Radeberg. Die Ludwig-Richter-Oberschule im sächsischen Radeberg ist eigentlich ein Paradies für den Industrienachwuchs: Hier werden fast alle Schüler zum Hauptschulabschluss oder zur Mittleren Reife geführt. Eine Praxisberaterin kümmert sich ab Klasse sieben um die Berufsorientierung. Es gibt Jobpraktika und regelmäßige Ausflüge zu Betrieben. „Und daher verlässt kein Schüler unsere Schule ohne einen Plan, was er mit seinem Abschluss machen will“, sagt Deutschlehrer René Michel.

Schulen wie diese sind der Grund dafür, dass Sachsen im aktuellen INSM- Bildungsmonitor mal wieder den ersten Platz unter allen Bundesländern belegt: In den so wichtigen MINT-Fächern, also Mathe, Informatik und Naturwissenschaften und Technik, erreichen die sächsischen Schüler bundesweit Bestnoten.

Ob das so bleibt? Michel hat da so seine Zweifel. „Uns fehlen in Sachsen zurzeit mehr als 1.500 Lehrer“, sagt der 32-Jährige, der auch stellvertretender Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbands im Verband für Bildung und Erziehung ist. Auch an der Ludwig-Richter-Schule bleiben immer mehr Pulte frei: So gibt es für die rund 300 Schüler nur einen einzigen Physiklehrer, auf offene Stellen hatte sich niemand beworben. Damit keine Stunden ausfallen, stopfen zwei Kollegen aus anderen Fächern das Physik-Loch.

Lehrermangel: „Das große Drama erleben wir in vier, fünf Jahren“

„Auch in Mathe fehlen uns Kollegen“, so Michel, eine Englischlehrerin springt ein. Und er als Deutschlehrer unterrichtet neuerdings auch Musik – dafür ist im Kollegium überhaupt niemand ausgebildet. „Wir versuchen, den Mangel mit viel Engagement auszugleichen“, fasst Michel zusammen. „Das mag eine Weile funktionieren. Aber es geht zulasten aller Beteiligten.“

Nicht nur in Sachsen, überall in Deutschland leeren sich die Lehrerzimmer. Schon 2021 fehlten nach einer Berechnung der Kultusministerkonferenz (KMK) bundesweit 7.300 Lehrkräfte. Der Deutsche Lehrerverband hält diese offizielle Zahl für stark untertrieben, er geht von mehr als 32.000 fehlenden Pädagogen aus. Harte Daten dazu scheint es nicht zu geben.

Was Studien aber zeigen: In den nächsten Jahren wird es nicht besser. „Wenn man einfach mal das Schüler-Lehrer-Verhältnis von heute als Maßstab anlegt, werden uns 2025 voraussichtlich 35.000 Lehrkräfte fehlen, 2029 sogar 68.000.“ So sagt es Wido Geis-Thöne, Bildungsexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das kürzlich eine Prognose zum Thema veröffentlicht hat. „Das große Drama werden wir in vier, fünf Jahren erleben, weil dann noch mehr Kinder als jetzt in den weiterführenden Schulen ankommen.“ Allerdings: So zersplittert die deutsche Schullandschaft ist, so stark unterscheiden sich die Regionen in puncto Lehrermangel. Überalterung etwa ist eher ein Problem der östlichen Bundesländer. Im Westen haben sich die Kollegien laut IW-Studie schon deutlich verjüngt. Auch bei den Schularten gibt es Unterschiede: Während Grund- und Berufsschulen immer verzweifelter Personal suchen, können viele Gymnasien laut KMK noch aus dem Vollen schöpfen – zumindest in Fächern wie Deutsch. MINT-Pauker dagegen fehlen fast flächendeckend.

Für die Industrie sind das düstere Aussichten: Denn für die klassische Produktion, für die Entwicklung klimafreundlicher Technologien, für die smarten Fabriken von morgen – da braucht es Beschäftigte mit guten Mathe- und IT-Kenntnissen.

Der Mangel in abgelegeneren Regionen verstärkt sich noch dadurch, dass Junglehrer sich ihren Arbeitsort schon fast aussuchen können. „Wolfsburg ist für viele nicht attraktiv“, sagt etwa Thomas Eisenhuth, Schulleiter des dortigen Theodor-Heuss-Gymnasiums. Neue Lehrer ziehe es in Niedersachsen eher nach Hannover oder Braunschweig.

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Modellprojekt: Nur noch vier Tage Schule?!

Ähnliche Erfahrungen macht sein Kollege Michel im sächsischen Radeberg: „Hier entscheiden sich Bewerber eher für Städte wie Dresden oder Leipzig.“ Das können sie, weil sie ein Druckmittel haben: „Bekommen sie ihre Wunschstelle nicht, bewerben sie sich eben in einem anderen Bundesland“, sagt Michel.

Was hilft gegen die absehbar noch schlimmer werdende Schul-Misere? Hier wird inzwischen vieles diskutiert, was früher als undenkbar galt.

  • Vier-Tage-Woche. Den krassesten Ansatz verfolgt Sachsen-Anhalt. In einem Modellversuch wurde dort an zwölf Sekundarschulen die Vier-Tage-Woche eingeführt. Schüler kommen nur noch für vier Tage ins Klassenzimmer, am fünften lernen sie eigenständig zu Hause. Nur noch vier Tage Schule, weil Lehrer fehlen?!
  • Studierende als Lehrer. Ein Pilotprojekt der hessischen Landesregierung zielt konkret auf den MINT-Mangel ab: Hier können sich Master-Studierende der Metall- und Elektrotechnik in Darmstadt und Kassel einen Tag in der Woche an der Hochschule freinehmen, um als bezahlte Aushilfe in einem Berufskolleg einzuspringen. Seit diesem Semester dürfen auch Informatiker und Chemietechniker als Aushilfspauker ran. Gecoacht werden sie dabei von ausgebildeten Pädagogen.
  • Blended Learning. Auch manche Schulleitung macht die Not erfinderisch. Die Sekundarschule Bertolt Brecht in Leuna etwa, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, geht gerade im Alleingang einen Modellversuch an. „Wir wollen Mathe und Deutsch im sogenannten Blended Learning anbieten“, sagt Schulleiter Henrik Amende. Die Idee habe er sich in den USA abgeschaut. Beim Blended Learning (gemischtes Lernen) wechseln sich Präsenzphasen und digitale Lernzeiten ab. Der Vorteil: In den Solo-Lern-Phasen können die Schüler von Studierenden oder Freiwilligendienstlern beaufsichtigt werden. Letztlich könnte man so „vielleicht einen von fünf Lehrern einsparen“, hofft Amende.

Aber was, wenn solche Modellversuche keine Entlastung bringen? Dann werde man dem aktuellen Personal noch mehr abverlangen, fürchtet Deutschlehrer Michel. Schon jetzt seien viele Kollegen am Limit.

Der Stress im Job ist sicher auch ein Grund dafür, dass die Teilzeitquote bei den Lehrkräften bei knapp 40 Prozent liegt! Zum Vergleich: Von allen Beschäftigten in Deutschland arbeiten nur 28 Prozent in Teilzeit. Schulministerien, die wegen ausfallender Stunden unter Druck geraten, sehen hier einen Hebel für mehr Unterricht: Bayern etwa hat die Teilzeit-Möglichkeit für Lehrkräfte schon eingeschränkt.

Übrigens: NRW will im aktuellen Schuljahr 3.300 Lehrkräfte von Gymnasien an Grundschulen verschieben, weil dort die Personalnot am größten ist. Zumindest im Moment.