Berlin. Nach dem Klimagipfel im britischen Glasgow November letzten Jahres fand Johan Rockström drastische Worte: „Vor Glasgow war die Welt auf einem Desaster-Pfad, nach Glasgow sind wir noch immer auf einem gefährlichen Pfad“, warnte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Zwar haben sich die Länder klar dazu bekannt, den Anstieg der Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad zu begrenzen. Um das zu schaffen, müssten die Staaten bis Ende des Jahres bei ihren Programmen noch nachschärfen, so der Forscher.

Positive Signale sieht Rockström aus der Wirtschaft. Diese sei in vielen Teilen bereits dabei, sich klimafreundlich umzustellen. Noch nie hätten so viele Unternehmenschefs so viel Zeit auf einer Klimakonferenz verbracht wie zuletzt in Glasgow.

aktiv-Podcast, Folge 1: Der Klima-Sauber-Sauger

Innovationen sollen im Kampf gegen den Klimawandel helfen. Eine Idee: Überschüssiges CO₂ aus der Luft saugen, um den Temperaturanstieg auf der Erde zu bremsen. Wie das genau funktioniert, erfahren Sie in dieser Podcast-Folge.

Jetzt reinhören und dazu einfach unten in der roten Box auf „Jetzt aktivieren“ klicken. Viel Spaß!

Externe Inhalte

Um Ihre Daten zu schützen, ist dieses Element standardmäßig deaktiviert. Wenn Sie das Element eigenhändig aktivieren, erhält der Drittanbieter Podigee solange dauerhaft Kenntnis über Ihren Besuch bei uns, bis Sie das Element eigenhändig wieder deaktivieren oder Ihre Cookies löschen.

Manche Konzerne treiben mit ihren Klimaschutzplänen die Politik vor sich her

In der Tat: Zahlreiche Firmen erfinden sich neu. Und wollen mit neuen Ideen und Produktionsverfahren die klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen drastisch senken. Manche Konzerne treiben mit ihren ambitionierten Plänen sogar die Politik vor sich her. Weil ihnen das Transformationstempo – raus aus Kohle und Gas, rein in Wind- und Sonnenkraft – zu gemächlich erscheint. Diese Unternehmen brauchen dringend mehr Ökostrom. Um Chemie-Erzeugnisse, Stahl, Autos, Maschinen und Zement CO2-frei herzustellen.

Die Unternehmensberatung Roland Berger sieht Deutschland für die nachhaltige Zukunft gut gerüstet. „Produkte, Verfahren und Dienstleistungen der Umwelttechnik und Ressourceneffizienz made in Germany genießen weltweit großes Ansehen“, heißt es in ihrem jüngsten „GreenTech-Atlas“. So hätten deutsche Firmen bei grünen Technologien weltweit einen Anteil von 14 Prozent.

aktiv stellt drei Industriezweige vor, die besonders viel Energie verbrauchen und sich mit großem Aufwand auf die grüne Zukunft vorbereiten.

1. Beispiel: Stahl-Industrie

Stahlproduktion bei Thyssenkrupp: Der Konzern stellt nach und nach auf Wasserstoff um. Die Tochter Uhde Chlorine Engineers fertigt die Technik zur Erzeugung von Wasserstoff (rechts).

Thyssenkrupp will künftig klimaneutralen Wasserstoff für die Stahlproduktion nutzen. Schritt für Schritt ersetzt der Konzern seine konventionellen Hochöfen durch Anlagen, die ganz ohne Kohle auskommen. Dafür braucht das Unternehmen dann riesige Mengen an Wasserstoff, erzeugt von schätzungsweise mehr als 3.000 Windrädern. Bis 2030 investiert Thyssenkrupp 2 Milliarden Euro in die Transformation.

Thyssenkrupp-Tochter erhält Großauftrag aus Saudi-Arabien

Die Tochter Uhde Chlorine Engineers stellt die Technik für die Wasserstoff-Erzeugung her. Jüngster Coup: Das Dortmunder Unternehmen hat sich kürzlich einen Großauftrag für den Bau einer Elektrolyse-Anlage in Saudi-Arabien gesichert. Mit einer Leistung von über zwei Gigawatt handelt es sich um eines der größten Projekte zur Erzeugung von grünem Wasserstoff weltweit. Es soll der Produktion von klimaneutralem Ammoniak dienen. 2026 ist die Inbetriebnahme geplant.

13 Prozent – um so viel nahm der CO2- Ausstoß pro Tonne Stahl seit 1990 ab

Konkurrent Salzgitter hat auf dem Produktionsgelände Windkraftanlagen installieren lassen, um aus der Öko-Energie grünen Wasserstoff herstellen zu können. Dem Klimaschutz würde all das sehr viel bringen. Immerhin verursacht die Stahlbranche 7 Prozent des CO2-Ausstoßs hierzulande.

