Essen. Beispiel NRW: Das bevölkerungsreichste Bundesland wird bis 2030 nur ein Drittel der MINT-Lehrer-Stellen besetzen können! Zu diesem Schock-Ergebnis kam eine Studie im Auftrag der Deutsche-Telekom-Stiftung. Darin untersuchte der Bildungsforscher Klaus Klemm die zu erwartenden Schüler- und Lehrerzahlen. aktiv hat ihn gefragt, woher der Mangel rührt und wie er sich mildern lässt.

Nicht nur in NRW werden immer mehr Schulen ohne Mathe- und Informatik-Lehrer auskommen müssen. Wie schlimm ist Lage wirklich?

Ich untersuche die Situation an deutschen Schulen schon seit 1974. Es gab immer Schwankungen bei den Lehrerzahlen. Aber so dramatisch wie jetzt war die Situation selten. Heute haben wir in allen 16 Bundesländern riesige Schwierigkeiten, Lehrerstellen zu besetzen, vor allem an Grund- und Berufsschulen. Besonders groß ist der Mangel aber in den MINT-Fächern an den weiterführenden Schulen. In NRW zum Beispiel haben zuletzt im Schnitt 15 Leute pro Jahr einen Abschluss für das Lehramt im Fach Informatik gemacht. 15!

Warum ist der Mangel gerade in den MINT-Fächern so groß?

Menschen, die etwas Technisches studieren, wollen meist nicht in der Schule arbeiten. Informatiker, Chemiker und Mathematiker aber haben oft viele besser bezahlte Jobmöglichkeiten, zum Beispiel in der Industrie.

Auch an vielen Grundschulen fehlen Lehrkräfte. Ist der Beruf vielleicht zu unattraktiv?

Bei den Grundschulen liegt es nicht an der Attraktivität. Im Gegenteil: Es gibt Tausende, die Grundschullehrerin oder Grundschullehrer werden wollten – aber keinen Studienplatz bekommen haben. Ähnlich bei den MINT-Fächern: An der Uni Leipzig brauchte man 2021 einen Abischnitt von 1,3, um Bio auf Lehramt studieren zu dürfen! Das ist doch Wahnsinn. An anderen Unis sieht es nicht besser aus. Das Problem ist: Die Noten-Hürden jetzt runterzusetzen, schafft akut keine Abhilfe, sondern erst in sieben Jahren.

Was könnte denn kurzfristig gegen den Mangel helfen?

Quereinsteiger sind eine Möglichkeit, auf die alle Bundesländer schon stark setzen. Heute machen Quereinsteiger schon fast 10 Prozent der Neueinstellungen an Schulen aus. Diese Menschen haben zum Beispiel Englisch studiert, aber keine Erziehungswissenschaft, und holen ihr Referendariat nach. Wir wissen, dass ihr Unterricht nicht schlechter ist als der von „studierten“ Lehrern.

Welche Änderungen im System schlagen Sie vor?

Das Lehramt muss flexibler werden, um Schwankungen besser ausgleichen zu können. Ein Beispiel: Prognosen zeigen, dass es in sieben Jahren möglicherweise wieder zu viele Grundschullehrer gibt, während der Mangel an den weiterführenden Schulen bis in die 30er-Jahre anhält. Warum sollte man Grundschul-Studierenden nicht anbieten, eine Zusatzqualifikation für die Klassen fünf bis sieben zu erwerben? Dann könnten sie in Zukunft an den weiterführenden Schulen einspringen.

Es würde ja auch helfen, wenn mehr Lehrer Vollzeit arbeiten würden. Was ließe sich gegen die hohe Teilzeit-Quote bei Lehrkräften tun?

Ein Großteil der Teilzeit-Beschäftigten sind Frauen. Das liegt leider immer noch an der klassischen Familiensituation, in der Frauen den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen. Schulträger sollten hier Angebote haben, wie viele Firmen sie ihren Beschäftigten ja schon lange machen: etwa Kitaplätze zusichern, wenn die jungen Lehrerinnen dafür zusätzliche Stunden übernehmen.

Muss man auch die Lehrer- Ausbildung an sich verbessern?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir wissen sehr genau, wie viele schon auf dem Weg zum Lehrberuf aufhören: im Studium, nach dem Abschluss, während des Referendariats. Überall verlieren wir Leute, insgesamt mehr als 20 Prozent! Darum müssen wir uns kümmern und schauen: Woran liegt es, dass so viele Lehrer schon vor der ersten Stunde aufgeben?