Der Kilometerstand eines Gebrauchtwagens bestimmt seinen Preis entscheidend mit. Allerdings muss nicht stimmen, was auf dem Tacho steht. Laut Schätzungen wurde bei jedem dritten Gebrauchtwagen der Tachometer manipuliert. Ein Experte des ADAC Nordrhein erklärt, wie der Betrug funktioniert und was Käufer tun können.

Autos sind unzureichend vor Manipulation geschützt

Laut dem Automobilklub ADAC führt der geschönte Kilometerstand im Durchschnitt zu einer illegalen Wertsteigerung des Autos von mehreren Tausend Euro. Dies verursache allein in Deutschland einen jährlichen Schaden von mehr als 6 Milliarden Euro. Selbst neuere Fahrzeuge seien unzureichend gegen Eingriffe geschützt.

Zum Einsatz kommen nach ADAC-Angaben leicht bedienbare Manipulationsgeräte, die an den Diagnosestecker des Fahrzeugs angeschlossen werden und den Kilometerstand binnen Sekunden zurückdrehen. „Der Verkäufer hat einen Vorteil, der Käufer einen doppelten Nachteil“, sagt Heinz-Gerd Lehmann, Technikexperte des ADAC Nordrhein: „Wenn ein Auto 150.000 Kilometer gelaufen ist und auf 80.000 Kilometer herunterreguliert wird, muss der Käufer mit Reparaturen rechnen, die bei 150.000 Kilometern eben anfallen können.“

Neben einem erhöhten Preis stehen also möglicherweise bald teure Werkstattbesuche an, die bei niedrigeren Kilometerständen nicht nötig wären. Denkbar ist etwa, dass der Zahnriemen reißt und einen mehrere Tausend Euro teuren Motorschaden verursacht.

Alte Auto-Unterlagen einsehen

Der Zustand eines Fahrzeugs sei indes kein sicherer Hinweis darauf, dass der Kilometerstand nicht stimmt, so Kfz-Meister Heinz-Gerd Lehmann: „Ein Auto, das 50.000 Kilometer ausschließlich in der Stadt gefahren wurde, sieht vielleicht genauso aus wie ein Auto, das 150.000 Kilometer auf der Autobahn unterwegs war.“

Der ADAC rät daher dazu, vor dem Kauf die Fahrzeughistorie genau unter die Lupe zu nehmen. Ob der Kilometerstand plausibel ist, kann etwa anhand von alten Reparaturrechnungen, Tüv-Berichten oder Eintragungen im Inspektionsheft überprüft werden. Dabei werden immer auch Kilometerstände vermerkt. Auch der Ölwechsel-Aufkleber im Motorraum verrät unter Umständen einen manipulierten Kilometerstand: „Wenn dort steht, dass der nächste Ölwechsel bei 180.000 Kilometern fällig ist, das Auto aber erst 100.000 Kilometer auf der Uhr hat, dann stimmt etwas nicht“, so Lehmann. Denn üblicherweise sei ein Ölwechsel spätestens alle 30.000 Kilometer fällig. Auch ein Anruf beim Vorbesitzer, der in der Zulassungsbescheinigung Teil II (Fahrzeugbrief) eingetragen ist, kann erhellende Informationen bringen. Er oder sie kann eventuell Auskunft darüber geben, mit welchem Kilometerstand das Auto verkauft wurde oder Unterlagen mit Kilometereinträgen beisteuern.

Die Software des Fahrzeugs überprüfen

In einer Werkstatt kann zudem der Fehler- und Wartungsintervall-Speicher des Fahrzeugs ausgelesen werden. „Ein Verdacht kann entstehen, wenn in der Vergangenheit ein Fehler aufgezeichnet wurde bei einem Kilometerstand, der weit über dem liegt, der auf dem Tachometer zu sehen ist“, sagt Heinz-Gerd Lehmann: „Das sind Indizien dafür, dass irgendetwas gemacht wurde.“ Allerdings sei es technisch möglich, den Fehlerspeicher zu löschen. Unter Umständen lässt sich der Betrug also auf diesem Weg nicht feststellen. Ein weiteres Problem: Oft ist gar kein Fehler im System abgelegt worden.

Werkstätten übermitteln den Autoherstellern zudem Informationen zu Inspektionen und Reparaturen sowie den entsprechenden Kilometerständen, die dann elektronisch gespeichert werden. Diese Informationen können laut Heinz-Gerd Lehmann allerdings nur vom Besitzer eines Fahrzeugs eingesehen und weitergegeben werden. Der Kaufinteressent sei also auf dessen Kooperation angewiesen. Doch auch die Fahrzeugakten lieferten lediglich Verdachtsmomente und keine Beweise. Denn vollständig seien sie unter Umständen nicht.

Ein Verein möchte den elektronischen Auto-„Lebenslauf“ etablieren

Verschiedene Anbieter übernehmen die aufwendige Recherchearbeit und bieten einen „Lebenslauf“ für das Auto an. Der Verein „Initiative gegen Tachomanipulation“ etwa hat das Projekt „MyCarMyData“ ins Leben gerufen, zu dem der „CarPass“ gehört. Das Konzept hinter dem Angebot, das ab dem ersten Quartal 2022 verfügbar sein soll: Der Halter eines Fahrzeugs beauftragt die Initiative, Informationen zum Fahrzeug von Herstellern, Versicherungen oder Prüfstellen zusammenzutragen.

Da bei der Tüv-Abnahme oder Werkstattbesuchen auch Kilometerstände erfasst werden, soll sich dadurch ein möglichst engmaschiges Datennetz ergeben, das Unregelmäßigkeiten beim Kilometerstand sichtbar macht. Bei Bedarf könne der Halter diese Daten auch für Kaufinteressenten seines Autos freigeben, so Wolfram Stein, Vorsitzender der Initiative. Weigere sich der Halter, sei dies natürlich ebenfalls ein Grund für den Käufer, skeptisch zu werden. Das Angebot soll für private Kfz-Halter sogar kostenfrei sein.

Auch das Start-up „CarCert“ will das Problem geschönter Tachostände mit einem elektronischen Zertifikat lösen, mit dem der Eigentümer eines Fahrzeugs einen seriösen Verkauf belegen soll. Für rund 30 Euro und gegen Vorlage des aktuellen Kilometerstands plus eines Fotos des Fahrzeugscheins liefert das Unternehmen die Ergebnisse aller Hauptuntersuchungen und die dazugehörigen Kilometerstände – neben allgemeinen Informationen zum Fahrzeugtyp. Heinz-Gerd Lehmann ist aber eher skeptisch, ob das etwas bewirkt. Die Zertifikate lieferten zwar Indizien für Manipulationen, aber keine Beweise. Schließlich werde eine Vielzahl von Fahrzeugen schon vor der ersten Hauptuntersuchung manipuliert. Und die stehe erst drei Jahre nach dem Kauf an.

Tobias Christ
Autor

Nach seinem Germanistik-Studium in Siegen und Köln arbeitete Tobias Christ als Redakteur und Pauschalist bei Tageszeitungen wie der „Siegener Zeitung“ oder dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Derzeit schreibt er als freier Journalist Beiträge für Print- oder Onlinemedien. Für aktiv recherchiert er vor allem Ratgeberartikel, etwa rund um die Themen Mobilität und Arbeitsrecht. Privat wandert der Kölner gern oder treibt sich auf Oldtimermessen herum.  

 

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