Wesel/Magdeburg. Julian Mauerhof hat miese Laune, und der Grund dafür ist: das Wetter. „30 Grad wieder“, murmelt der 41-jährige Forstamtsleiter, „gutes Wetter, aber keine gute Nachricht. Wir brauchen Regen. Und das dringend.“ Mauerhof streift an diesem Sommertag durch den Diersfordter Wald bei Wesel, der viel zu trockene Waldboden staubt unter seinen Stiefeln. Auf einer Lichtung hält er inne und weist auf das, was der Wassermagel im Wald verheert hat. Abgestorbene Kiefern, kränkelnde Buchen, schüttere Robinien. Besonders bitter: „Gerade alte, dicke, knorrige Bäume, die einem Förster Kraft und Zuversicht geben, sterben ab.“ Mit der Hand greift Mauerhof in den sandigen Boden, lässt die Erde durch die Finger rieseln. „Wenn ich daran denke, welchen Wald meine Kinder hier mal zu sehen kriegen, wird mir ganz anders.“

Wassermangel trifft nahezu alle Lebensbereiche

Anhaltende Hitze, kaum Niederschlag – es scheint, als drohe Deutschland das nächste Dürrejahr. Der Deutsche Wetterdienst jedenfalls prognostiziert einen überdurchschnittlich warmen Sommer, und schon jetzt sind die Böden fast überall zu trocken. Deutschland im Trockenstress – eine Folge des Klimawandels. Wie geht’s weiter? Was sind die Folgen, jetzt und in Zukunft? Kommt irgendwann vielleicht kein Wasser mehr aus dem Hahn?

„Die Trinkwasserversorgung ist in Deutschland nicht flächendeckend gefährdet“, beruhigt Professor Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Magdeburg, Mitautor der „Nationalen Wasserstrategie“ der Bundesregierung. Klingt ja beruhigend. Aber dann: „Unsere Wassersituation ist dennoch angespannt! Spätestens seit den jüngsten Dürrejahren sollte jeder begriffen haben, dass wir ein ernstes Problem haben“, so Borchardt zu aktiv. Und zwar eins, das nahezu alle Bereiche unseres Lebens berührt. Die Fakten dazu.

  • Landwirtschaft leidet. Derzeit werden nur etwa 2 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen bewässert. Schätzungen aber besagen, dass dieser Wert in den nächsten Jahrzehnten auf 30 Prozent steigen könnte. Das hätte massive Folgen für den Grundwasserspiegel.
  • Der Wald stirbt. Rund 300.000 Hektar betragen die Waldverluste der letzten Jahre bundesweit. Lange Trockenheit schwächt die Bäume und macht sie anfällig für Schädlinge und Stürme. Die Waldbrandgefahr steigt enorm – erst vor gut zwei Wochen waren in Brandenburg Waldbrände zeitweise sogar außer Kontrolle geraten.
  • Pegelstände sinken. In den Dürrejahren 2018 und 2019 schränkten niedrige Flusspegel die Schifffahrt drastisch ein. Folge: Roh- und Treibstoffe konnten beispielsweise am Oberrhein nicht mehr zu den wartenden Industriebetrieben geliefert werden.
  • Nutzungsbeschränkungen drohen. Ein Rasensprenger verspritzt pro Stunde bis zu 800 Liter Wasser. Das entspricht in etwa dem Wochenverbrauch eines Erwachsenen. Dazu Gartenpools, Autowäschen – kein Wunder, dass der durschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von Wasser zuletzt wieder anzog. Fatal: Je wärmer die Sommer, desto höher wiederum der Wasserfußabdruck der Bürger. Schon jetzt mehren sich vielerorts die Mahnungen, Wasser zu sparen.
  • Wasser wird zum Standortfaktor. Egal ob Tesla in Grünheide oder Intels neue Chip-Fabrik bei Magdeburg – verstärkt muss bei Investitionen zunächst geklärt werden, ob regional noch genug Wasser für die Produktion vorhanden ist. Professor Dietrich Borchardt: „Wasser ist die Basis unserer modernen Industriegesellschaft, und immer öfter wird es jetzt zum Standortfaktor bei der Ansiedlung von Zukunftstechnologien!“

Schwammstädte sollen zukünftig Wasser speichern

Paradox dabei: Eigentlich ist Deutschland noch immer ein wasserreiches Land. 188 Milliarden Kubikmeter umfassen laut Umweltbundesamt die erneuerbaren Süßwasserressourcen. Nur: „Die bundesweite Bilanz hilft regional einfach nicht weiter“, so Helmholz-Hydrobiologe Borchardt.

Der Top-Experte fordert daher einen raschen Paradigmenwechsel. Und: die Schwammstadt! Derzeit sei die Siedlungsentwässerung rein auf Ableitung von Regenwasser ausgerichtet. „Jeder Tropfen Regen fließt schnell in die Flüsse, dabei wäre es viel schlauer, ihn möglichst lange zu speichern.“ Mittel dazu gebe es reichlich: Entsiegelung von Flächen, Gründächer, blau-grüne Infrastruktur, also Gewässerläufe und Grünflächen in den Städten.

Allein das aber werde immer noch nicht reichen, die eben doch begrenzte Ressource Wasser zukünftig allerorts clever verteilen zu können. „Wir müssen auch über Nutzungshierarchien sprechen“, fordert Borchardt. „Wenn Trinkwasser regional knapp wird, muss zuvor klar sein, wer wie viel bekommen kann.“ Nicht erst, wenn der Mangel eintritt: „Dann wird am Ende womöglich der bedient, der am lautesten schreit.“

Laut schreien? Würde Forstamtleiter Julian Mauerhof im niederrheinischen Wesel angesichts des Baumsterbens in seinem Revier manchmal gern. Früher sei er nach der Schule gern eine Busstation vorher ausgestiegen, um mit seinem Opa durch den Forst zu stromern. Wie der Altvordere, seinerzeit selbst Förster, auf seinen Wald heute reagieren würde, weiß Mauerhof auch. „Der würde weinen.“

Ulrich Halasz
aktiv-Chefreporter

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Uli Halasz an drei Universitäten Geschichte. Ziel: Reporter. Nach Stationen bei diversen Tageszeitungen, Hörfunk und TV ist er jetzt seit zweieinhalb Dekaden für aktiv im Einsatz – und hat dafür mittlerweile rund 30 Länder besucht. Von den USA über Dubai bis China. Mindestens genauso unermüdlich reist er seinem Lieblingsverein Schalke 04 hinterher. 

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