München. Zurzeit spürt es jeder am eigenen Geldbeutel: Die Preise für Strom und Gas sind in ungeahnte Höhen geklettert. Und damit auch für viele andere Güter des täglichen Bedarfs. Denn seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine vor etwa einem Jahr stecken wir in einer Energiekrise. Sie überstrahlt alles andere, ist quasi die „Mutter aller Krisen“. „Das muss ein Weckruf sein“, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).

Bei der Umsetzung der Energiewende hapert es gewaltig

Der Arbeitgeberverband lässt schon seit Jahren beobachten, wie es um das Energiesystem in Deutschland und Bayern bestellt ist. In einem Monitoring prüft es mit dem Forschungsinstitut Prognos, ob Deutschland und Bayern in der Energiepolitik die Ziele erreichen, die sich Bundesregierung und Bayerische Staatsregierung im Rahmen der Energiewende gesetzt haben.

„Die Ergebnisse des nunmehr elften Monitorings sind alles andere als zufriedenstellend“, fasst Brossardt zusammen. In drei von vier Kategorien sind die Ergebnisse sogar schlechter als im Vorjahr: bei Bezahlbarkeit, bei Energieeffizienz und Ausbau der erneuerbaren Energien sowie bei der Umweltverträglichkeit.

Dabei ist es sogar so, dass das Monitoring vor allem die Entwicklung im Jahr 2021 erfasst. „Die negativen Effekte werden sich durch die Krise im Jahr 2022 eher noch verstärken“, erklärt Almut Kirchner von Prognos.

Die Energiewende in Deutschland ist eines der größten Vorhaben in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Energieversorgung wird komplett neu aufgestellt. Dafür will man weg von Energie aus fossilen Kraftstoffen wie Kohle oder Gas hin zu Energie aus regenerativen Quellen wie Windstrom, Solarenergie, Biomasse oder Wasserkraft. Strom aus diesen Energiequellen kommt ohne schädliches Treibhausgas aus. Das ist umweltfreundlich und ein wesentlicher Beitrag Deutschlands, die weltweiten Klimaziele zu erreichen und die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Realitäts-Check: Die einzelnen Punkte im Energiewende-Monitoring

Den Weg hin zur Klimaneutralität haben sowohl Bundesregierung als auch Bayerische Staatsregierung mit eigenen Etappenzielen markiert. Das Monitoring prüft, ob der Kurs eingehalten wird.

Hier steht jedoch sowohl für den Freistaat als auch ganz Deutschland die Fortschrittsampel auf Rot. Nur ein Punkt, die Versorgungssicherheit, ist noch auf Gelb. Im Einzelnen ergibt sich folgendes Bild:

  • Versorgung mit Energie ist noch recht sicher. Hier geht es darum, wie es um das Stromnetz und die Verteilungsleitungen steht, wie häufig die Netzbetreiber eingreifen müssen, um das Stromnetz zu stabilisieren, und wie oft der Strom ausfällt. Nach wie vor ist Deutschland eines der Länder, die am wenigsten von Ausfällen betroffen sind. Doch das Netz wird immer fragiler. Und beim Ausbau des Stromnetzes kommen wir nicht voran. Das gilt besonders für den Bau dringend benötigter Übertragungsleitungen, die Windstrom von der Küste in den Süden transportieren müssen. Hier verzögert sich seit Jahren die Fertigstellung der Trassen. Aber auch die Verteilnetze auf regionaler und kommunaler Ebene müssen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt halten.
  • Bei Bezahlbarkeit liegen wir weit zurück. Die Strompreise für private Haushalte sind immens hoch, aber auch bei den Industriestrompreisen sind wir in Europa das Land mit dem zweithöchsten Strompreis, nur Zypern ist noch teurer. Das ist für unseren Standort schlecht, denn alles, was hier produziert wird, ist automatisch teurer, weil Firmen höhere Stromkosten einkalkulieren müssen.
  • Energieeffizienz und erneuerbare Energien in Bayern besser als im Bundesschnitt. In dieser Kategorie betrachten die Studienautoren die Entwicklung des Stromverbrauchs oder des Primärenergieverbrauchs, aber auch, wie viel Energie die Industrie zur Produktion einsetzt. Zudem geht es um den Ausbaustand der erneuerbaren Energien. Deutschlandweit steht bei allen Punkten die Ampel auf Rot. Der Freistaat wird aufgrund anderer Zielsysteme besser bewertet. Aber auch hier gibt es noch viel zu tun. „In Bayern wird mit Hochdruck am Umbau des Energiesystems und der verstärkten Nutzung der Heimatenergien gearbeitet“, so Brossardt. So habe die Reform der Abstandsregelung bei Windrädern frischen Wind in den Ausbau gebracht. Die Sonnenenergie und Bioenergie sind stark, Geothermie und Wasserkraft haben viel Potenzial. Auch ein Plus: Die Industrie wird seit Jahren immer energieeffizienter.
  • In puncto Umweltverträglichkeit gibt’s die Rote Karte. Für das Erreichen der Klimaziele ist der Ausstoß von Treibhausgasen entscheidend. Zwar wird in der Langzeitbetrachtung deutlich, dass insgesamt weniger Treibhausgas ausgestoßen wird als im Vergleichsjahr 1990. Aber die Einsparziele werden sowohl in Bayern als auch bundesweit seit Jahren verfehlt. 2021 haben sich die Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Vorjahr um 4,5 Prozent erhöht. Das Jahr 2022 dürfte laut Prognos noch stärker vom Zielpfad abweichen, da statt russischem Erdgas mehr Kohle mit schlechterer CO2-Bilanz verstromt wurde.

Das folgt für die vbw aus dem Monitoring

Angesichts der Faktenlage ist für vbw-Hauptgeschäftsführer Brossardt klar: „Die Energiewende hat bereits vor der Energiekrise von 2022 die Ziele verfehlt.“ Die Lösung liege auf der Hand: „Wenn die Energiekrise als Mutter aller Krisen gilt, ist die Energiewende die Mutter aller Krisenlösungen.“

Denn die erneuerbaren Energien bieten die Chance, Strom preisgünstig, sicher und umweltverträglich herzustellen. Also: „Mehr Tempo beim Ausbau“, so Brossardt. Und zwar nicht nur bei Windrädern, Solarkollektoren oder Wasserkraft, sondern auch beim Stromnetz, das den höheren Verteilansprüchen der dezentralen Stromerzeugung genügen muss. Wasserstoff muss als neuer Energieträger ausgebaut werden. Und langfristig gilt es, auch von fossiler Wärme etwa beim Beheizen der Häuser wegzukommen. Energetische Sanierung ist hier das Stichwort.

Gleichzeitig sollten weitere Klimaschutztechnologien gefördert werden, um die Treibhausgasemissionen langfristig in den Griff zu bekommen. „Es gilt, aus dem Bewusstsein unserer bisherigen Abhängigkeit neuen Schwung für eine breite Akzeptanz in der Gesellschaft für den Umbau des Energiesystems mitzunehmen.“

Alix Sauer
Leiterin aktiv-Redaktion Bayern

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.

 

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