Tuttlingen. Skizzen an den Wänden, alte Turngeräte als Möbel, hohe Decken, Wände aus Glas und eine coole Kaffeetheke: Nein, das ist kein Start-up in Kalifornien. Es sind die Räume von „Werk_39“, dem jüngsten des Medizintechnik-Herstellers Aesculap und dessen Mutterkonzerns B. Braun in Tuttlingen.

Schon auf der Treppe empfangen den Besucher Botschaften wie „Dream big“ und „Work hard“, also „Träume groß“ und „Arbeite hart“. Oben angekommen, stellt Sören Lauinger klar, dass vor allem Letzteres ernst gemeint ist. 

Mitarbeiter sollen unternehmerisch denken

Lauinger ist bei Aesculap Manager für Unternehmertum im Unternehmen. Bedeutet: „Jeder Mitarbeiter sollte unternehmerisch denken“, so Lauinger. Das soll zunächst in der neuen Schmiede gut zwei Kilometer vom Stammsitz entfernt praktiziert werden. Der Antrieb für das neue Werk sei schlichte Notwendigkeit, erläutert Lauinger. Mit Christian Frank und Anton Feld bildet er das Führungsteam von Werk_39.

Hochwertige Qualität bleibt die Kernkompetenz von Aesculap

Ihr Ziel ist es, für Aesculap und B. Braun möglichst viele Geschäftsideen zu entwickeln. „Qualitativ hochwertiges OP-Besteck zu produzieren, bleibt die Kernkompetenz von Aesculap“, so Lauinger. „Doch das reicht nicht mehr aus, um langfristig im Wettbewerb zu bestehen.“ Als etablierter Hersteller müsse man dem Kunden zusätzlichen Nutzen bieten, um sich zu unterscheiden. Lauinger nennt es „beyond the product“, also „jenseits des Produkts“.

Überhaupt ist hier im Innovationslabor fast alles in Englisch – ein Hinweis darauf, dass die Vorbilder dieser Art des Arbeitens in den USA sitzen und sich mit „Google und Co.“ umschreiben lassen.

Aesculap stellt chirurgische Instrumente, Implantate und Sterilcontainer her

Rund 3.000 Produkte aus über 25.000 Teilen stellt Aesculap weltweit her: chirurgische Instrumente, Implantate oder Sterilcontainer.

Die Tüftler im Werk_39 wollen herausfinden, wie der Arzt ein Instrument einsetzt oder wie die Klinik die gesamte Logistik organisiert. Und sie wollen herausfinden, wo es hakt, was man besser machen kann. Digitalisierung ist dabei das Leitthema.

Digitaler Assistent hilft beim Reinigen des OP-Bestecks

Anton Feld macht es an einem Beispiel vor: Instrumente werden nach jeder Operation geprüft, gereinigt, sterilisiert und wieder bereitgelegt. „Das passiert meist noch mit handgeschriebenen, unübersichtlichen Listen – ein mühsames und aufwendiges Geschäft.“ Die neue Aesculap-Einheit hat dafür den digitalen Assistenten entwickelt: Auf einem Tablet sind alle Daten verfügbar. Ein Video erklärt, wie die Instrumente zu behandeln sind, welche im Einsatz waren und was als Nächstes gebraucht wird.

Die zehnköpfige Mannschaft arbeitet im Austausch mit den Kunden

Ausgangspunkt ist immer der „customer pain“, der Schmerz des Kunden. Deshalb arbeitet die zehnköpfige Mannschaft im Innovationslabor immer sehr eng im Austausch mit den Anwendern, die auch regelmäßig eingeladen werden. Drei Stockwerke hat die vor zwei Jahren eröffnete Werkstätte. Oben sind die Büros der Entwickler-Teams, unten ist der Raum für Workshops, Austausch und Veranstaltungen, im Keller werden Anwendungen simuliert, zum Beispiel mit Legosteinen.

Was für den Besucher locker und spielerisch aussieht, folgt doch einem genauen Plan.

„Innovationen sind steuerbar“, sagt Manager Sören Lauinger.

So werden zwei- bis vierköpfige Teams jeweils auf ein Kundenthema angesetzt. Für die Entwicklungsphasen gibt es ein klares Schema: entdecken, ausprobieren, entwickeln, umsetzen. Jedes Team hat für die Lösung sechs Monate Zeit. Dabei bekommen die Tüftler einen Coach zur Seite gestellt und können Experten hinzuziehen. Außerdem wechseln Mitarbeiter immer wieder für eine gewisse Zeit aus ihren Stammwerken ins Labor.

Die Zahl 39 steht für das Gründungsjahr 1839 von B.Braun

Wichtig: „Wenn wir sehen, dass eine Idee nichts wird, brechen wir sofort ab“, so Lauinger. „Durchziehen bis zum Ende - das war gestern.“

Das Werk_39 will zukunftsweisend sein und sich dabei auf seine Wurzeln besinnen: „Alle Großen haben mal klein angefangen.“ Die Zahl 39 steht für das Gründungsjahr 1839 des Mutterkonzerns B. Braun in Melsungen. Aesculap wurde 1867 gegründet.

