Vollgelaufene Keller, überschwemmte Straßen, Sturzbäche, die Produktionshallen unter Wasser setzten – diesen Mittwoch und Donnerstag Mitte Juli wird in der Region, insbesondere in Hagen und Altena, keiner so schnell vergessen. Und auch im weniger stark betroffenen Hemer schreibt die Hochwasserkatastrophe Geschichte. Firmengeschichte.

„Am Wochenende kamen die ersten Meldungen bei uns rein. Dann hat sich die Lage überschlagen“, erinnert sich Julian Vogel. Er arbeitet seit anderthalb Jahren als Assistenz der Geschäftsführung im Unternehmen seines Vaters und seines Onkels mit. Jetzt fuhr er selbst wie die Chefs, Monteure und kaufmännischen Mitarbeiter der Manfred Vogel Elektromaschinenbau raus, um geflutete Motoren, Pumpen, Getriebe und Anlagen abzuholen.

Einige Kunden waren nach der Katastrophe nicht mal telefonisch erreichbar

Die Drahtfirmen in Altena, aber auch viele betroffene Metallunternehmen in Hagen und Hohenlimburg gehören zu den Stammkunden. Nach der Überflutung waren sie zum Teil noch nicht mal telefonisch erreichbar, konnten sich aber auf ihren Elektromaschinenbauer verlassen, der schnell auf das Jahrhunderthochwasser reagierte.

Die 1955 von Manfred Vogel senior als Ein-Mann-Handwerksbetrieb gegründete Firma hat sich unter seinen Söhnen Manfred und Jürgen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Industriedienstleister mit 45 Mitarbeitern entwickelt. Er bietet einen umfassenden Service rund um Antriebe und Steuerungen, Maschinenbau, Krananlagen und technischen Handel. Kerngeschäft ist noch immer die Reparatur und Wartung von elektrischen Maschinen aller Art, und das war in diesem Moment mehr als je zuvor gefragt.

Ein großer Teil der gefluteten Maschinen konnte gerettet werden

Mehr als 900 Hochwasser-Aufträge gingen in den zwei Monaten nach dem Unwetter in dem Familienunternehmen ein – zusätzlich zu den in diesem Zeitraum üblichen rund 400 „normalen“. Auch langjährige Mitarbeiter wie Roland Pieck und Mario Dicks, beide seit 26 Jahren im Betrieb, können sich an eine ähnliche Massenanfrage nicht erinnern. Ihre Erfahrung zahlt sich aktuell aus. Den größten Teil der gefluteten Apparaturen, zum Teil seltene Anlagen aus dem Sondermaschinenbau, konnten sie retten.

Wo immer es geht, wird vor Ort ausgebaut und abtransportiert. Das ist immer so. „Wir haben hier einfach bessere Möglichkeiten“, erklärt Julian Vogel. So arbeitete auch nach den Überflutungen ein Teil der Monteure in der Hemeraner Werkstatt, ein Teil in den betroffenen Unternehmen. Hatten die Kräne dort keinen Strom, kamen die mitgebrachten Portalkräne zum Einsatz. Acht Tonnen wog der schwerste Motor, der ausgebaut wurde.

Trocknen, auseinanderbauen, säubern, Lager tauschen, montieren und vieles mehr

In jedem Fall hieß es erst einmal: trocknen, trocknen, trocknen, bis zu 14 Stunden am Stück. Dafür mussten die Vogels zusätzliche Ofenkapazitäten besorgen. Auseinanderbauen, säubern, Lager tauschen, zusammenbauen und lackieren – im besten Fall reichten diese Maßnahmen aus. Aber auch die aufwendigeren Arbeiten sind für die gut ausgebildeten und erfahrenen Mitarbeiter kein Problem.

Sie kennen sich in allen Bereichen aus und können flexibel die Abteilung wechseln so wie Kassem Al Mahmoud. Der Elektromaschinenbauer hilft aktuell im Steuerungsbau aus, kümmert sich um die Schaltschränke eines Hohenlimburger Kaltwalzwerks. „Dort ist sehr viel zu tun. Wir haben allein 70 bis 80 Motoren ausgebaut, gereinigt, lackiert und wieder eingebaut,“ berichtet Al Mahmoud. Gerade baut er den zweiten Schaltschrank komplett neu auf, 24 Antriebe müssen untergebracht werden. Das dauert einige Wochen.

Vereinzelt kommen noch immer Hochwasserschäden herein, bis ins nächste Jahr wird man damit wohl zu tun haben, schätzt Julian Vogel. Doch die Lage hat sich entspannt. So können auch wieder die regulären Aufträge erledigt werden: „Unsere Kunden hatten viel Verständnis, wenn geplante Revisionen geschoben wurden oder Lieferzeiten sich verlängerten.“

Warenbestand aus Insolvenz aufgekauft

Auch die Sichtung und Verräumung des aus der Insolvenz eines Großhändlers aufgekauften Warenbestands könne jetzt weitergehen. Das hat im vergangenen Corona-Krisenjahr für Arbeit gesorgt, musste aber im Juli unterbrochen werden. „Mit dem Inventar haben wir unser Angebot fast verdoppelt“, umreißt Julian Vogel den Umfang des Materials.

