München. Grauer Zopf, Leinenhemd, freundliche Augen, sanfte Stimme – Norbert Daube, Mathe-Lehrer an einer Münchner Mittelschule, ist ein Pädagoge wie aus dem Bilderbuch. Einer, den eigentlich nichts aus der Ruhe bringt. „Bis vor einem Jahr hab ich gedacht, ich hätte alles erlebt im System Schule“, sagt der 61-Jährige. Dann kam Corona.

„Ich konnte sofort beobachten, wie meine Klasse förmlich zerschnitten wurde“, sagt Daube. In jenen Teil, der klarkam, mit allem, was da auf ihn einprasselte, von Videocalls bis Lernplattformen. „Und in jenes Fünftel, das von der Bildfläche verschwand.“ Aufgaben wurden kaum erledigt, die Kamera blieb immer aus. Jetzt, wo seine Klasse wieder voll versammelt ist, versucht Daube, die Schäden zu bilanzieren. „Ohne Folgen ist das alles nicht geblieben“, fürchtet er.

Distanzunterricht so effektiv wie Sommerferien?

Wohl kaum. Schule zu, Schule auf, wieder zu, halb auf, derzeit meist ganz auf – dieses Schuljahr hatte mehr Achterbahn zu bieten als das Oktoberfest. Welche Auswirkungen hat dieser wilde Ritt auf die Schulbildung der Kinder? Wie groß sind Wissens- und Lernlücken wirklich? Und droht uns, wie oft schon bang behauptet, tatsächlich eine „verlorene Corona-Generation“ quasi nicht ausbildungsfähiger Schüler?

Aktuelle Studien verströmen fast Weltuntergangsstimmung. So beziffert etwa das Münchner Ifo-Institut die durch Schulschließungen verursachten volkswirtschaft- lichen Schäden auf bis zu 3,3 Billionen Euro! Zu tragen seien diese vorrangig von den Schülern selbst – durch ein geringeres Lebenseinkommen aufgrund schlechterer Bildung. Und erst vor einer guten Woche verpasste eine Studie der Frankfurter Goethe-Universität dem Distanzunterricht an Schulen ein vernichtendes Zeugnis: Er habe lediglich einen Lernerfolg „im Bereich der Effekte von Sommerferien“.

„Lerneinbußen sind geringer als erwartet"

Klingt deprimierend. Bloß: Stimmt das wirklich? Videocall nach Österreich – auf dem Bildschirm erscheint Professor Christoph Helm, Bildungswissenschaftler an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Was er sagt, macht überraschend Mut: „Von einer verlorenen Schüler-Generation zu sprechen, ist deutlich zu polemisch.“ Helm hat Vergleichsstudien aus Hamburg, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und der deutschsprachigen Schweiz mit insgesamt 142.000 Schülern analysiert. Untersucht wurden darin die Leistungen der Schüler in Deutsch und Mathematik nach dem ersten Lockdown 2020. Erstaunliches Ergebnis: „Die Lerneinbußen sind deutlich geringer ausgefallen als oft befürchtet.“

„Monatelang den Arsch aufgerissen“

Dass sich die Lage im zweiten – und längeren – Schul-Lockdown verschlechtert haben könnte, glaubt der Experte übrigens nicht. „Als die Schulen wieder geschlossen werden mussten, verfügte man bereits über Strukturen, die es im ersten Lockdown noch gar nicht gab“, sagt Helm. „Die Schulen hatten da bereits dazugelernt, die Schüler ebenfalls, es gab deutlich mehr Digitalität, von der Lernplattform bis zu den angeschafften Endgeräten.“

Digitalität – in die musste sich auch Lehrer Norbert Daube erst einmal reinfuchsen. „Unterricht vor der Videokamera, die ganze Technik, die Software, das war anfangs noch nicht so meins“, gibt er zu. Schneller als gedacht aber sei die täglichen Videostunde vollkommen normal gewesen. Und erstaunlich effektiv, nicht nur bei ihm: „Kollegen sagen, dass sie ihren Unterricht plötzlich deutlich plastischer, erfahrbarer gestalten konnten als im Klassenzimmer.“

„Geförderte Kinder kommen gut durch die Pandemie"

Zwar habe es auch Konflikte im Kollegium gegeben, sagt Daube, der eigentlich ganz anders heißt, aber seinen Namen lieber nicht hier lesen will. „Manche Kollegen sind immer noch der Meinung, sie kämen als Lehrer auch weiterhin ohne Computer zurecht.“ Insgesamt aber, so findet er, habe man das alles ganz gut gemeistert mit dem Distanzunterricht. Den „So-effektiv-wie Sommerferien“-Vergleich der Frankfurter Bildunsgwissenschaftler empfindet Daube als „unverschämten Schlag ins Gesicht aller Pädagogen, die sich den Arsch aufgerissen haben!“

