Berlin. Böse Überraschung Anfang Dezember, mitten im Berufsverkehr: Vollsperrung der Autobahn A 45 bei Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen! Nichts geht mehr, es kommt zu Riesenstaus, der Verkehr wird großräumig umgeleitet. Grund für das Chaos, das viele Auto- und Lkw-Fahrer völlig unerwartet trifft: Experten haben gravierende Schäden an einer Talbrücke der A 45 entdeckt.

Diese Autobahn, auch Sauerlandlinie genannt, verbindet das Ruhrgebiet mit Frankfurt. Wenn so eine Verkehrsader unterbrochen wird, ist der Stillstand programmiert: Menschen kommen zu spät zur Arbeit, Lieferungen nicht an, die Just-in-time-Produktion in Industriebetrieben gerät aus dem Takt.

Das Beispiel zeigt, wie überlastet das Straßennetz ist. Das liegt vor allem am stark gestiegenen Lastwagenverkehr. Von 2010 bis 2020 legte das Lkw-Transportvolumen in Deutschland um 17 Prozent auf 3,66 Milliarden Tonnen zu. Während die Bahn gerade mal auf ein Plus von knapp 1 Prozent kam. Und jetzt, nach der Corona-Delle, schwillt die Lkw-Flut erneut an, nicht zuletzt wegen des boomenden Online-Handels.

Für die Verkehrswende reichen mehr Finanzmittel allein nicht aus

Die Bahn hingegen kommt kaum von der Stelle. Deren Beitrag zur gesamten deutschen Transportleistung, gemessen in Tonnenkilometern, schwankt seit Jahren um die 18 Prozent; beim Lastwagen sind es inzwischen annähernd 73 Prozent.

Das will die neue Regierung ändern. Bis 2030 soll der Anteil der Schiene auf 25 Prozent steigen, um die von der Ampel propagierte Verkehrswende zu schaffen. Dafür reichen mehr Finanzmittel allein nicht aus. So sollen laut Koalitionsvertrag künftig Gleisanschlüsse zu Industriebetrieben verbindlich geprüft, der Bau neuer Containerterminals gefördert – und die Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte beschleunigt werden.

Zahlreiche Bauprojekte werden erst Anfang oder Mitte der 30er Jahre fertig

Das 25-Prozent-Ziel ist nicht neu; das hatte auch schon die alte Regierung angepeilt. Doch jetzt müssten „die Pläne konsequent umgesetzt werden“, fordert Clemens Bochynek. Er ist geschäftsführender Vorstand der Studiengesellschaft für den Kombinierten Verkehr (SGKV) in Berlin, die sich für die Verknüpfung von Straße und Schiene starkmacht.

Bochynek ist skeptisch, ob die Bahn so schnell deutlich mehr Güter transportieren kann: „Von der Planung bis zur Fertigstellung neuer Strecken vergehen in Deutschland Jahrzehnte.“ Und das kann die Ampel-Koalition so rasch nicht ändern. Der Experte, der seine Karriere beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsforschung begann, geht davon aus, dass zahlreiche Bauprojekte erst Anfang oder Mitte der 30er Jahre fertig werden: „Erst dann kann die Schiene von den Vorteilen der Netzertüchtigung voll profitieren.“

Viele Bahnprojekte werden erst in den 30er Jahren fertig

Clemens Bochynek, geschäftsführender Vorstand der SGKV

Zumal die Bahn in den nächsten Jahren erst mal durch viele Baustellen im Schienennetz ausgebremst wird. Um dennoch kurzfristig die Leistungsfähigkeit zu erhöhen, müsse die DB noch mehr Tempo bei der Digitalisierung machen. Mit elektronischen Stellwerken und moderner Sicherungstechnik ließen sich die Kapazitäten Schritt für Schritt hochfahren. Zudem müsse sie Technik aus Uropas Zeiten ausrangieren.

Schon heute fehlen bundesweit 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrer

Noch werden die meisten Güterwaggons per Hand verbunden. Mit der europaweiten Einführung der digitalen automatischen Kupplung ginge das viel schneller. Nur so kann die Bahn konkurrenzfähiger werden und dem Lkw Marktanteile abjagen.

Erfolgreich ist die Bahn schon heute mit dem kombinierten Verkehr: Während auf langen Strecken Container und Lkw-Sattelauflieger huckepack mit dem Zug fahren, übernimmt der Truck die Verteilung in der Fläche. Ein Konzept, das eine große Zukunft haben dürfte.

73 Prozent Anteil hat der Lkw an der Transportleistung

Rechnung in Tonnenkilometern; Quelle: Statistisches Bundesamt

Auch, weil die Speditionen per Lkw kaum noch Zusatzverkehr bewältigen können. Schon heute fehlen bundesweit 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrer, schätzt der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung. Er warnt vor Engpässen: Der Personalmangel werde sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen.