Baden-Baden. Farben, Lacke, Folien, Waschmittel, Kosmetikprodukte: Sollte kein Gas mehr aus Russland nach Deutschland strömen, wird es für die Industrie schnell eng. Was die Sache so schwierig macht: In der Chemie ist Erdgas nicht nur Energielieferant, sondern auch ein elementarer Rohstoff.

Derzeit bezieht die chemische Industrie in Deutschland etwa 15 Prozent des hier genutzten Erdgases. Daraus entsteht zum Beispiel Ammoniak, Basis für medizinische Produkte sowie Düngemittel. Oder Acetylen, Ausgangsstoff für Kunststoffe, Lösemittel, Elektrochemikalien oder Textilfasern. Mehr als 90 Prozent der Lieferketten in der verarbeitenden Industrie hängen von der Chemie ab.

Eine Reduzierung der Gasmenge heißt Reduzierung der Produktion

Dass es ohne Erdgas nicht geht, zeigt das Beispiel Aluminium Rheinfelden: „Unsere Produktion steht in direktem Verhältnis mit der Verfügbarkeit von Gas“, so Geschäftsführer Eric Martinet. „Eine Reduzierung der Gasliefermenge beziehungsweise der Gasverfügbarkeit würde eine Reduzierung der Produktion bedeuten – schlussendlich auch Kurzarbeit für unsere Mitarbeiter.“

Diese Entwicklung bestätigt eine Blitzumfrage der Chemieverbände Baden-Württemberg: „Die Unternehmen sind für den Rest des Jahres eher pessimistisch eingestellt“, erklärt Björn Sucher, Hauptgeschäftsführer des Chemie-Arbeitgeberverbands. „Knapp 60 Prozent müssten bei einer Gasmangellage ihre Produktion drosseln. 30 Prozent droht ein Produktionsstopp oder sogar die Verlagerung ins Ausland.“ Die explodierenden Energiekosten seien zudem ein „bedrohlicher Wettbewerbsnachteil“ für die Unternehmen.

„Die sozialen Kosten für ein Abschalten der Industrie wären extrem hoch“, so Sucher weiter. „Die wirtschaftlichen und die wirtschaftspolitischen Folgen wären aus unserer Sicht katastrophal und endgültig: Schließung von Betrieben, Abwanderung von Produktionen und ganzen Unternehmen. Damit würden sehr gut bezahlte Arbeitsplätze und wichtige Ausbildungsstellen verloren gehen.“

Erdgas als Rohstoff für viele Produkte unverzichtbar

Den Standort Evonik Rheinfelden würde ein Gasmangel ebenfalls hart treffen: „Wir benötigen Erdgas nicht nur in der Erzeugung von Dampf für unsere Prozesse, sondern primär auch als Rohstoff für eine Vielzahl von Produkten“, bestätigt das Unternehmen.

Aber auch Unternehmen, die weniger stark von Erdgas abhängig sind, wären von einem Mangel betroffen – wie der Baustoffhersteller Sto aus Stühlingen: „Sollten die Großchemieanlagen in Deutschland nicht mehr ausreichend mit Gas versorgt sein, würde uns dies indirekt treffen. Sie versorgen uns mit Rohstoffen, die auf der Basis von Erdgas oder -öl produziert werden und die wir für die Produktion unserer Farben und Putze benötigen“, informiert Jan Nissen, Vorstand Technik bei Sto.

Schon seit einiger Zeit beschäftigen sich die Unternehmen mit kurzfristig verfügbaren Ausweichmöglichkeiten: „Mehr als 35 Prozent planen einen Umstieg auf Erdöl oder andere fossile Energiequellen oder haben ihn bereits umgesetzt“, sagt Winfried Golla, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie Baden-Württemberg. Allerdings geben weitere 12 Prozent der Unternehmen an, derzeit an bürokratischen oder genehmigungsrechtlichen Hürden zu scheitern.

Sabine Latorre
Leiterin aktiv-Redaktion Rhein-Main

Dr. Sabine Latorre ist spezialisiert auf Themen aus der Chemie- und Pharma-Industrie. Sie liebt es, komplizierte Zusammenhänge einfach darzustellen – so schon vor ihrer Zeit bei aktiv als Lehrerin sowie als Redakteurin für die Uniklinik Heidelberg und bei „BILD“. Nebenbei schreibt sie naturwissenschaftliche Sachbücher für Kitas und Schulen. Privat reizen sie Reisen sowie handwerkliche und sportliche Herausforderungen.

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