Wiesenburg/Mark. Plötzlich hört die Dorfstraße auf, weiter führt nur noch ein buckliger Feldweg. Bürgermeister Marco Beckendorf aber geht unbeirrt voran, Sand knirscht unter seinen Ledersohlen, er umkurvt noch ein paar Pfützen, dann bleibt er auf einer Anhöhe stehen, deutet auf ein Feld und sagt: „Hier!“

Hier? Der Blick schweift über 10.000 Quadratmeter Grasland, eingefasst von Feldern. Wo Uneingeweihte bloß Ödnis sehen, erahnt Beckendorf die Zukunft seiner kleinen brandenburgischen Gemeinde: „Das wird ein weiteres Wiesenburger Neubaugebiet, großzügige Grundstücke, unverbauter Fernblick.“ Die Nachfrage sei verblüffend groß, sagt er: „Wir können uns vor Anfragen kaum noch retten!“

Besonders aus dem über 100 Kilometer entfernten Berlin kämen viele Interessenten, verrät der Ortsvorsteher. Wie er sich das erklärt? Beckendorf knipst sein Lausbubenlächeln an. „Jetzt will doch jeder wieder leben, wo andere bloß Urlaub machen.“

Hohe Mieten und explodierende Immobilienpreise sorgen für neue Zuwanderung auch im ländlichen Raum

Der Run aufs beschauliche Wiesenburg – das ist kein Einzelfall! Mit wachsendem Erstaunen schaut Deutschland auf einen zarten Wanderungstrend: Raus aus der Stadt! Und ab aufs Land! Jahrelang verzeichneten sogenannte Schwarmstädte wie Berlin, München, Stuttgart oder Frankfurt stark steigende Einwohnerzahlen. Die Provinz dagegen blutete scheinbar unheilbar aus. Das ändert sich gerade: „Ganz klar: Wir sehen wieder Zuwanderung im ländlichen Raum“, bestätigt Professor Harald Simons, Vorstand des Immobilien-Forschungsinstituts Empirica, im Gespräch mit aktiv. Das freut die Dörfer – und auch die Wirtschaft: Verstetigt sich die Landliebe, so die Hoffnung, finden auch die Hidden Champions in der Provinz womöglich die so dringend benötigten Fachkräfte.

Kaufpreise haben sich in zehn Jahren verdoppelt

Hauptgrund für die Wanderung: hohe Mieten und explodierende Immobilienpreise in den Städten. So haben sich beispielsweise in den letzten zehn Jahren die Wohnungskaufpreise im Schnitt der 50 größten deutschen Städte verdoppelt. Wer hohen Wohnkosten entgehen will, orientiert sich raus aus der Stadt. „Das ist klassisches Runterrutschen am Preisgebirge“, sagt Experte Simons, jedes Jahr gehe es ein Stückchen weiter raus.

Eher neu ist aber: Nicht nur die viel besungenen Speckgürtel profitierten vom nachlassenden Sog der Städte. „Auch wirklich plattes Land, Regionen wie die Uckermark, der Vogelsbergkreis oder die Vulkaneifel verzeichnen mehr Zu- als Wegzüge“, berichtet Simons. Lange habe man solche Gebiete als aussterbendes Land bezeichnet, „wo höchstens noch die Wölfe wiederkommen“. Das sei vorbei. Zwar seien es keine Karawanen, die sich da in Richtung Landidyll in Bewegung setzten. „Aber es ist spürbar!“, so Simons.

Bloß noch was für Wölfe – das dachte man auch über Wiesenburg, Landkreis Potsdam-Mittelmark. In den vergangenen zehn Jahren sank die Einwohnerzahl um rund 20 Prozent. Knapp 4.300 Wiesenburger leben derzeit im beschaulichen Ort mit seinem Barockschloss samt hübschem Park. Jetzt aber scheint eine Trendwende wieder möglich. „Unser Wanderungssaldo ist bereits positiv, und die Neubaugebiete kommen ja jetzt erst noch dazu“, sagt Bürgermeister Marco Beckendorf.

