Göttingen. Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt rasant. An diesen Wandel müssen sich auch die Ausbildung im Betrieb und die Lehrpläne der Berufsschulen anpassen. Für Brigitte Wilhelm-Nienaber ist das eine klare Sache. Als Ausbildungsleiterin von Sartorius in Göttingen treibt sie die Veränderung in der Ausbildung des Biotech-Zulieferers entschieden voran.

Auch die Architektur veranschaulicht den Wandel. Den Redakteur von aktiv begrüßt sie in einem voll verglasten Raum, der als „Thinktank“ bezeichnet wird. Das ganze Fertigungs- und Bürogebäude beeindruckt mit viel Glas, strahlt Transparenz und Leichtigkeit aus. Auch loungeartige Areale gibt es dort. Jedes Detail zielt darauf ab, dass sich die Mitarbeiter darin wohlfühlen und kreativ zusammenarbeiten.

„Wir spielen mit unseren Produkten in der Champions League“

Diese besondere Arbeitskultur ziehe Talente an, berichtet die engagierte Ausbildungschefin. „Wir spielen mit unseren Produkten in der Champions League. Deshalb brauchen wir die Besten. Wir suchen Auszubildende, die hier mitgestalten und sich einbringen wollen.“

Schon kommt die Betriebswirtin wieder auf die Veränderungen in der Arbeitswelt zu sprechen. Die Digitalisierung wirke sehr stark nach innen ins Unternehmen und verändere Verhaltensweisen.

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85 Prozent der Kundenkontakte werden in Zukunft rein digital sein

„Wir müssen auf neue Ideen eingehen, mutig sein und auch Fehler zulassen“, sagt sie. „Manchmal ist es nötig, den Weg und die Methoden zu ändern. Daraus lernen wir.“

Worum es geht, macht sie mit ein paar Zahlen klar: Nach einem Bericht des Weltwirtschaftsforums werden künftig 85 Prozent der Kundenkontakte digital sein und ohne direkten Austausch von Menschen erfolgen. 65 Prozent der Kinder und Jugendlichen werden zukünftig in Jobs arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. Und mehr als die Hälfte der Jobs verändert sich durch die Automatisierung. Und das habe Folgen, erklärt sie: „Während die Arbeitswelt heute noch durch klare Regeln und straffe Organisationen geprägt ist, wird es künftig um mehr Selbststeuerung, Vertrauen und Arbeiten auf Augenhöhe gehen.“

Youtube-Videos statt langweiligen Frontalunterrichts

Diesen Wandel will die Betriebswirtin mitgestalten. Dazu definiert sie die Rolle der Ausbilder anders: „Sie coachen und begleiten unsere 150 Auszubildenden.“ Die Azubis von Sartorius wünscht sie sich auf Augenhöhe mit den Ausbildern, in Netzwerken, selbst organisiert und mit hoher Eigenverantwortung. „Wir möchten, dass die jungen Leute in Lerngruppen miteinander lernen, in der sie eigene Lernpfade gestalten, Inhalte mitentwickeln und andere an ihren Erfahrungen teilhaben lassen.“

Dazu gehört etwa, neue Medien stärker zu nutzen. Youtube-Videos, selbst konzipiert und gedreht, statt langweiligen Frontalunterrichts – auch das charakterisiert heute die Ausbildung.

Der Ausbildungsmarkt hat sich stark gewandelt

Klar ist: Wilhelm-Nienaber und ihr Ausbilderteam drehen da ein großes Rad.Und sie tun das vor dem Hintergrund sich wandelnder Rahmenbedingungen, wie die Ausbildungsleiterin klarmacht. Anders als bei der Vorgängergeneration stehen für die jungen Erwachsenen Sicherheit, Familiengründung und deren Vereinbarkeit mit dem Beruf ebenso im Fokus wie herausfordernde Aufgaben in einem internationalen Umfeld mit interessanten Karrieremöglichkeiten.

Zu den Veränderungen zählt auch, dass die Akademisierung stark zugenommen hat und sich der Ausbildungsmarkt immer mehr wandelt. War er früher ein Nachfragemarkt, so ist er heute ein Angebotsmarkt. „Wir müssen uns als Unternehmen immer stärker bei den Jugendlichen bewerben und dafür neue Wege gehen“, erklärt Wilhelm-Nienaber. Da ist sie ganz pragmatisch. „Neue Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ Und Sartorius ist da längst unterwegs.

Biotech-Zulieferer mit Wachstum

  • Spezial-Technologie. Sartorius bietet Lösungen, die die Entwicklung von Arzneien beschleunigen, die Herstellung vereinfachen und die Sicherheit der Prozesse erhöhen.
  • Beschäftigte. Der Konzern hat mehr als 9.000 Mitarbeiter, Tendenz steigend. 2025 sollen es schon 15.000 Beschäftigte sein, davon 3.500 am Stammsitz in Göttingen. Derzeit arbeiten dort Menschen aus 48 Nationen, darunter 150 Azubis.
  • Umsatz. Im Jahr 2019 setzte Sartorius weltweit 1,83 Milliarden Euro (nach vorläufigen Zahlen) um, zwei Fünftel davon in Europa.

Für Analyse und Labor

Die Hersteller dieser Technik sind weltweit führend:

  • 47.200 Mitarbeiter hatten die Unternehmen im Jahr 2018.
  • 9,28 Milliarden Euro setzten sie damals um.
  • 53 Prozent des Geschäfts machten sie im Export.
Werner Fricke
Autor

Werner Fricke kennt die niedersächsische Metall- und Elektro-Industrie aus dem Effeff. Denn nach seiner Tätigkeit als Journalist in Hannover wechselte er als Leiter der Geschäftsstelle zum Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall. So schreibt er für aktiv über norddeutsche Betriebe und deren Mitarbeiter. Als Fan von Hannover 96 erlebt er in seiner Freizeit Höhen und Tiefen.

 

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