München. Die Aufgabe ist gewaltig. Die Ziele für die Energie- und Klimawende sind ambitioniert. Der Weg dorthin ist eigentlich klar. Doch: „Bei der Umsetzung treten wir im besten Fall auf der Stelle“, zieht Bertram Brossardt Bilanz. Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) stellte die Ergebnisse des jüngsten Energiewende-Monitorings vor – mit ernüchternder Bilanz: „Wir schneiden in einigen Bereichen sogar schlechter ab als im Vorjahr.“

Bereits zum zehnten Mal hat die vbw vom Forschungsinstitut Prognos untersuchen lassen, inwiefern es Deutschland und Bayern gelingt, die selbst gesteckten Klima- und Energieziele zu erreichen. Dabei geht es einerseits um übergeordnete Messdaten – etwa, ob die Treibhausgasemissionen sinken. Dazu kommen ganz konkrete Fragen: Wie viele Windräder sind neu ans Netz gegangen? Reicht das aus, um langfristig wegfallende Energiequellen zu ersetzen – zum Beispiel, wenn in Bayern die letzten Kernkraftwerke Ende 2022 ihren Betrieb einstellen?

Vier große Bereiche betrachten die Experten dafür: Ist die Versorgung sicher? Bleibt Strom bezahlbar? Wie effizient nutzen wir Strom, und werden genügend erneuerbare Energiequellen erschlossen? Und zuletzt: Ist das Ganze auch umweltverträglich?

Immerhin: Beim letzten Punkt steht die Ampel diesmal auf Grün, die Treibhausgasemissionen haben die deutsche Zielmarke im betrachteten Jahr 2020 erreicht. Das Problem: Die Ursache liegt hier in den Auswirkungen der Corona-Pandemie! Denn aufgrund des Lockdowns schlossen viele Betriebe, die Produktion stand still, die Industrie brauchte weniger Strom, durch Homeoffice entfiel der Pendelweg mit dem Auto zur Arbeit – und in der Folge sank auch der Treibhausgasausstoß. „Dieser Rückgang von Energie- und Stromverbrauch sowie die Emissionsminderungen sind nicht nachhaltig“, betonte Brossardt.

Tatsächlich zeigt sich schon für 2021, dass sich Stromverbrauch sowie Emissionen, trotz anhaltender Pandemie, wieder auf altem Level einpendeln.

Wir brauchen grünen Strom – und mehr Strom als bisher, der fossile Energien ersetzt

Dreh- und Angelpunkt der Energiewende ist die Frage, woher künftig unser Strom kommt. Dabei ist es nicht nur entscheidend, dass erneuerbare Energien massiv ausgebaut werden und dann die gleiche Strommenge erzeugen, die bisher von Haushalten und Industrie benötigt wird. Sondern Strom muss in Zukunft andere fossile Energieträger ersetzen, die derzeit etwa Häuser heizen (Heizöl, Gas) oder Autos antreiben (Benzin, Diesel).

Dabei soll der Strom möglichst kostengünstig bleiben. Da wird es heute schon schwierig. Europaweit bezahlen wir derzeit den zweithöchsten Strompreis. Seit Jahren steigt der Preis für Strom deutlich schneller als für andere Verbrauchsgüter. „Das ist Gift für eine Industrienation“, so Brossardt. Gerade klimafreundliche Technologien seien häufig strombasiert. „Hier sind neben der Abschaffung der EEG-Umlage weitere politische Maßnahmen wie die Absenkung der Stromsteuer nötig.“

Momentan verbrauchen Haushalte, Gewerbe, Verkehr und sonstige Nutzer im Freistaat etwa 85.000 Gigawattstunden Strom im Jahr. Demgegenüber stehen rund 75.700 Gigawattstunden Strom, die konventionelle und erneuerbare Energiequellen maximal im Freistaat erzeugen. Die fehlende Strommenge muss Bayern langfristig ersetzen. Zum einen, indem mehr Anlagen für erneuerbare Energien gebaut werden. Darüber hinaus muss Bayern aber auch eine Infrastruktur schaffen, um aus anderen Regionen Deutschlands oder im benachbarten Ausland Strom zu besorgen. Dafür benötigt Bayern schnelle Übertragungsnetze.

Der Ausbau der Übertragungsnetze hinkt hinterher

Hier hakt es laut den Experten gewaltig. Der Ausbau hinkt seit Jahren hinterher. Insbesondere die Leitungen, die norddeutschen Windstrom transportieren sollen, fehlen, teilweise ist der Bau nicht mal gestartet. Die Trassen „SuedLink“ (von Wilster/Schleswig-Holstein nach Bergrheinfeld/Unterfranken) und „SuedOstLink“ (von Wolmirstedt/Sachsen-Anhalt an die Isar) sollten 2022 in Betrieb gehen, werden jedoch frühestens 2026 fertiggestellt sein.

Gleichzeitig gilt es, eine Infrastruktur für Wasserstoff aufzubauen, der überschüssigen Strom verwertet. In den 2030er Jahren sollte sie stehen, mit allen Komponenten: Pipelines, Elektrolyseuren und technisch ausgestatteten Abnehmern, privat und in der Industrie.

Für Brossardt lassen die Ergebnisse nur einen Schluss zu: „Jetzt muss angepackt, in Angriff genommen und zugebaut werden!“ Nur so komme endlich Tempo in die Umsetzung der Energiewende.

Die Klimaziele für Deutschland

  • Im Jahr 2010 hat die Bundesregierung erstmals ein Energiekonzept vorgelegt, um die Energieversorgung langfristig sicher, wirtschaftlich sowie umwelt- und klimaverträglich umzubauen. Dabei wurden messbare Ziele definiert.
  • Wichtige Säulen sind die Steigerung der Energieproduktivität sowie der Ausbau der Erneuerbaren. Seit Januar 2021 gelten verschärfte Ausbauziele für Windkraft, Photovoltaik und Co. Die neue Bundesregierung setzt noch einen drauf: Die Emissionen sollen noch schneller runtergehen, und der Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch soll 2030 bereits 80 Prozent betragen.
  • Das Klimaschutzgesetz ergänzt seit 2019 die Ziele, insbesondere für Treibhausgasneutralität. In der jüngsten Fassung sollen die Emissionen im Jahr 2030 nur noch 35 Prozent der Menge aus dem Jahr 1990 betragen. Bis 2045 soll Klimaneutralität erreicht werden.

 

Eigene Klimaziele für Bayern

  • Die Staatsregierung hat das „Bayerische Energieprogramm“2015 vorgelegt. Es definiert qualitative und quantitative Ziele bis zum Jahr 2025.
  • Das „Aktionsprogramm Energie“ aus dem Jahr 2019 formuliert weitere, konkrete Ausbauziele für erneuerbare Energien bis 2022.
  • Das Bayerische Klimaschutzgesetz von November 2019 legt Ziele für Treibhausgasneutralität vor. In der jüngst nachgeschärften Fassung gilt Klimaneutralität ab 2040.