Stuttgart. Eigentlich könnte das Geschäft brummen: In Zeiten von coronabedingten Reisebeschränkungen sind die Gartengeräte des Motorsägen-Herstellers Stihl ein Renner geworden. So richtig profitieren kann der Waiblinger Mittelständler davon aber trotzdem nicht. Der Grund: Es fehlt immer wieder an Stahl, Kunststoffgranulat, Elektronikkomponenten oder Batteriezellen. Solche Lieferengpässe hemmen die Produktion. Zwar konnte Stihl seinen Umsatz in diesem Jahr steigern, aber, so der Vorstandsvorsitzende Bertram Kandziora: „Ohne diese Engpässe hätten wir noch mehr Produkte produzieren und verkaufen können.“ Er geht davon aus, dass die Produktionsrückstände noch mindestens bis ins erste Quartal 2022 andauern.

Trotz voller Auftragsbücher ist die Produktion nicht ausgelastet

Dasselbe Paradox trübt die Lage in vielen Betrieben: Die Auftragsbücher sind voll – und trotzdem schrumpft die Produktion, weil der Nachschub an Rohstoffen, Materialien und Vorprodukten fehlt. So kann die Wirtschaft nicht wieder richtig Fahrt aufnehmen. Auf knapp 40 Milliarden Euro schätzt das Münchner Ifo-Institut die bisherigen Verluste durch Produktionsausfälle in ganz Deutschland. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser spricht von einer „Flaschenhals-Rezession“.

Wie stark davon gerade die Metall- und Elektro-Industrie in Baden-Württemberg betroffen ist, zeigt jetzt eine Umfrage des Arbeitgeberverbands Südwestmetall: Fast 80 Prozent der 275 antwortenden Unternehmen sehen ihre Produktion „mittel“ oder sogar „stark“ von den Lieferengpässen beeinträchtigt. Im Durchschnitt verloren die Betriebe 10 Prozent Umsatz.

Nur knapp die Hälfte der Firmen rechnet damit, bis Ende 2022 überhaupt wieder das Produktionsniveau aus der Zeit vor der Rezession zu erreichen. Die begann aus Sicht der Branche schon Anfang 2019, lange vor Corona.  

Mit Entspannung rechnen die Betriebe vorerst noch nicht

Mangelware sind derzeit vor allem Halbleiter, Elektronik-Komponenten, Stahlprodukte und Metalle, aber auch Kunststoffe, Drähte und Rohre. Die Hauptursachen: Zum einen wird nicht genügend produziert. Zum anderen hakt es beim Transport nach Europa, weil sich viele Container in den Häfen stauen. Was die Lage nicht besser macht: Jüngst hat China die Produktion von Magnesium gedrosselt – einem wichtigen Rohmaterial für die Aluminiumherstellung. Das wird vor allem im Fahrzeug- und Flugzeugbau benötigt.

Rund neun Monate dürften die Engpässe noch anhalten, so die durchschnittliche Einschätzung der Unternehmen. Mit einer Entspannung rechnen sie also erst im zweiten Halbjahr 2022. Einzelne Firmen erwarten sogar Engpässe für bis zu weitere 24 Monate. 

Viele Betriebe müssen auf Kurzarbeit ausweichen

Um gegenzusteuern, suchen die betroffenen Unternehmen nach alternativen Lieferanten und Produkten. Wer kann, gibt Preissteigerungen an die Kunden weiter. Manchen Betrieben bleibt aber nichts anderes übrig, als die Produktion einzuschränken – und notfalls Kurzarbeit anzumelden. Letztlich bremst die Rohstoffkrise die ganze Wirtschaft im Land aus: Laut der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Arbeitsagentur meldeten allein im Oktober 607 Betriebe für 19.380 Beschäftigte Kurzarbeit an.  

Eine eigentlich gute Auftragslage, die nicht voll zu Umsatz gemacht werden kann: Das erlebt gerade zum Beispiel auch der Wohnmobil- und Caravan-Hersteller Hymer aus Bad Waldsee. Das Unternehmen wird mit Bestellungen überhäuft, doch die Belegschaft kann sich nur bedingt darüber freuen. Denn es ist unklar, ob die Nachfrage überhaupt bedient werden kann. Immer wieder sind benötigte Materialien oder Teile nicht lieferbar. Mal fehlt es an Holz, mal an Kühlschränken, meistens an Fahrgestellen. Daimler konnte dank strategischer Maßnahmen trotz Chipmangel und Absatzeinbrüchen Gewinne einfahren: Abhängig von der kurzfristigen Teile-Verfügbarkeit wurden Chips bevorzugt in Top-Modellen verbaut. Gleichzeitig wird die Fahrzeugauslieferung flexibel gesteuert, um Wartezeiten für alle Kunden zu begrenzen. Bei Audi in Neckarsulm ruhte zuletzt im Oktober teilweise die Produktion, im November entfallen ebenfalls einzelne Schichten. 

Mit den Autobauern sind auch die Zulieferer betroffen

Wenn die Fahrzeugproduktion ins Stocken gerät, betrifft das wiederum die Zulieferer. Wie PWO aus Oberkirch. Das Unternehmen liefert etwa Elektromotorengehäuse und Instrumententafelträger. „Unsere Produktion hängt direkt an der Produktion der Auto-Industrie“, verdeutlicht Unternehmenssprecherin Charlotte Frenzel. Als Folge der Halbleiter-Krise muss die Produktion teilweise kurzfristig angepasst werden, wenn bei Autoherstellern die Bänder stillstehen, mit Instrumenten wie Kurzarbeit. Direkt zu spüren sind hier auch Preiserhöhungen, vor allem beim Hauptrohstoff Stahl. Laut Statistischem Bundesamt waren Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen im September um rund 60 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Die Südwestmetall-Umfrage zeigt, dass viele Unternehmen die Preiserhöhungen nicht so einfach an ihre Kunden weitergeben können. Nur 13 Prozent der befragten Unternehmen geben Preissteigerungen im Einkauf vollständig weiter, 61 Prozent schaffen das teilweise. 

Ausbau der Produktion kann den akuten Chipmangel nicht beheben

Im industriegeprägten und global ausgerichteten Baden-Württemberg ist der Mikrochip-Mangel seit Anfang des Jahres ein Haupthindernis für den Aufschwung. Als weltweit fast einziger Zulieferer produziert Bosch schon seit 1958 seine Halbleiter selbst – und baut jetzt die Kapazitäten aus. Am Standort Reutlingen wurde die Reinraumfläche auf 36.000 Quadratmeter erweitert, 3.000 Quadratmeter sollen noch hinzukommen – allerdings erst bis Ende 2023. Im Juni 2021 eröffnete Bosch zudem ein ganz neues Halbleiterwerk in Dresden. Der akute Chipmangel kann dadurch leider nicht behoben werden: In Dresden werden, ebenso wie in Reutlingen, vornehmlich Hightech-Chips für eigene, hochspezialisierte elektronische Systeme gefertigt. Standardisierte Halbleiter kauft Bosch zu – und bekommt die Engpässe dadurch auch zu spüren. Denn der Chip-Massenmarkt wird zum größten Teil von Asien aus bedient.