Ausgezahlt hat sich da, dass vor zehn Jahren das moderne Hochregallager großzügig konzipiert wurde. Allein mit den dort untergebrachten mehr als 15.000 verschiedenen Teilen haben die Vogels sich einen großen Vorteil am Markt verschafft, wo andere ihre Lagerbestände massiv reduziert haben. Sie können sehr schnell und flexibel Bauteile und Komponenten der Antriebs-, Förder- und Elektrotechnik liefern, ein Service, der sogar im Ausland nachgefragt wird. Und der Neubau hatte noch einen weiteren Vorteil: Es blieb Platz für Veranstaltungsräume, in denen das Unternehmen Schulungen für Kran- und Staplerscheine, Anwendungen und Produkte wie Frequenzumrichter oder Ersthelfer-Seminare durchführt. Ein weiterer Geschäftszweig, der gerade wieder anzieht.

Die Mitarbeiter haben unterdessen wieder fast zum normalen Arbeitsalltag ohne übermäßig viele Überstunden zurückgefunden. Mehr als zwei Monate lang haben sie eine Stunde eher angefangen, später Feierabend gemacht und samstags gearbeitet. „Das war superanstrengend, aber zehnmal besser als letztes Jahr“, ist in der Werkstatt zu hören. Geholfen hat der starke Zusammenhalt im Familienbetrieb, in dem auch die 87-jährige Mutter von Manfred und Jürgen Vogel noch aktiv ist. Man kennt sich, man kümmert sich, und wenn samstags gearbeitet werden muss, spendiert der Chef das Essen.

Fachkräfte und Azubis dringend gesucht

Vom guten Betriebsklima könnten noch mehr Mitarbeiter profitieren. Nur: „Es ist sehr schwer, Fachkräfte zu finden. Wir suchen immer Leute“, sagt Julian Vogel. Seit vielen Jahren bilden die Vogels selbst aus, aber auch das hilft nur bedingt. In diesem Jahr hatte man zunächst nur einen Auszubildenden zum Elektroniker für Maschinen und Antriebstechnik gefunden, erst zum Oktober kam ein zweiter dazu. Dabei sei das Handwerk was Tolles: „Da kommt ein schwarzer Klumpen an und geht als schöner Motor wieder raus. Man sieht, was man geschafft hat.“

Begegnung mit …

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26 Jahre dabei: Mario Dicks steckt mit seiner guten Laune Kollegen und Kunden an. Bild: aktiv/Bernhard Moll

Mario Dicks: Mit viel Spaß an die Arbeit

Wo Mario Dicks auftaucht, ist gute Stimmung, egal ob im Betrieb oder beim Kunden. Der 43-Jährige hat immer einen kessen Spruch auf den Lippen. Das kommt an und wäre sicher anders, wenn er sich in der Firma nicht so wohlfühlen würde: „Es ist wie eine Familie. Ich bin stolz, hier zu sein.“ Und das seit mittlerweile 26 Jahren. Die Jubiläumsfeier fiel Corona zum Opfer, wird aber noch nachgeholt. „Das gehört hier eben auch dazu: gemeinsam feiern. Und aufeinander aufpassen.“

Die Firma setzt schon lange auf den Elektromaschinenbauer

Bedauert hat er deshalb nie, dass seine Berufswünsche Fernsehtechniker oder Installateur damals nicht in Erfüllung gegangen sind. Auch eine besser bezahlte Tätigkeit bei der Bundeswehr reizte den Elektromaschinenbauer später nicht. Die Firma Vogel hielt ihm seine Stelle frei, als er den Wehrdienst ableisten musste: „Hier macht es Spaß, ich komme viel rum. Ich kümmere mich um die Bühnentechnik im Theater genauso wie um Fäkalanlagen. Mir ist vor nichts bange.“ Und wenn man dann mal Experten zeigen könne, wie man den E-Motor einer Nobelkarosse vermisst, dann sei das schon ein tolles Gefühl. „So als kleiner Mann“, sagt Mario Dicks und grinst.

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Das Arbeitsamt hat mich hergeschickt. War die beste Empfehlung. Ich wollte ja auf jeden Fall etwas Handwerkliches machen.

Was reizt Sie am meisten?

Die Abwechslung. Ich stehe nicht den ganzen Tag an einer Maschine, sondern werde überall eingesetzt und komme viel herum.

Worauf kommt es an?

Das Team ist wichtig, das Umfeld, einfach das Klima im Betrieb. Ich fühle mich pudelwohl hier, das zählt.

Hildegard Goor-Schotten
Autorin

Die studierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin ist für aktiv vor allem im Märkischen Kreis, in Hagen und im Ennepe-Ruhr-Kreis unterwegs und berichtet von da aus den Betrieben und über deren Mitarbeiter. Nach Studium und Volontariat hat sie bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet und ist seit vielen Jahren als freie Journalistin in der Region bestens vernetzt. Privat ackert und entspannt sie am liebsten in ihrem großen Garten

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