Schauplatz Meyer Werft in Papenburg: Im Maschinenraum eines Kreuzfahrtschiffs ist ein Brand ausgebrochen. Rauch zieht durch die Decks und behindert die Sicht. Ein Werftarbeiter liegt bewegungslos am Boden.

Die Zeit drängt, denn Qualm und Hitze gefährden nicht nur das Leben des Verletzten, sondern behindern auch den Einsatz der Feuerwehrtruppe erheblich. Vier Einsatzkräfte mit Atemschutzgeräten und schwerem Schlauch in der Hand kämpfen sich bis zum Werftmitarbeiter vor, beruhigen ihn und retten ihn aus der lebensbedrohlichen Lage.

Neue gegründete Ausbildungsstätte

Dieses Szenario ist zwar nur eine Übung und der Verletzte eine Puppe – doch eine solche Situation kann jederzeit passieren.

„Im Ernstfall müssen unsere Feuerwehrleute ruhig und überlegt handeln, auch in lebensbedrohlichen Situationen“, sagt Ralph Keipp. „Nur so können sie ihrem Auftrag nachkommen – retten, löschen, bergen und schützen“, betont der Leiter der Werkfeuerwehr und der im September neu gegründeten Ausbildungsstätte von Meyer Port 4. Das ist die Sicherheitsgesellschaft, die die Meyer Werft Ende 2019 gegründet hat.

Feuerwehrleute sind sehr gefragte Fachkräfte

Feuerwehrleute sind inzwischen sehr begehrte Fachkräfte. „Wir brauchen zur Gewährleistung der Sicherheit auf der Werft immer eine bestimmte Zahl an ausgebildeten Feuerwehrkräften“, erklärt Timo Milbrandt, Betriebsleiter von Meyer Port 4. „Da wir sie auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gewinnen können, haben wir uns entschlossen, eine eigene Werkfeuerwehrschule zu gründen, die unseren Fachkräftebedarf mittel- und langfristig decken kann.“

Die Meyer Werft bündelt die Bereiche Arbeitssicherheit, Feuerwehr, Sanitätsdienst, Werkschutz und Umweltschutz in einer neuen Einheit

Mit der neuen Schule leistet das Unternehmen Pionierarbeit in der Ausbildung hauptberuflicher Feuerwehrkräfte. Sie ist die erste privatwirtschaftliche Feuerwehrschule in Niedersachsen und bietet ihre Ausbildung nicht nur Angehörigen der Meyer Werft, sondern perspektivisch auch externen Kräften an.

Mehrere technische Lehrgänge

Derzeit befindet sich gerade der erste Lehrgang mit elf Teilnehmern in der Ausbildung zur hauptberuflichen Feuerwehrkraft der Qualifikationsstufe 1. Der Grundlehrgang B1 dauert ein halbes Jahr und umfasst mehr als 1.000 Unterrichtsstunden.

Schulleiter Keipp berichtet: „Im Anschluss gibt es mehrere technische Lehrgänge. Dabei geht es unter anderem um Sprechfunk, Atemschutzgeräteträger und Lehrgänge für Maschinisten. Am Ende stehen eine Prüfung nach Maßgabe öffentlicher Verordnungen sowie ein anschließendes Einsatzpraktikum.“

Modernste Technik für den gefürchteten Ernstfall

Pro Jahr plant die Schule die Ausbildung von zwei Lehrgangsgruppen. „Alle erfolgreichen Teilnehmer der ersten beiden Lehrgänge werden wir übernehmen und damit die permanente Besetzung unserer Werkfeuerwehr mit hauptberuflichen Feuerwehrkräften sicherstellen“, verspricht Keipp. Später sei auch die Ausbildung externer Kräfte geplant. „Die ersten Nachfragen liegen uns bereits vor“, freut sich Meyer-Port-4-Betriebsleiter Milbrandt.

Das ist wenig verwunderlich, denn die Meyer-Port-4-Werkfeuerwehr ist mit Spezialfahrzeugen und modernsten Übungs- und Ausbildungsanlagen ausgerüstet. Allein zwölf Fahrzeuge umfasst der Spezialfuhrpark – vom Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug, im Feuerwehrdeutsch HLF genannt, bis hin zum Rettungswagen (RTW) – ist alles dabei. Damit nicht genug: Zum modernen Equipment zählen auch Drohnen, Wärmebildkameras, eine Atemschutzübungsstrecke und eine unlängst erworbene Anlage für die feststoffbefeuerte Realbrandausbildung.

Realbrandausbildung in Containern,

Schulleiter Keipp ist begeistert: „Die Anlage für die Realbrandausbildung besteht aus fünf Containern, in denen wir nahezu jeden Brandfall nachstellen können.“

Im Inneren der Container können Temperaturen bis zu 800 Grad Celsius erreicht werden. „Sie herrschen an der Decke der Container, am Boden liegt die Temperatur bei rund 80 Grad“, erklärt der Berufsfeuerwehrmann. Mit Spezialkleidung und Atemschutzgeräten ausgerüstet können die Einsatzkräfte auch bei diesen Hitzegraden eine Zeit lang agieren.

100 Übungsstunden im Jahr – mindestens!

