Bad Neuenahr-Ahrweiler. An die Zeit vor gut einem Jahr will sich Produktionshelfer Fabian G. am liebsten gar nicht mehr erinnern. „Wir haben damals sozusagen nur noch funktioniert“, sagt er nachdenklich. „Und getan, was eben getan werden musste.“ Beim aktiv-Besuch in der Firma J. M. Schmitt geht es um die Flutkatastrophe, die auch den Betrieb in Bad Neuenahr-Ahrweiler hart traf – und um ihre Bewältigung.

Mittlerweile läuft nämlich sehr vieles wieder, wie der Mann zum Beispiel an einer Produktionslinie zeigen kann. Er ist einer von 35 Beschäftigten des Unternehmens, das auf hochwertige Rundverpackungen wie Versandhülsen spezialisiert ist sowie auf Membran- und Kombidosen. Die werden zum Beispiel für Brühpulver oder Puderzucker gebraucht. Dank modernster Maschinentechnik zählte der Familienbetrieb immer zu den Vorreitern in seinem Produktsegment. Dann kam der Juli 2021.

Erst mehrere Monate nach der Flut läuft bei J. M. Schmitt die erste Anlage wieder

Extrem starke und anhaltende Niederschläge lösten eine Flutkatastrophe aus, die in Rheinland-Pfalz und NRW über 180 Menschenleben forderte und gigantische wirtschaftliche Schäden verursachte. Stark betroffen war Bad Neuenahr-Ahrweiler im Ahrtal. „Das, was wir damals hier erleben mussten, sprengt jede Vorstellungskraft“, betont Personalchefin Doris Schmitt.

Sie führt den Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann Erwin, unterstützt von ihren Söhnen. Als sie nach dem Abebben der Flut über einen Einstieg im Dach erstmals wieder in die Produktion sehen konnte, stand das Wasser im Gebäude über zwei Meter hoch: „Selbst tonnenschwere Teile schwammen in einer ekligen Brühe und lagen später kreuz und quer herum.“

„Die Versicherung empfahl uns, unsere Firma aufzugeben.“

Doris Schmitt, Personalleiterin

Inzwischen läuft immerhin gut die Hälfte des Maschinenparks wieder – „dank des unermüdlichen Einsatzes der Belegschaft und auch vieler weiterer Helfer“, wie Doris Schmitt dankbar sagt. Als die erste Anlage mehrere Monate nach der Flut endlich wieder sauber funktionierte, wurde das denn auch richtig gefeiert.

„Den Betrieb aufgeben, wie von der Versicherung vorgeschlagen? Das war für uns damals keine echte Option“, sagt die Unternehmerin. Was beim Durchhalten entscheidend half: Ein Großteil der Kunden blieb J. M. Schmitt treu. „Ein Segen für uns – und nicht selbstverständlich“, so Doris Schmitt.

Der Neuanfang ist noch immer nicht beendet: „So ein gewachsener hochautomatisierter Produktionsbetrieb ist ein sehr komplexes System, das lässt sich nicht in ein paar Monaten komplett wieder aufbauen“, erläutert Stefan Schmitt, Betriebswirt und IT-Spezialist.

Elektronikbauteile werden mit der Zahnbürste gereinigt

Sein Bruder Rainer ist Feinwerkmechaniker-Meister und kümmert sich um den Neuaufbau der Anlagen: Überflutete Schaltschränke, die man früher wohl verschrottet hätte, werden aufgrund der Lieferengpässe sorgfältig ausgeschlachtet, Elektronikbauteile werden mit der Zahnbürste von Hand gereinigt.

Zu den speziellen Sorgen sind neue hinzu gekommen, vor allem die explodierenden Energiekosten, aber auch fehlende Fachkräfte. Aber: „Wir hängen hier alle mit viel Herzblut drin“, sagt Stefan Schmitt – und das nächste große Ziel stehe schon fest. „Wir wollen 2027 das 100-jährige Jubiläum mit unseren Beschäftigten feiern.“ Bis dahin dürfte der Neustart nach der Flut wohl endgültig gelungen sein.

Maja Becker-Mohr
Autorin

Maja Becker-Mohr ist für aktiv in den Unternehmen der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie sowie der papier- und kunststoffverarbeitenden Industrie unterwegs. Die Diplom-Meteorologin entdeckte ihr Herz für Wirtschaftsthemen als Redakteurin bei den VDI-Nachrichten in Düsseldorf, was sich bei ihr als Kommunikationschefin beim Arbeitgeberverband Hessenchemie noch vertiefte. In der Freizeit streift sie am liebsten durch Wald, Feld und Flur.

 

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