Berlin. „Mindful Drinking“ ist im Trend. „Der bewusste Konsum von Alkohol ist der nächste logische Schritt hin zu einem bewussten Lebensstil“, sagt Isabella Steiner. Das bedeutet weder krasse Abstinenz noch Ausweichen auf fade Plörre. aktiv sprach mit Steiner über unsere Trinkgewohnheiten – und darüber, wie man sie ändert.

Fast die Hälfte der über 18-Jährigen in Deutschland sagt demnach Nein zu promillehaltigen Getränken, so eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov vom vergangenen Sommer. Auch das Spirituosen-Unternehmen Bacardi fand in einer Umfrage heraus, dass fast zwei Drittel der Teilnehmer Interesse an Getränken mit wenig bis keinem Alkoholgehalt haben. Und sogar das Deutsche Weininstitut sagt: Immer mehr Kunden fragen nach alkoholfreien Varianten.

Frau Steiner, was genau ist also „Mindful drinking“?

Das bedeutet, sich bewusst zu entscheiden, ob man sich heute das Glas Wein gönnt oder ob es heute auch einfach mal alkoholfrei sein kann. Es geht darum, nicht jedes Mal „ja“ zu sagen, nur weil man ein Glas angeboten bekommt, oder weil es eben dazu gehört mit Alkohol anzustoßen: Beim Italiener, auf der Couch oder im Office, weil die Arbeitskollegin Geburtstag hat.

Woher kommt der Trend?

Die alkoholfreie Welle ist aus dem Angelsächsischen zu uns geschwappt. Dort gibt es seit einigen Jahren die „Sober“- oder „Nüchtern“-Bewegung.

Und jetzt also auch bei uns?

Achtsames Leben liegt offensichtlich im Trend, nicht nur bei jungen Leuten. Das Gesundheitsbewusstsein ist insgesamt gestiegen. Dazu gehört eben auch der bewusste Umgang mit Alkohol.

Das ist für viele aber gar nicht so leicht …

Tja, das Trinkverhalten wird eben selten hinterfragt. Viele trinken mit, weil sie denken, dass sie das irgendwie müssen. Feiern und Alkohol gehört für viele eng zusammen. Von diesem Automatismus müssen wir wegkommen.

Aber ein Gläschen Sekt zum Geburtstag gehört doch dazu, oder?

Anstoßen kann man auch ohne Promille: Dafür gibt es inzwischen jede Menge alkoholfreien Schaumwein und Aperitifs, die prima schmecken.

Auch im Job kann man ja oft schlecht ablehnen …

Auch da sollten sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überlegen, ob jeder besondere Anlass unbedingt mit alkoholischen Getränken gefeiert werden muss. Schampus mit Null-Prozent tut’s auch.

Privat öfter mal „ohne“: Wie schafft man das?

Zunächst sollte jeder oder jede überlegen und tatsächlich aufschreiben, wie viel, wann, mit wem und weshalb er oder sie Alkohol zu sich nimmt und ob man das überhaupt möchte. Das hilft, den eigenen Trinkgewohnheiten auf die Spur zu kommen. Denn es gibt viele Gründe zu trinken: Weil es mir schmeckt, weil ich Spaß haben will, mich entspannen möchte oder etwas verdrängen will – oder einfach nur aus Langeweile.

Was bringt es denn, hin und wieder zu verzichten?

Die eigene Gesundheit profitiert: Leber! Herz! Kalorien! Und man hat keinen Kater am nächsten Tag. Es ist generell gut, die Kontrolle zu behalten. Dann muss einem am nächsten Morgen auch nichts peinlich sein, weil man sich im Rausch vielleicht danebenbenommen hat.

Helfen da harte Regeln? Oder spezielle Aktionen wie im „Dry January“ oder im „Sober October“?

Das muss jede und jeder für sich selbst herausfinden. Einen Tag pro Woche, eine Woche im Monat und einen Monat im Jahr verzichten, auch das gibt’s. Alles auf einmal zu verändern, geht allerdings oft schief. Deswegen lieber Schritt für Schritt vorgehen und sich erst mal kleinere Ziele setzen.

Welche zum Beispiel?

Manche sagen: Ich trinke nur am Wochenende. Oder nur von Donnerstag bis Samstag. Oder „TDH“ – Trink die Hälfte. Ein Moscow Mule schmeckt mit 2 cl Wodka statt mit 4 cl genauso gut. Das geht alles. Wichtig ist nur, einfach anzufangen. Und sich am besten einen Buddy als Unterstützung suchen.

Coole Drinks „ohne“ – schmeckt das überhaupt?

Aber klar! Das Angebot wächst. Selbst Kult-Getränke wie Gin Tonic oder Aperol Spritz gibt’s mittlerweile ohne Alkohol. Und viele, viele Rezepte. Ich vergleiche das immer mit veganem Essen. Da gab’s am Anfang auch nicht viel und es hat, ehrlich gesagt, auch nicht besonders gut geschmeckt. Das hat sich dann recht schnell geändert. Genauso ist es mit den Getränken. Alkoholfrei ist das neue vegan!

Was genau heißt eigentlich „alkoholfrei“?

Ein wichtiger Punkt, das ist vielen Menschen nicht klar: „Alkoholfreie“ Getränke dürfen bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten. Man muss da also genau aufs Etikett schauen. „Ohne Alkohol“ bedeutet dagegen: Es ist wirklich keiner drin. Die Information auf der Flasche ist wichtig, zum Beispiel für Menschen, die eine Alkoholsucht überwunden haben und nicht rückfällig werden wollen – oder auch für Schwangere. Für Alkoholiker empfehlen wir „Mindful drinking“ natürlich sowieso nicht. Der Geschmack, die Flasche, das Glas – das alles triggert.