Tiny Houses mit Gemeinschaftsräumen sind begehrt

Der sitzt mittlerweile wieder in seiner Amtsstube im prächtig restaurierten Rathaus und preist die Vorzüge seiner Stadt. Jede Menge Kitaplätze zum Beispiel, und dazu, na klar, ganz viel Gegend. „Wer Natur will, nachhaltiger leben möchte, eine lebendige Dorfgemeinschaft schätzt, der kommt hier gut klar“, sagt er. Beckendorf weist mit der Hand auf ein Whiteboard. Darauf zu sehen: eine ganze Handvoll Projekte, mit denen sich Wiesendorf neu erfinden will. Denn: Um attraktiv für Neubürger zu sein, tut die Gemeinde deutlich mehr, als bloß Bauland auszuweisen. Spektakulärster Plan: das „Kodorf“, ein Wohnprojekt aus 40 Kleinhäusern samt großzügigen Gemeinschaftsflächen, darunter ein Co-Working-Space, Werkstätten, Yoga-Räume. Entstehen soll das Projekt auf dem Gelände eines alten Sägewerks. „Die Tiny Houses sind alle vergeben“, sagt Beckendorf bei der Besichtigung der Bald-Baustelle. Sogar aus München werden dann Neubürger zuziehen.

Da fragt man sich doch: Wer macht das? Wer kehrt Städten wie München den Rücken – und zieht in, Verzeihung, Provinznester wie Wiesenburg? Um das herauszufinden, hat sich Empirica-Chef Simons ganz tief durch die Zahlen gegraben. Simons bildete dafür gut zwei Dutzend sogenannte „Repräsentativkreise“. Kriterien: dünne Besiedelung, mindestens eine Stunde Autofahrt entfernt von einer Metropole. Und ohne eigene touristische Highlights. „Sylt zählt nicht“, grinst der Wissenschaftler.

Junge Familien ziehen raus aufs Land

Sein Ergebnis: „Es sind junge Familien, die es aufs Land zieht! Die Eltern zwischen 30 und 45, die Kinder meistens noch klein.“ Zwar würden die unter 30-Jährigen nach wie vor das Weite suchen und in die Ballungszentren ziehen. Aber: Rund 100 Familien tauchten als Faustgröße derzeit pro Jahr etwa in der brandenburgischen Uckermark oder eben im Hohen Fläming, der Region um Wiesenburg, neu auf. Für Simons weit mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein: „Das verändert nicht Berlin. Aber es verändert ganz sicher die Uckermark!“ Und sorgt dafür, dass in vielen der untersuchten Kreise insgesamt die Einwohnerzahlen wieder steigen.

Dem Ruf der Provinz gefolgt ist auch Johannes Blatt. Der freiberufliche Organisationsberater sitzt an diesem sonnigen Herbsttag in seinem Garten in einem der 14 Wiesenburger Ortsteile vor einem riesigen Ahornbaum und schwärmt von der Region. Von Streuobstwiesen, auf denen man sich im Herbst einfach bedienen könne, den kleinen Hecken zwischen den Feldern.

Mit Frau und den zwei kleinen Kindern tauschte Blatt vor ein paar Jahren die enge Mietwohnung in Berlin-Kreuzberg gegen ein hübsches Häuschen in Wiesenburg. „Wir wollten weg aus der Großstadt, natürlicher leben“, sagt er. Mittlerweile ist das dritte Kind da, die Familie schlägt immer tiefere Wurzeln im Hohen Fläming. Klar, die Alltagswege seien oft länger auf dem Land. „Aber hier gibt es eine lebendige Bürgerszene, es gibt viele Feste, ein kulturelles Angebot.“ Zurück in die Stadt? „Kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Blatt.

Mittelständler in der Fläche suchen Fachkräfte

Wie nachhaltig kann ein solcher Trend sein? Zahlen gibt es da kaum. Aber Anzeichen. Die Corona-Pandemie habe die Menschen zum Nachdenken über ihr Zuhause gebracht, heißt es beispielsweise in einer Studie des Online-Portals Immoscout24. Verblüffend: Immerhin 12 Prozent der Befragten zieht es demnach tatsächlich raus aufs Land.

„Corona und der Wandel der Arbeitswelt hin zum Homeoffice haben diese Entwicklung sicherlich verstärkt“, sagt auch Emprica-Professor Harald Simons. Denn: Auch an Arbeitsplätzen herrscht auf dem Land derzeit kein Mangel. „Jobs sind nahezu überall verfügbar, gerade in der Fläche sitzt mit dem deutschen Mittelstand ja ein echter Jobmotor auf der Suche nach Fachkräften.“

Steht Deutschland also nun am Anfang einer neuen Landbewegung? Laut einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ist es für eine Antwort darauf noch zu früh. Aber: „Der Drang weg von der Großstadt scheint zurzeit so groß wie lange nicht mehr zu sein“, so die Forscher.

Darauf hoffen sie auch hier in Wiesenburg. „Diese neue Landlust wird bleiben, das ist kein Strohfeuer“, glaubt Bürgermeister Beckendorf. Was er mit den Erlösen aus den Grundstücksverkäufen anstellen will, weiß er auch schon. „Die Dorfstraße fertigbauen!“