„Die Übung muss härter sein als der Einsatz“, erklärt Keipp, „denn nur Ungeübte gehen über ihre Grenzen. Und das kann im Einsatz ernste, wenn nicht gar tödliche Folgen haben.“ Daher sind für die hauptberuflichen Feuerwehrkräfte auf der Werft mindestens 100 Übungsstunden pro Jahr Pflicht, um sie für Gefahren zu sensibilisieren. Nebenberufliche Kräfte leisten mindestens 80 Übungsstunden ab.

Abenteuerlustige oder Adrenalin-Junkies haben bei der Feuerwehr nichts zu suchen. „Unsere Kräfte müssen nicht nur sehr viel wissen, sondern auch jede Menge lernen und Regeln befolgen“, sagt Keipp. „Vor allem müssen sie den Überblick behalten, teamfähig sein und Ruhe bewahren. Und natürlich sollten sie Spaß an der Arbeit haben.“

Schiffsbrandbekämpfung als Königsdisziplin

Außerdem könne man nur Feuerwehrkraft werden, wenn man einen abgeschlossenen Beruf vorweisen kann – vorzugsweise im handwerklich-technischen Bereich. Zudem werden bei der Aufnahmeprüfung Höhentauglichkeit, körperliche Fitness und Allgemeinwissen getestet.

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal der neuen Werkfeuerwehrschule in Papenburg stellt das Thema der Schiffsbrandbekämpfung dar. „Sie ist die Königsklasse der Feuerwehrausbildung und unsere Spezialdisziplin“, sagt Keipp. Weil es so viele verschiedene Schiffstypen mit unterschiedlichen Aufbauten gibt und der Einsatz auf dem Wasser in der Regel ungewohntes Terrain darstellt, stellen Schiffsbrände für klassische Feuerwehren seltene und sehr schwierige Situationen dar.

Schwierige Bedingungen auf Schiffen

„Die Einsatzkräfte müssen sich oft mitsamt Ausrüstung und schweren Schläuchen durch mehrere Decks und beengte Räume bis tief ins Innere des Schiffs vorkämpfen. Und dabei dürfen sie nie in Panik geraten“, erläutert der Schulleiter. Auf Schiffen sind trotz hoher Brandschutzvorschriften auch brennbare Materialien wie Kunststoff verbaut. Sie können Feuer fangen und Atemgifte freisetzen.

Weitere Besonderheiten bei Schiffsbränden: Die Stahlwände der Schiffe können sich so stark aufheizen, dass sich das Feuer allein durch die Wärmeleitung ausdehnen kann. Die Wände haben also keine brandhemmende Wirkung, sondern im Gegenteil: Der heiße Stahl kann in anderen Bereichen entflammbare Materialien entzünden.

Regelmäßige Fortbildungen

Außerdem entsteht durch die langen Korridore, die vielen Treppenhäuser und Lüftungsschächte oft ein starker Kamineffekt, der zur raschen Ausbreitung von Feuer und Rauch beitragen kann – zumindest dann, wenn die Türen nicht ordnungsgemäß geschlossen und die Sicherheitseinrichtungen nicht richtig genutzt werden.

Timo Milbrandt: „Wir können solche Situationen durch unsere Ausrüstung realitätsnah abbilden und damit eine Top-Ausbildung unserer Fachleute gewährleisten.“

Fortbildungen sind ein großes Thema. Zu den vielen Programmen, die die neue Schule anbietet, gehören auch das Wärmebildkameratraining, Schulungen im Bereich Flüssiggasumschlag, der Einsatz von Drohnen sowie Höhenrettung.

Meyer Port 4 – eine Gesellschaft, vier Aufgaben

Starkes Team: Der erste Lehrgang der Werkfeuerwehr mit Ausbildern und Chefs.
Starkes Team: Der erste Lehrgang der Werkfeuerwehr mit Ausbildern und Chefs. Bild: aktiv/Christian Augustin

Alles unter einem Dach: Ob Arbeitssicherheit, Werkfeuerwehr, Werkschutz oder Umweltschutz – all diese Aufgaben deckt die vor zwei Jahren ins Leben gerufene Gesellschaft ab. „Damit bündeln wir unsere Kompetenzen und tragen zur Prävention und Abwehr von Risiken und Gefahren bei“, sagt Betriebsleiter Timo Milbrandt.

Zentraler Dienstleister: Meyer Port 4 ist für die gesamte Werftgruppe zuständig, als zentraler Ansprechpartner für alle Bereiche. Milbrandt: „Wir haben die zuvor stark zergliederten Fachbereiche zusammen­gefasst und sind damit schlagkräftiger geworden.“

Große Schlagkraft: Mit der Bündelung der vormals getrennten Disziplinen erhoffen sich die Initiatoren effizientere Arbeitsabläufe, bessere Kommunikation und eine insgesamt engere Abstimmung der Abteilungen untereinander.

Nah an der Praxis: Als das Unternehmen Ende 2019 den Betrieb aufnahm, beschäftigte es 43 Menschen. Heute hat die Firma 94 Mitarbeiter. Die weitaus stärkste Gruppe stellt dabei die Werkfeuerwehr mit 66 Beschäftigten.