2. Beispiel: Chemie-Industrie

BASF in Ludwigshafen: Der Chemie-Konzern will künftig seine riesigen Anlagen mit Windstrom betreiben – aus der Nordsee (rechts).

Die BASF hat unlängst eine Pilotanlage für sauberen Wasserstoff in Betrieb genommen. Und will ihn künftig in großen Mengen einsetzen. Dafür hat das Unternehmen den Energiekonzern RWE mit ins Boot geholt. Das Ziel der Ludwigshafener: Eigenen Ökostrom aus Windanlagen in der Nordsee beziehen. Der geplante Mega-Offshore-Windpark soll mit zwei Gigawatt Leistung von 2030 an die BASF mit Strom beliefern. Dadurch könnten im Werk Ludwigshafen bis zu 2,8 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden. Und mit einem Fünftel des Stroms will RWE grünen Wasserstoff erzeugen. Die Gesamtkosten des Projekts: 4 Milliarden Euro.

BASF will energieintensive Anlagen künftig mit Öko-Strom beheizen

Zudem hat die BASF in den zurückliegenden Monaten weitere Stromverträge abgeschlossen, denn das Ziel ist klar:„Wir wollen unsere CO2-Emissionen bis 2030 um 25 Prozent im Vergleich zu 2018 reduzieren“, so BASF-Konzernchef Martin Brudermüller.

Eine Herausforderung sind die energieintensiven Anlagen. Wie etwa die beiden riesigen Steamcracker der BASF, die bei 850 Grad Celsius aus Rohbenzin Chemiegrundstoffe wie Ethylen und Propylen herstellen. Statt mit Erdgas sollen sie künftig mit Ökostrom beheizt werden.

40 Prozent – um so viel sank seit 1990 der CO2-Ausstoß der deutschen Chemie- und Pharma-Industrie

Das erfordert enorme Investitionen. Nicht nur in Ludwigshafen. Bundesweit betreiben zehn Unternehmen 14 dieser Anlagen. Für ein klimaneutrales Deutschland müssten sie alle elektrifiziert werden – und Hunderte andere Chemieanlagen dazu. Am Ende wird die Branche über 600 Milliarden Kilowattstunden Öko-Strom benötigen – mehr, als ganz Deutschland 2020 verbraucht hat.

3. Beispiel: Zement-Industrie

Zementwerk Rüdersdorf (Brandenburg): Eine umweltfreund­liche Alternative zu Stahlbeton wäre Carbonbeton (rechts).

Der wichtigste Baustoff der Welt: Beton. Schon die Römer haben ihn genutzt, etwa für das Kolosseum. Und heute kommt kaum noch ein Bauwerk ohne ihn aus.

Hergestellt wird das Grundmaterial Zement in Hochtemperatur-Drehöfen. Zuletzt (2019) wurden allein in Deutschland 34 Millionen Tonnen Beton verbaut; dabei fielen 20 Millionen Tonnen CO2 an.

22 Prozent – um so viel ging der CO2-Ausstoß pro Tonne Zement bei uns gegenüber 1990 zurück

Um den CO2-Ausstoß zu drücken, erforscht und entwickelt die Branche eine Reihe von Möglichkeiten: etwa die Abscheidung und Weiterverarbeitung oder auch Speicherung von CO2. Denkbar sind aber auch der Einsatz nicht fossiler Brennstoffe, die Verwendung von Alternativen zum Beton-Grundstoff Zementklinker, eine bessere Wiederverwertung und auch die sogenannte Rekarbonatisierung – also die Speicherung von CO2 in fertigem Beton selbst.

Mit Carbon-Beton lässt sich der CO2-Ausstoß um 70 Prozent verringern

Eine der vielen Optionen ist sogenannter Carbonbeton. Der wird an der Technischen Universität Dresden entwickelt. Im Vergleich zu Stahlbeton lassen sich mit Carbonbeton 50 Prozent an Beton einsparen, beim CO2 bringt das ein Minus von 70 Prozent.

Wo genau die Reise nun hingeht, soll etwa in der Modellregion Erwitte und Geseke (Nordrhein-Westfalen) herausgefunden werden. Hier liegt einer der größten Produktionsstandorte der deutschen Zement-Industrie – mit über 100 Jahren Tradition. Gemeinsam wollen Hersteller, Forscher und Politik Flagge zeigen. Der Ehrgeiz ist groß: Vorreiter für die CO2-freie Betonherstellung will man werden, sogar europaweit.