Ein paar Meter hoch und Tonnen schwer stehen die Rollen in langen Reihen nebeneinander in einer offenen Halle auf dem Hof – bereit für den nächsten Schritt. Der geht schneller, als man denkt: 65 bis 70 dieser Giganten aus Papier werden hier jeden Tag zu hochwertiger Wellpappe verarbeitet, hier in der Wellpappenfabrik Biebesheim.

Das nachhaltige, fast komplett aus Altpapier hergestellte Produkt wird überall gebraucht, wo Waren für einen sicheren Transport verpackt werden sollen: vom Ersatzteil über die Kaffeemaschine bis zum Fahrrad, von Tütensuppen über Milchprodukte bis zu Wein, von der Deko im Online-Handel bis zur Pizza beim Italiener. Allein die Supermärkte haben bundesweit Zigtausende Filialen, die jeden Tag mit Waren versorgt werden – in der Regel geschützt durch Wellpappe.

„Es gibt praktisch kein Produkt, das auf dem Weg vom Hersteller bis zum Verkauf im Laden und infolge des Online-Handels oft sogar bis zum Endkunden nicht in Wellpappe verpackt wird“, erklärt Andreas Kunert beim aktiv-Besuch.  

„Wellpappe ist eine echte Kreislaufverpackung“

Er ist Chef des Familienunternehmens Kunert Wellpappe, das an seinen beiden Standorten im hessischen Biebesheim und im bayerischen Bad Neustadt an der Saale jedes Jahr mehr als 100.000 Tonnen Wellpappe produziert. Kunert, natürlich ein großer Fan des nachhaltigen Produkts, betont: „Wellpappe ist eine echte Kreislaufverpackung, denn aus Altpapier und Kartons kann immer wieder neues Papier und damit auch neue Wellpappe entstehen.“

Die rund 150 Meter lange Wellpappenanlage läuft in Biebesheim im Zweischichtbetrieb fünf Tage die Woche. Hier werden glatte Papierbahnen durch Riffelwalzen geführt, über Wärme, Feuchtigkeit und Druck zu Wellen gerollt und bei etwa 160 Grad Celsius mit Leim zwischen zwei Papierbögen geklebt. Vor der Weiterverarbeitung muss alles vollständig trocknen.

Hohe Energiekosten machen es der Branche schwer

„Die Energiekosten sind entsprechend hoch und leider nur schwer an die Kunden weiterzugeben, müssen also durch andere Maßnahmen aufgefangen werden“, erläutert Kunert.

In der Regel beliefern Wellpappenwerke ihre Kunden nur in einem Umkreis von gut 200 Kilometern rund um das jeweilige Werk, sofern es nicht um spezielle Anfragen geht. „Bei den Preisen, die die Verpackungen kosten dürfen, wäre alles andere wegen der Transportkosten einfach zu teuer“, erklärt der Unternehmer.

Wellpappen-Industrie steht unter wirtschaftlichem Druck

Ohnehin stehe die Wellpappen-Industrie unter großem wirtschaftlichen Druck, betont er. Infolge der nachlassenden Konjunktur werden weniger Waren verkauft und damit auch weniger Verpackungen gebraucht. 2023 sank der Absatz der Branche im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 8 Prozent. Die Verluste beim Umsatz fielen mit einem Minus von 13,8 Prozent sogar noch härter aus. Ein ähnlich starkes Absinken beim Umsatz hatte die Wellpappen-Industrie zuletzt im Zuge der Finanzkrise 2009 erlebt.

Dennoch bleibt Kunert optimistisch, auch in Zukunft will er in seinem Unternehmen auf Flexibilität, engen Kontakt zu den Kunden und die individuelle Entwicklung passgenauer Verpackungen setzen.

Von Faltschachtel bis Gefahrgutverpackung

Aktuell reicht die Bandbreite von kleinen Faltschachteln bis zu Schwergut-, Schüttgut- und Gefahrgutverpackungen mit mehreren Wellen. So etwas benötigt unter anderem die nahe gelegene Chemie-Industrie in der Rhein-Main-Region.

Der Betrieb hat außerdem eine hohe Kompetenz beim Bedrucken der Wellpappe entwickelt. „Auch bei der Wellpappe ist Individualisierung immer mehr gefragt“, sagt Kunert. Zudem müssen die Verpackungen exakt in die Produktionsanlagen der Kunden passen. Denn sie werden dort automatisch eingelagert, entlagert und entpackt, in die Maschinen eingelegt, Stück für Stück aufgerichtet, befüllt, verschlossen und schließlich verschickt. „Auch das ist für uns eine tägliche Herausforderung“, erklärt der Firmenchef, „da Verpackungsmaschinen auf hundertstel Millimeter genau konstruiert werden. Und dann kommen wir mit einer Verpackung, die mit Toleranzen von bis zu zwei Millimetern hergestellt wird – und trotzdem funktioniert es am Ende immer reibungslos.“

Viele Mitarbeiter feiern eine langjährige Betriebszugehörigkeit

Dass alles reibungslos funktioniert, dafür sorgt hier auch die engagierte Belegschaft. Viele sind bereits seit vielen Jahren dabei, etliche in der zweiten oder sogar schon in der dritten Generation.

So wie Harald Markgraf, 30 Jahre bei Kunert, der allein anhand der Geräusche hört, ob bei der Inliner-Maschine alles perfekt läuft, die aus großen Wellpappenbogen Verpackungen macht. Sinan Alp wiederum überwacht seit 34 Jahren über eine Leitwarte die Wellpappenanlage: „Das ist die dritte, seit ich hier arbeite, und die hat 15 Millionen Euro gekostet. Das macht mich schon stolz.“ 

Das Unternehmen

  • Seit über 60 Jahren entwickelt und produziert Kunert Wellpappe Wellpappe und Verpackungen in großer Vielfalt.
  • An den beiden Standorten Bad Neustadt und Biebesheim beschäftigt das Familienunternehmen 380 Mitarbeiter.
  • Pro Jahr werden in den zwei Werken mehr als 100.000 Tonnen Wellpappe hergestellt und zu Verpackungen weiterverarbeitet.

Die Firmengruppe

  • 2.000 Beschäftigte in 17 Werken in Europa und Asien zählt die Kunert Gruppe insgesamt. Produziert werden Hülsen, Verpackungen aus Wellpappe, Kantenschutz und Hülsenkarton.
  • 1893 gründete Andreas Kunerts Urgroßvater Alois Paul eine Schachtelproduktion in Eulau im Sudetenland. 1945 Enteignung, 1948 Neuanfang in Bad Neustadt. Die Gruppe ist bis heute familiengeführt, von Nachfolgern des Gründers.
Maja Becker-Mohr
Autorin

Maja Becker-Mohr ist für aktiv in den Unternehmen der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie sowie der papier- und kunststoffverarbeitenden Industrie unterwegs. Die Diplom-Meteorologin entdeckte ihr Herz für Wirtschaftsthemen als Redakteurin bei den VDI-Nachrichten in Düsseldorf, was sich bei ihr als Kommunikationschefin beim Arbeitgeberverband Hessenchemie noch vertiefte. In der Freizeit streift sie am liebsten durch Wald, Feld und Flur.

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