Aachen/Dresden. An diesem Wochenende ist es so weit: Die Welt trifft sich im schottischen Glasgow zur Weltklimakonferenz. Ein gemütliches Beisammensein wird das wohl nicht, denn die Zeit drängt. Das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015, den menschengemachten globalen Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist eine extreme Herausforderung. Die Menschheit pustet immer noch viel zu viel klimaschädliches CO2 in die Atmosphäre – auch in Deutschland. Hierzulande muss etwa im Gebäudesektor noch kräftig nachgearbeitet werden: Allein die privaten Wohngebäude verbrauchen ähnlich viel Energie wie das gesamte Verarbeitende Gewerbe.

Die Textil-Industrie kann dabei helfen, Gebäude klimafreundlicher zu machen. „Gerade Altbauten sind echte Klimasünder, die schnellstmöglich einer energieeffizienten Sanierung bedürfen“, sagt Jan Serode dazu, Architekt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Textiltechnik in Aachen. Er beschäftigt sich unter anderem mit Textilien für den Hausbau.

Fassaden, die im Sommer kühlen, im Winter wärmen – und nebenbei auch noch Strom erzeugen

Sofort einsetzbar wären laut Serode halb transparente Textilfassaden aus recycelbaren Fasern. Sie umgeben das Gebäude und haben einen wichtigen Nebeneffekt: „Durch den Abstand zwischen Textilfassade und Gebäudewand entsteht ein Kamineffekt, der die warme Luft nach oben zieht, wo sie entweichen kann“, erklärt der Fachmann. So ließen sich bis zu drei Viertel der energieintensiven Gebäudekühlung per Klimaanlage einsparen. Im Winter wiederum steuern die flexiblen Textilbespannungen den Sonnen- und Lichteinfall, um das Gebäude passiv aufzuwärmen und Heizenergie einzusparen.

Zu sehen sind solche Fassaden schon an Hotels, Parkhäusern oder Verwaltungsgebäuden. „Es gibt eigentlich keinen Grund, nicht auch Einfamilienhäuser mit solchen Fassaden auszustatten“, findet Serode. Die Klimabilanz von Altbauten könne sich mit einer Textilfassade wesentlich verbessern.

Und die große Fläche einer solchen Fassade macht sie für eine weitere Anwendung attraktiv: die Energiegewinnung durch Photovoltaik. Dafür haben Forscher des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme IKTS in Dresden in Zusammenarbeit mit dem Textilunternehmen Pongs aus dem münsterländischen Stadtlohn eine flexible Solarzelle entwickelt. Das Neue daran: Basis ist ein Glasfasergewebe. „Über verschiedene Beschichtungsverfahren können wir die Solarzelle jetzt direkt auf technischen Textilien herstellen“, erklärt Lars Rebenklau vom IKTS. In fünf Jahren soll die Neuerung marktreif sein und die Stromgewinnung durch Sonnenenergie weiter voranbringen.

Textilbeton ist sechsmal tragfähiger als Stahlbeton

Und wie sieht es bei Neubauten aus? Dafür wird bis jetzt als Grundstoff für den Beton eine Menge Zement benötigt. Bei dessen Herstellung entstehen allein in Deutschland jährlich 20 Millionen Tonnen CO2-Emissionen, wie Zahlen des Vereins Deutscher Zementwerke zeigen. Sparsamer und klimafreundlicher ist da Textilbeton, der mittlerweile sogar dreidimensional geformt werden kann. In ihm stecken nicht Stahlbewehrungen, sondern textile Gitter aus Glasfaser oder Carbon.

Die Tragfähigkeit von Textilbeton ist sechsmal höher als die von Stahlbeton: Wände und Böden könnten deshalb in Zukunft dünner ausfallen, der Zementeinsatz fiele geringer aus – zum Wohle des Weltklimas.