Die Idee sei seit den Ursprüngen die gleiche geblieben, nämlich das Gesundheitswesen besser zu machen, erklärt der Manager. Nur liege der Schlüssel dazu heute vor allem in effizienteren Prozessen: „Wir bringen die Digitalisierung in den Operationssaal.“

Konkurrenz zu der im Stammwerk angesiedelten Forschung und Entwicklung will die neue Schmiede nicht sein. Schon eher sieht man sich als ein Katalysator: Was in der kleinen Fabrik passiert, soll auf die weltweit 12.000 Mitarbeiter von Aesculap und die 64.000 von B. Braun ausstrahlen und ein Umdenken bewirken. Lauinger ist sich sicher: „Das ist nicht mehr zu stoppen. Wir sind eine Bewegung.“

Interview: „Gut ist, was der Kunde wirklich braucht“

Thomas Fischer forscht am Fraunhofer-Institut in Stuttgart.

Mehr Technik bringt nicht immer mehr Nutzen, meint Thomas Fischer. Der Physiker und Betriebswirt forscht am „Business Innovation Engineering Center“ (BIEC) des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart und berät Unternehmen bei der digitalen Transformation. Im Interview mit aktiv erklärt er, warum nicht jede Erfindung auch eine Innovation ist.

Was ist eigentlich eine Innovation?

Technische Neuheiten sind zunächst einmal Erfindungen. Von Innovationen sprechen wir dann, wenn ein neuer Nutzen beim Kunden ankommt. Dabei sollten wir nicht nur an technische Innovationen denken. Sonst gerät aus dem Blick, dass es um den Erfolg auf dem Markt geht.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Carsharing etwa ist sehr erfolgreich, obwohl die Technik dabei nicht die entscheidende Rolle spielt. Man braucht nur ein Auto dazu. Die Innovation ist das Abo-Modell und die möglichst einfache Buchung und Handhabung.

Was macht gute Innovationen aus?

Wir müssen Innovationen ganzheitlicher denken. Beim Carsharing wird der Nutzen für das Auto vom Kunden her gedacht. Dabei spielen auch Emotionen eine große Rolle: Das gute Gefühl, mit anderen zu teilen und Nachhaltigkeit zu leben.

Werden technische Neuheiten also überschätzt?

Teilweise schon. Denn wer nutzt schon alle Möglichkeiten, die sein Handy oder sein Auto bieten? Viele wissen nicht mal, was ihr Auto alles kann. Zu viele Funktionen überfordern den Nutzer. Über Technik allein können sich Anbieter nicht mehr ausreichend differenzieren.

Sind die besten Innovationen einfach?

Die besten Innovationen sind diejenigen, die der Kunde wirklich will und braucht. Am Beispiel Carsharing wird das deutlich: Der Nutzer will von A nach B kommen, aber er will deshalb nicht unbedingt ein eigenes Auto haben. Die sogenannte „frugale“ Innovation bricht mit dem Grundsatz „Immer höher, immer schneller“ und ersetzt diesen durch „Weniger ist mehr“.

Was sagt dann die Zahl der Patente über die Innovationsfähigkeit aus?

Die Zahl allein sagt zunächst wenig über die Qualität der Innovationen aus. Auch das Fraunhofer-Institut hat viele Patente, wie etwa die MP3-Technik. Die hat viele Millionen Euro eingebracht. Aber längst nicht alle Patente spielen ihr Geld wieder ein. Patente sind dennoch wichtig, um eine technische Neuheit schützen zu lassen. Der Standard ist hoch, und das ist entsprechend aufwendig und auch teuer.

Kann man erfolgreiche Innovationen planen?

Natürlich! Das muss man sogar. Dabei sind Timing und Weitblick enorm wichtig: Ist mein Produkt das, was der Markt künftig verlangt? Das zeigt sich etwa bei Kodak: Obwohl Kodak die digitale Fotografie entwickelte, hat das Unternehmen mit der Einführung zu lange gezögert und den Anschluss verpasst. Auch die MP3-Technik wollte anfangs keiner haben. Erst als die Leute online Musik hörten, kam der Durchbruch. Es braucht also Gespür dazu - es geht nicht nur um Glück.

Die Stärke unserer Industrie liegt jedoch in der Technik. Sind wir also gar nicht so innovativ?

Unsere Firmen haben hohe Kompetenz und lange Erfahrung mit physischen Produkten – das ist ein starker Vorteil, den US-Firmen wie Amazon nicht haben. Massenproduktion in sehr hoher Qualität, das kann unsere Industrie richtig gut - gerade auch der Mittelstand. Das ist eine gute Basis, um neue Ideen zu entwickeln. Deshalb bin ich optimistisch.

Müssen sich auch die Mitarbeiter ständig neu erfinden?

Qualifizierte Mitarbeiter sind in der Regel daran interessiert, sich ständig weiterzubilden und sich notwendige IT-Kenntnisse anzueignen. So wie die Unternehmen sollten sich auch Mitarbeiter fragen: Wie sieht die Zukunft aus? Was muss ich morgen können?