die Leute melden sich mit Ideen, bieten Hilfe an. Auch andere Bayer-Standorte greifen ihm unter die Arme und bieten ihre mRNA-Experten an. Besonders herausfordernd: Die gewaltige Umstellung läuft mitten in der Pandemie an! Viele Beschäftigte arbeiten im Homeoffice, andere tragen Masken oder führen Gespräche meistens virtuell. „Unsere Schutzkonzepte sind an vielen Stellen strenger als die Vorgaben der Länder“, sagt Fleßner – der sehr stolz darauf ist, dass sich hier seit Beginn der Pandemie keine einzige Person nachweislich am Arbeitsplatz angesteckt hat.

Als der Chemiker vor gut einem Jahr den neuen Job übernahm, kannte er die Labore in Aprath und die Produktionsstätten an der Wupper bereits wie seine Westentasche. Hier hatte der 50-Jährige mehrere Jahre als Abteilungsleiter im Forschungszentrum sowie als Verantwortlicher für die chemische Entwicklung gearbeitet, bevor er nun als Standortleiter nach Bergkamen ging.

Eigene Arbeit an Arzneimitteln und Forschungstätigkeit wichtig

Wuppertal ist mit rund 3.500 Mitarbeitern ein komplexer Standort, so Fleßner: Alle Teile der Wertschöpfungskette von der Forschung und Entwicklung bis hin zur Zulassung der Wirkstoffe sind abgedeckt. „Wir haben gemerkt, wie wichtig die eigene Arbeit an Arzneimitteln und relevanten Forschungsaktivitäten sind. Das ist sehr motivierend.“

Als Vorstandsmitglied der Gesellschaft Deutscher Chemiker will Fleßner die Bedeutung der Chemie und ihrer Berufsvielfalt ganz allgemein nach vorn bringen. Auch wenn das den Familienvater viel Freizeit kostet: „Ich mache das schon seit 25 Jahren.“ Er arbeitet an der Förderung Studierender und an gemeinsamen Fortbildungsprogrammen von Hochschulen und der Industrie mit. „Mich hat einst selbst ein guter Lehrer für das Fach Chemie begeistern können.“

Nachgefragt

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Im ersten Gymnasialjahr hatte ich eine Vier in Chemie. Doch dann bekam ich einen superklasse Lehrer, von da an war es klar, dass ich Chemie mache – und zwar Pharma. Ich habe dann alle Möglichkeiten genutzt, die eine große Firma wie Bayer bietet.

Worauf kommt es an?
Den Menschen etwas zuzutrauen, die Dinge laufen zu lassen. Und, nicht zu vergessen, auf Expertise.

Was reizt Sie am meisten?
Die Zusammenarbeit mit den Menschen, die Entwicklung der Mitarbeiter – ob jung oder schon älter. Und der Antrieb, sicherzustellen, dass Millionen Menschen auf der Welt die Medikamente bekommen, die sie brauchen.