Stuttgart. Für viele stark krisengebeutelte Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie Baden-Württembergs gibt es langsam wieder Grund zur Hoffnung – wenn der zarte Aufschwung auch zerbrechlich ist: Große Unsicherheiten werden die Branche auch 2021 begleiten.

Etwa beim Flugzeugsitz-Spezialisten Recaro Aircraft Seating in Schwäbisch Hall. Der Umsatz ist hier im Corona-Jahr 2020 um rund 60 Prozent unter das Niveau von 2019 eingebrochen. Und wie sich die globale Luftfahrt-Industrie im neuen Jahr entwickeln wird, ist reichlich unklar. Die Stammbelegschaft hat trotzdem einen Weg gefunden, die eigenen Arbeitsplätze gemeinsam mit der Geschäftsführung abzusichern.

Die Mitarbeiter verzichten auf einen Teil des Entgelts

Und zwar so: Die Mitarbeiter verzichten auf rund 10 Prozent des Lohns. Dafür haben sie das Versprechen der Geschäftsführung, dass die rund 1.100 Jobs bis Mitte 2023 sicher sind. Mark Hiller, geschäftsführender Gesellschafter, freut sich, dass diese Einigung „auf breite Zustimmung“ trifft: In einer Umfrage stimmten 95 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder im Unternehmen dafür (knapp 80 Prozent hatten ihre Stimme abgegeben). Die Betriebsratsvorsitzende Maria Schwarz ist ebenfalls zufrieden: „Oberste Priorität während der Verhandlungen war die Beschäftigungssicherung, das ist uns in vollem Umfang gelungen.“ Am Stammsitz wird indes gebaut: Hier entstehen unter anderem ein Brandlabor und eine Crashanlage, die Mitte dieses Jahres in Betrieb gehen sollen.

In der Fahrzeug-Industrie gibt es Zeichen der Erholung

Zeichen der Erholung gibt es auch bei der Auto-Industrie und ihren Zulieferern. Um nach den Nachfrage-Einbrüchen auf Kurs zu bleiben, hat etwa das Familienunternehmen Witzenmann  mit Hauptsitz in Pforzheim, Spezialist für flexible metallische Elemente, ein neues Leitbild entwickelt. Mitarbeiter aus der gesamten Unternehmensgruppe haben daran mitgearbeitet. Im Kern geht es darum, vom Hersteller von Flexteilen zum Spezialisten für das Leiten von Medien und Energie zu werden. Künftig will Witzenmann zum Beispiel im Pkw-Bereich auch Anwendungen fürs Elektroauto anbieten. In allen Geschäftsbereichen soll die Effizienz gesteigert und die Digitalisierung vorangetrieben werden.

Doch die globale Wirtschaft ist weiterhin von großen Unsicherheiten geprägt

Neuen Mut schöpft auch der für Baden-Württemberg besonders wichtige Maschinen- und Anlagenbau: Nachdem die Branche 2020 deutschlandweit ein Produktionsminus von 14 Prozent wegstecken musste, rechnet der Branchenverband VDMA fürs laufende Jahr mit einem Plus von 4 Prozent.

Auch über dieser Prognose schwebt ein „Aber“: Die große Unsicherheit, die über der globalen Wirtschaft liege, treffe den Maschinen- und Anlagenbau als Investitionsgüterbranche besonders stark. „Liquiditätsengpässe im Aufschwung werden 2021 die eigentliche Herausforderung“, erklärt VDMA-Präsident Karl Haeusgen – sprich: Für Unternehmen kann es schwierig werden, zahlungsfähig zu bleiben. Also kommt es jetzt für viele Unternehmen entscheidend darauf an, ihre Kosten in Grenzen zu halten.

Arbeitgeber fordern Entlastung bei den Arbeitskosten

Deshalb kommt der laufenden Tarifrunde in der M+E-Industrie auch eine so große Bedeutung zu. Die Arbeitgeber lehnen die Lohnforderungen der IG Metall strikt ab, wollen stattdessen eine Arbeitskosten-Entlastung für die Unternehmen erreichen. So sagt der Weinsberger Unternehmer Hans-Jörg Vollert von Vollert Anlagenbau: „Wir tun im Moment alles dafür, die Arbeitsplätze zu sichern. Ein Drittel aller Unternehmen der M+E-Industrie schreibt momentan Verluste – da würde eine Lohnerhöhung diese Bemühungen torpedieren.“