Eigentlich möchte Sadiye Ay nur ungern in die Zeitung. Auch Social Media ist nicht unbedingt ihr Ding. Beim aktiv-Besuch macht sie allerdings eine Ausnahme. „Vielleicht gelingt es mir, anderen Mut zu machen“, sagt sie. Menschen, die eine ähnliche Geschichte haben wie sie.

Sadiye Ay war acht, als ihre kurdischen Eltern mitsamt ihren fünf Kindern aus der Türkei nach Deutschland flüchteten. „Das war brutal für uns, keine Freunde mehr zu haben, keine Verwandte“, erinnert sich die 35-Jährige. In Deutschland wurde sie in die zweite Klasse eingeschult, obwohl sie kein Wort verstand. Der Sprung ins kalte Wasser sei hart gewesen, sagt Ay. Aber er habe sie auch stark gemacht. Dass sie als älteste Tochter früh Behördengänge für die Familie erledigen musste, habe ihr Selbstbewusstsein gegeben. „Ich habe gelernt: Man darf nicht so schnell aufgeben, dann geht vieles.“

Auch dass Sadiye Ay heute als Industriekauffrau beim Mittelständler NIKU in Nienburg arbeitet, ist ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken. Und einem Unternehmen, das bei der Fachkräftesuche neue Wege geht. 

Auf ihre ersten Bewerbungen hagelte es lauter Absagen

Hauptschule, Realschule, Fachoberschule Wirtschaft – ihre schulischen Stationen meisterte Ay problemlos. Doch ihr beruflicher Lebenslauf verlief nicht immer schulbuchmäßig. Anfangs arbeitete die junge Frau als Erzieherin im Kindergarten. Aber das war nicht ihr Ding. „Ich hatte immer Spaß an Buchführung, wollte eine kaufmännische Ausbildung machen“, sagt sie. Doch als Mutter von drei Kindern – die zu Ausbildungsbeginn zwei, fünf und elf Jahre alt waren – schien dies schwierig. „Ich hatte einige vielversprechende Bewerbungen“, erzählt sie. Doch es hagelte Absagen. Eine Mutter mit kleinen Kindern, die Betrieb, Berufsschule und Haushalt vereinbaren will? Das stieß bei vielen Firmen auf Skepsis.

„Um 5.30 Uhr aus dem Bett, die Kinder fertig machen, dann zur Arbeit oder in die Schule. Ab 15 Uhr Hausarbeit und ab 21 Uhr lernen.“

Sadiye Ay

Nicht so bei NIKU. Das Kunststoffunternehmen wird von Johanna Beckurts-Othmer und Dietrich Othmer geleitet. Bevor das Ehepaar den Betrieb vor rund zwölf Jahren kaufte, sammelten beide Managementerfahrung in der Wirtschaft, Johanna Beckurts-Othmer vor allem in der Personalführung. „Ich spürte schon beim Vorstellungsgespräch, dass es Frau Ay sehr ernst war“, erinnert sie sich an das erste Treffen. „Ihr Wille hat mir imponiert. Ich wusste, sie schafft das.“ Tatsächlich bekam Ay den Ausbildungsvertrag zur Industriekauffrau – und zwar in Teilzeit!

Die Vereinbarung ließ Luft für Kinder und Haushalt: Im ersten Ausbildungsjahr war die junge Frau pro Woche 22 Stunden im Betrieb und 8 in der Berufsschule. Ab dem zweiten Jahr dann wöchentlich 14 Stunden in der Firma und 16 in der Schule. „Es war nicht leicht“, erinnert sich Ay an ihre Ausbildung. „Morgens um 5.30 Uhr aus dem Bett, die Kinder fertig machen, dann zur Arbeit oder in die Berufsschule. Ab 15 Uhr dann wieder Hausarbeit, abends ab 21 Uhr konnte ich lernen – der Tag war voll durchorganisiert.“

Mitarbeiter mit Migrationshintergrund bekommen Sprachkurse im Betrieb

Im Sommer 2023 bestand Ay die Prüfung mit Bravour. Ohne die Hilfe ihrer Schwester und ihres Manns hätte sie es kaum geschafft, glaubt sie. Auch der Firma ist sie dankbar: „Hier wird man nicht allein gelassen.“ Johanna Beckurts-Othmer fühlt sich bestätigt: „Wir sehen uns als Familienunternehmen, gutes Klima ist wichtig. Nur so können wir gute Produkte herstellen.“

1,2 Millionen Helme für die Bauwirtschaft produziert NIKU pro Jahr, veredelt und mit Kunden-Logos bedruckt. Zudem Aquarienteile, Laborausstattung und vieles mehr. Fachkräfte dafür sind auch in Nienburg knapp. Deshalb kümmert sich NIKU gezielt um Bewerber mit Migrationshintergrund, bietet auch Sprachkurse im Betrieb. Der Erfolg gibt der Firma recht: Kürzlich haben wieder drei neue Mitarbeiter begonnen. „Sie kommen aus Afghanistan“, sagt Beckurts-Othmer. „Und sie machen einen super Eindruck.“

Werner Fricke
Autor

Werner Fricke kennt die niedersächsische Metall- und Elektro-Industrie aus dem Effeff. Denn nach seiner Tätigkeit als Journalist in Hannover wechselte er als Leiter der Geschäftsstelle zum Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall. So schreibt er für aktiv über norddeutsche Betriebe und deren Mitarbeiter. Als Fan von Hannover 96 erlebt er in seiner Freizeit Höhen und Tiefen.

 

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