Berlin. Die Vorgaben, die noch die alte Bundesregierung festgeschrieben hat, sind ehrgeizig: Wir dürfen bis 2030 nur noch etwa halb so viel schädliche Treibhausgase verursachen wie noch 2019.

Dafür sind zusätzliche Investitionen von rund 860 Milliarden Euro nötig. Das hat die Boston Consulting Group für den Bundesverband der Deutschen Industrie in der Studie „Klimapfade 2.0“ errechnet. Auf die Industrie entfallen davon zwar nur 50 Milliarden Euro. Sie hat im Vergleich zu den anderen Sektoren aber die höchsten Mehrkosten zu schultern, wenn man auch Folgekosten wie höhere Betriebskosten berücksichtigt.

Wie ist das zu schaffen? Und welche Chancen bringt der Wandel? aktiv sprach mit Jens Burchardt, einem der Autoren der Studie.

Wie groß sind die Herausforderungen für unsere Industrie?

Es sind zwar enorme Herausforderungen. Denn die Emissionen der Industrie müssen zwischen 2019 und 2030 um etwa 37 Prozent sinken – das ist sechsmal so stark wie im Schnitt der letzten 20 Jahre. Trotzdem ist der Wandel für den Großteil der Unternehmen eine Chance.

Warum eigentlich?

Sie haben große Wachstumsmöglichkeiten durch die enormen Zusatzinvestitionen! Nehmen wir ein Gebäude, das mit Gas beheizt wird. Ein Großteil der Heizkosten geht nach Russland, weil das Gas von dort kommt. Künftig wird das Gebäude mit einer Wärmepumpe beheizt. Dann verursacht einen größeren Teil der Kosten die Wärmepumpe selbst. Und die wird bei uns produziert, wie übrigens auch der erneuerbare Strom, mit dem sie läuft. Wir tauschen also Importe gegen heimische Investitionen.

Damit wir die Klimaziele erreichen, müssen die Betriebe auf erneuerbare Energien umsteigen. Aber die sind doch viel teurer – warum also sollten die Firmen das tun?

Viele Unternehmen machen das ja heute bereits, weil sie selbst ambitionierte CO2-Ziele verfolgen. Damit es alle tun, muss der Staat allerdings die richtigen Anreize setzen. Die Kosten für erneuerbare Energien wie Strom müssen runter, die Kosten für fossile Energien noch weiter nach oben. In unseren Augen kann der Gesetzgeber für Unternehmen ausreichend Anreize zum Technologiewechsel setzen, ohne dass es zu extremen Kostensteigerungen kommt.

Welche Unternehmen trifft die Umstellung am härtesten?

Die energieintensiven Unternehmen, die zum Glück nur einen kleinen Teil der Industrie ausmachen. Sie und ihnen unmittelbar folgende Wertschöpfungsstufen haben das größte Kostenrisiko. Stahlproduzenten beispielsweise müssen in kurzer Zeit große Teile ihrer Anlagenparks erneuern. Solche Unternehmen brauchen staatliche Unterstützung bei den Investitionen. Da sind die „Klimaverträge“, die die neue Regierungskoalition mit energieintensiven Unternehmen schließen will, ein wichtiger Schritt: Die Unternehmen reduzieren den CO2-Ausstoß, und der Staat beteiligt sich an den Kosten dafür.

Und wie groß ist die Herausforderung für die weniger energieintensiven Unternehmen?

Hier wird es sehr viel mehr Gewinner geben, zumindest haben die meisten Unternehmen ein niedrigeres Kostenrisiko. Eine Ausnahme sind neben Unternehmen mit hohen Energiekosten auch solche mit hohen Materialkosten, die von steigenden Energie- und Rohstoffkosten getroffen sind, etwa für Stahl.

Die Metall- und Elektro-Industrie muss auch noch viel Geld in die Entwicklung von klimaschützenden Technologien stecken.

Ja, gerade in den Branchen, wo jetzt ein Technologiewandel ansteht, sind erhebliche Investitionen für Entwicklung und Produktion neuer Technologien nötig. Wie in der Auto-Industrie. Die Transformation ist für sie sicherlich eine große finanzielle Herausforderung.

Aber auch diese Investitionen werden sich am Ende lohnen?

Absolut. Investitionen in Klimaschutz können eben auch neue industrielle Wertschöpfung auslösen, also Wachstum und Beschäftigung.