Wer den Cocktail bei der Party ablehnt, steht schnell als Spaßbremse da. Wie sagt man am besten Nein?

„Mir ist heute nicht danach“ kommt manchmal rüber wie ein Korb. Gerade wenn man eingeladen ist. Manchmal hilft dann eine kleine Ausrede. Zum Beispiel „Ich will morgen fit sein“ oder „Ich habe heute Medikamente genommen“. Da weiß jeder, das verträgt sich nicht, da fängt keiner an zu diskutieren. Als Gast kann man auch selbst ein passendes Getränk ohne Alkohol mitbringen. Aber der moderne Gastgeber hat zum Beispiel einen Gin mit und einen ohne Promille da: Einfach mal zum Probieren. Beides wird im gleichen schönen Glas serviert und dekoriert.

Kriegt das jeder hin?

Ein guter nicht-alkoholischer Drink für Anfänger ist zum Beispiel der No-perol Spritz. Da kann man nix falsch machen. Alkoholfreier roter Bitter, Sodawasser, alkoholfreier Sekt, Orangenscheibe drauf, fertig ist das hangover-freie Urlaubsfeeling. Aber bitte keine „Mocktails“: „To mock“ heißt „verspotten“, da steckt schon im Wort drin, dass die nicht ernst zu nehmen sind. „Virgin Colada“ oder „Safer Sex on the beach“, so etwas passt einfach nicht mehr in unsere Zeit.

Wie geht es weiter, was trinken wir an Silvester 2030?

Die Zukunft von Alkohol ist alkoholfrei. Vor 20 Jahren hatten es Vegetarier und Veganer in Restaurants noch schwer, eine gute Auswahl an Gerichten zu finden – und jetzt ist pflanzliche Ernährung ein globaler Trend. Es steht für mich außer Frage, dass es mit alkoholfrei genauso kommen wird.

Zur Person: Isabella Steiner

  • Autorin: Steiner hat den Lifestyle-Ratgeber „Mindful drinking – nüchtern, happy, katerfrei“ geschrieben. Das Buch gibt Tipps rund um ein alkoholfreies Leben und wie man mit dem Nicht-Trinken umgeht.
  • Soziologin: In ihrem Studium widmete Steiner sich der Frage, was es heißt, ein gutes Leben zu führen. Dazu gehört auch das Thema Alkoholkonsum.
  • Inhaberin: Steiner führt den ersten alkoholfreien Späti-Kiosk in Berlin und ist Gründerin des Start-ups nüchtern.berlin

Zahlen und Fakten

  • 12,6 Prozent der Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren, also fast 7 Millionen Bundesbürger, trinken riskante Durchschnittsmengen – so viel Alkohol, dass sie ihre Gesundheit damit gefährden. Das ergab eine Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Ein Viertel der Befragten gab an, im letzten Monat bei mindestens einer Gelegenheit bis zum Rausch getrunken zu haben. Bei den Männern waren es mit 33 Prozent deutlich mehr als bei den Frauen mit 16 Prozent.
  • 92 Liter Bier, 20 Liter Wein und 5,2 Liter Spirituosen kauften die Deutschen pro Person im Jahr 2022, so der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure.
  • 10,8 Liter reinen Alkohol nahm jeder über 15-Jährige in Deutschland im Jahr 2020 zu sich, so das DHS Jahrbuch Sucht 2023. Der Durchschnitt aller OECD-Länder beträgt pro Kopf nur 8,9 Liter. Deutschland ist daher nach wie vor Hochkonsumland, auch wenn der Alkoholkonsum seit Jahren langsam sinkt.
  • Mindestens zwei Tage pro Woche sollten alkoholfrei sein, damit es nicht zu einer Gewöhnung kommt – das empfahlt bisher die BZgA. An den übrigen Tagen galten Mindestmengen für körperlich gesunde Menschen als unschädlich: Für Frauen war das nicht mehr als ein kleines Glas Bier (0,3 Liter) oder Wein (0,125 Liter) pro Tag, für Männer höchstens die doppelte Menge. Das hat sich aufgrund neuer Erkenntnisse jetzt radikal geändert: Demnach ist Alkohol schon in kleinsten Mengen schädlich, steht in enger Beziehung zu Herzerkrankungen, Schlaganfall sowie mehreren Krebserkrankungen (Atem- und Verdauungswege, weibliche Brust und Leber). Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat ihre  Empfehlungen zum richtigen Umgang mit Alkohol deshalb nun angepasst: „Alkoholkonsum sollte von jeder Person reduziert werden, unabhängig davon, wie viel sie trinkt. Am besten ist es, keinen Alkohol zu sich zu nehmen. Alkoholische Getränke bergen Risiken, wenn es um die physische Gesundheit der Menschen geht.“ 
  • Andere Staaten wie Kanada sehen das bereits schon länger anders: Es gebe keine Menge Alkohol, die für die Gesundheit unbedenklich oder sogar gut ist, so die Empfehlungen des „Canadian Centre on Substance Use and Addiction“.
  • Tipps, um den Alkoholkonsum zu reduzieren, gibt die BZgA-Kampagne „Kenn Dein Limit“ – es gibt sie speziell für Erwachsene und speziell für Jugendliche.
  • Alkoholverzicht reiht sich ein in weitere Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für ein gesundheitsbewusstes Leben: nicht rauchen, sich viel bewegen und Übergewicht reduzieren.