Den Groll kann man nachvollziehen. Nur: Vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo in der Mitte. Das könnte glauben, wer Professor Axel Plünnecke befragt, Bildungsforscher beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Er sagt: „Kinder, die zu Hause gefördert werden, kommen meist gut durch die Pandemie. Die anderen haben ein Problem.“

Unser Bildungssystem ist ungerecht

Und das sind nicht wenige. Fakt ist: Ein Viertel aller Kinder sieht schon am Ende der Grundschule in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern kein Land mehr. Ein Fünftel der 15-Jährigen kann Texte nicht „sinnentnehmend“ lesen. Und die Hälfte der Jugendlichen mit Migrationshintergrund findet nach der Sekundarstufe I zunächst keine Lehrstelle. Wohlgemerkt: Das ist der Stand VOR der Pandemie. Und der dürfte sich jetzt kaum gebessert haben. Eher im Gegenteil: „Kinder, die wenig Eigenmotivation zum Lernen haben, denen die Tagesstruktur im Lockdown fehlte, fallen durch Corona jetzt stark zurück“, warnt Plünnecke.

Dass Vergleichsstudien bisher zu unterschiedlichen Ergebnissen führten, erklärt er so: „Einzelne Tests messen die Lernverluste durch Fernunterricht, bei anderen wie in Hamburg fanden zuvor Präsenzlernangebote in den Ferien statt, die Lücken wieder schließen konnten.“ Dazu seien negative Effekte in Regionen, in denen es vor Corona weniger Probleme mit der Bildungsungleichheit gab, wohl geringer.

Was den Blick ja irgendwie aufs Wesentliche richtet: Das deutsche Bildungssystem ist ungerecht. Nicht durch Corona geworden – sondern schon vorher gewesen! Deutlich mehr als im Durchschnitt der Industrieländer hängt hierzulande der Bildungserfolg von Status, Bildung und Herkunft der Eltern ab.

Digital fit und mit neuen Kompetenzen ausgestattet

Lange Schulschließungen dürften diesen Malus noch einmal spürbar vergrößern. „Die ganze Scherenbewegung wird noch größer“, fürchtet Plünnecke. Denn: Schüler aus sozial stärkeren Familien dürften sogar neue Kompetenzen erworben haben. „Die sind digital fit, haben gelernt, mit anderen auch auf Distanz zusammenzuarbeiten.“ Weniger geförderte Schüler dagegen könnten „monatelang gar keinen Kontakt zu ihrer Schule gehabt haben“.

Der Bund hat 1 Milliarde Euro im Rahmen eines Aktionsprogramms zum „Abbau von Lernrückständen“ in Aussicht gestellt. Das klingt viel. Doch umgerechnet auf knapp elf Millionen Schüler im Land ergibt das gerade einmal 92 Euro pro Kopf – und das im Zeitraum bis Ende 2022. Andere Länder packen da entschlossener an: So investieren die kleinen Niederlande mal eben 8,5 Milliarden Euro in ein Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche.

Gute Schulen, schlechte Schulen – das hat’s schon vor Corona gegeben

Und nun? Experten, die sich widersprechen, Studien, deren Ergebnisse mal alarmieren, mal beruhigen. Kinder, die sogar gewachsen sind in der Krise, und andere, die offensichtlich abgehängt wurden. Es scheint, als gebe es die eine Antwort auf die Frage nach dem Einfluss von Corona auf die Bildung der nachwachsenden Generation gar nicht.

„Es ist so wie immer“, findet Norbert Daube, der Münchner Mittelschullehrer. „Es gibt gute Schulen und weniger gute, schlechte Schüler und gute, engagierte Lehrer – und weniger fleißige.“ Er selbst will „alles raushauen“, um mit seinen Schülern Versäumtes aufzuholen. „Ich hoffe nur, dass wir im Herbst nicht wieder dichtmachen müssen, dann wird’s wirklich duster.“

Ob vom Geld aus Berlin am Ende auch was an seiner Schule ankommt, weiß Daube nicht. „Viel würde es eh nicht ändern.“ Wichtig ist ihm sowieso was anderes. Über Monate hätten die Schüler viel ertragen müssen, sich dabei nach Kräften bemüht, die schwierige Situation zu meistern. „Und jetzt bekommen sie auch noch zu hören, dass sie eine verlorene Generation sind. Was macht das mit jungen Menschen? Das muss aufhören!“