Herr Bischof, Christen in der Minderheit: Für Sie ist das keine Zukunftsmusik, sondern Alltag. Wie muss man sich das vorstellen?

Die Situation in unserem Bistum ist schon krass. Das muss man so deutlich sagen. In unserem gesamten Gebiet, das fast ganz Sachsen-Anhalt sowie Teile von Sachsen und Brandenburg umfasst, leben aktuell rund 75.000 Katholiken. Allein die Stadt Frankfurt am Main hat mehr als doppelt so viele! Der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung liegt in unserem Bistum bei rund 3 Prozent. Selbst wenn wir die evangelischen Christen mit in den Blick nehmen, erreichen wir keine 20 Prozent. Daher ist der christliche Grundpegel bei uns auch nur noch äußerst gering.

Welche Wirkung kann Kirche da in der Gesellschaft noch haben?

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass religiöse Inhalte in der Öffentlichkeit eine große Rolle spielen. Deswegen müssen wir viel kreativer sein, um unsere Botschaften in die Gesellschaft hineinzutragen. Das gelingt noch, aber nicht mehr so häufig und nicht mehr quasi automatisch. Wir kooperieren häufig: in der Ökumene und auch mit nicht religiösen Partnern.

Was macht das Leben als religiöse Minderheit mit den einzelnen Gläubigen?

Manche passen sich der Umgebung an, andere leben hier den Glauben bewusster und ernsthafter. Das liegt sicher daran, dass eine Minderheit immer stärker herausgefordert wird. Es gibt also auch positive Folgen der Entwicklung. Trotzdem müssen wir darauf achten, keine Wagenburgmentalität zu entwickeln, sondern offen zu bleiben.

Welche Schwierigkeiten haben Ihre Gemeinden im Alltag?

In den Städten ist es nicht so problematisch. Aber auf dem Land können die Strecken sehr weit sein, die Gemeindemitglieder zurücklegen müssen. Mehr als 30 Minuten für den Weg zu einem Gottesdienst sind bei uns nicht ungewöhnlich. Und das Gemeindeleben und die Gestalt der Kirche werden sich weiter dramatisch verändern. Im Jahr 2030 werden wir im Bistum Magdeburg, flächenmäßig das viertgrößte in Deutschland, gerade einmal noch 20 Priester haben.

Wie wollen Sie damit umgehen?

Wir werden Ehrenamtliche noch viel mehr als bisher in die kirchliche Arbeit einbeziehen müssen – auch in die Gestaltung von Gottesdiensten und die Leitung von Pfarreien. Nur auf die wenigen Hauptamtlichen zu setzen, würde diese maßlos überfordern.

In Zukunft dürften auch viele andere Bistümer in die Situation kommen, in der Sie heute schon sind. Was können Sie raten?

Ich übernehme ungern die Rolle eines Oberlehrers. Wir werden aber zunehmend von anderen gefragt, was wir hier für Erfahrungen machen und was wir tun. Bei finanziellen Fragen etwa spielen sicherlich die Immobilien eine große Rolle. Wir fragen uns: Was brauchen wir wirklich? Was kann und muss aufgegeben werden? Das zu entscheiden, ist nicht leicht.

Vieles hängt eben am Geld …

Ja. Wir haben als Kirche einfach hohe Fixkosten. In unserem Fall verteilen sie sich auch noch auf relativ wenige Mitglieder. Pro Kopf sind es dann vergleichsweise hohe Ausgaben – und sie steigen. Die Einnahmen pro Kopf sind wiederum niedriger als etwa im Westen. Das liegt an der geringeren Wirtschaftskraft im Osten.

Was ist mit der Solidarität finanzstarker Bistümer? Gibt es da nicht eine Art innerkirchlichen Finanzausgleich?

Doch, wir werden seit 1990 enorm unterstützt. Der Strukturbeitrag, den wir erhalten, macht etwa 20 Prozent unseres Haushalts aus. 2025 sollen diese Zahlungen jedoch enden. Ich hoffe und vertraue aber darauf, dass sich auch für danach noch eine solidarische Lösung findet. Allerdings wird auch in anderen Bistümern die finanzielle Situation zunehmend angespannter. Das fordert noch mehr heraus. Darauf müssen wir uns einstellen.

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