Die Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Berufsschulen sollte intensiviert werden, Lehrkräfte sollten viel öfter in die Unternehmen gehen und Praktika besser organisiert sein. Mit diesen und anderen Anregungen im Gepäck besuchten kürzlich acht Azubis des Bremer Industriearmaturen-Herstellers Gestra das Parlament des kleinsten Bundeslandes.

In der Bürgerschaft beobachteten die Nachwuchskräfte eine Plenardebatte und sprachen anschließend intensiv mit den Bürgerschaftsabgeordneten Henrike Müller und Christopher Hupe von den Grünen.

Einladung ins Parlament

Zustande gekommen war das Treffen im Anschluss an die vom Verband Nordmetall organisierte Politiktour „Ausbildung rockt!“. Das Format bringt regelmäßig Azubis und Ausbildungsleitungen mit politischen Akteuren zusammen und ermöglicht Letzteren so intensive Einblicke in die duale Ausbildung.

Von der Veranstaltung bei Gestra waren die Abgeordneten Hupe und Müller so begeistert, dass sie die Azubis mitsamt ihrem Ausbilder Andreas Rohde kurzerhand ins Parlament eingeladen hatten. Die ließen sich dann während der eigens für sie organisierten Diskussionsrunde mit Vertretern der Grünen nicht lang bitten und trugen ihre Vorstellungen und Forderungen vor.

Große Kluft zwischen Theorie und Praxis

So beklagten sie unter anderem, dass Lernstoff und Prüfungsinhalte an Berufsschulen wenig Bezug zur Ausbildung haben. Mit dieser Kritik stehen sie nicht allein da; viele Firmen beanstanden schon lange, dass sie keinen Einblick in die Lerninhalte bekommen und über Abweichungen vom Ausbildungsrahmenplan kaum informiert werden.

Eine weitere Anmerkung bezog sich auf die betrieblichen Hospitationen der Lehrkräfte. Diese müssten aus Sicht der Unternehmen als anerkannte Fortbildungszeiten gelten. Außerdem müssten Lehrkräfte regelmäßig Einblick in den Betriebsalltag erhalten.

Viele Diskussionsthemen

Die Organisation der Praktika durch allgemeinbildende Schulen wurde ähnlich kritisch diskutiert. Oft sei es beispielsweise zu Terminüberschneidungen mit Prüfungsphasen gekommen. Hier mahnen Ausbilder und Azubis terminliche Flexibilität der Schulen und wertschätzende Betreuung der Praktikanten durch Lehrkräfte an.

Weitere Kritikpunkte des Nachwuchses bezogen sich auf die Organisation von Nachhilfe, alltäglichen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung auch in Prüfungssituationen. Weitere Themen: fehlende oder nur geringe Berufsorientierung für Abiturientinnen und Abiturienten und die Erfahrungen im Homeschooling seit Ausbruch der Pandemie.

Stärkere Einbindung der Eltern sinnvoll

Hier sind die Kenntnisse und das Engagement der Lehrkräfte nach Ansicht der Gestra-Azubis vor allem in Sachen Digitalisierung sehr unterschiedlich. Ein weiterer Kritikpunkt betraf die für Geflüchtete und Menschen mit Leseschwierigkeiten oft schwer verständliche Sprache. Eine Überarbeitung der Prüfungssprache sei wünschenswert.

Die Parlamentarier nahmen die Vorschläge und Kritikpunkte der Azubis auf und sagten zu, sich den Themen Berufsorientierung und Ausbildung weiter zu widmen. So soll etwa die Zielgruppe der Eltern bei einer intensivierten Berufsorientierung von der Politik stärker in den Blick genommen werden. Der Verband Nordmetall hat in diesem Zusammenhang ebenfalls Unterstützung angeboten.

Die Abgeordneten der Grünen bekräftigten zudem, dass der Austausch mit den Auszubildenden und der Input aus der Praxis für sie sehr wertvoll sei. So könne sichergestellt werden, dass die Ausbildung auch von der Politik wahrgenommen werde und ihren hohen Stellenwert behalte.

Aktueller Blick in norddeutsche Betriebe