Die heimlichen Euro-Meister

So vorbildlich hat sich Lettland aus der Wirtschaftskrise gekämpft


Riga. Hände wie Bratpfannen, 1,90 Meter groß – Linards Liberts ist ein Kerl wie ein Baum. Das passt. Denn der junge Lette mit Wuschelkopf und Kapuzenpulli hat eine ungewöhnliche Leidenschaft: Birkensaft!

Jedes Frühjahr bohrt er kleine Löcher in 200 Birken in einem Waldstück, 30 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Riga. Aus den Stämmen tropft der Saft, Liberts macht daraus Wein und Sekt. Gut 6.000 Flaschen im Jahr. Die Letten sind verrückt danach, „jetzt exportiere ich auch nach Deutschland“, verkündet er in seinem Firmen-Weinkeller, bei Kerzenlicht und Bar-Jazz.

In Lettland ist der Mann so was wie ein Star. TV-Shows, Wirtschaftspreise, man reißt sich um ihn. Vielleicht, weil seine Story so verblüffend der des Landes ähnelt. Motto: wie Phoenix aus der Asche.

Denn vor fünf Jahren noch war Liberts pleite. Abgeschmiert mit einer Baustoff-Firma. Er stand am Abgrund. So wie das ganze Land. Nach dem Platzen einer Immobilienblase war der baltische Staat fast bankrott, die Wirtschaft lag am Boden, die Aussichten waren rabenschwarz.

Ab 2008 brach die Wirtschaft um 25 Prozent ein

Tja, Geschichte. Jetzt, 2014, sind beide obenauf. Liberts mit seinem Birkenwein. Und Lettlands Wirtschaft glänzt derzeit gar mit den höchsten Wachstumsraten der EU. Mehr noch: Das Land gilt wegen der eisernen Haushaltsdisziplin, die es in der Krise an den Tag gelegt hat, als Vorbild für andere europäische Krisenländer – hallo, Griechenland!

Der Lohn: An Neujahr 2014 durfte die kleine Nation (zwei Millionen Einwohner) als 18. Land den Euro einführen. Vom Krisen-Land zum Euro-Staat in nur fünf Jahren – wie klappt so was?

„Wer das verstehen will, muss die Vorgeschichte kennen“, sagt Rudite Spakovska. Die Nachrichten-Chefin der größten lettischen Rundfunkstation „Radio Latvia“ sitzt in einem blank gewetzten Ohrensessel im Pausenraum des Senders im Zentrum von Riga. Draußen trinken Touristen Glühwein im Schneetreiben, drinnen erzählt Spakovska vom lettischen Höhenflug vor dem tiefen Fall.

Die Jahre vor 2008, sagt sie, hätten sich angefühlt wie eine einzige rauschende Party: „Unsere Wirtschaft hatte Wachstumsraten wie sonst nur China, das Geld schien auf der Straße zu liegen“, sagt die Journalistin. „Also warfen wir’s zum Fenster raus!“

Die Letten konsumierten, als gäbe es kein Morgen. „Die Leute fühlten sich reich, sie dachten, der Wert ihrer neuen Eigenheime würde ewig steigen.“ Also kauften sie noch mehr, gern auf Pump. „Sparen“, sagt Spakovska, „das war nur was für Verlierer!“ Weil gut ausgebildete Fachkräfte fehlten, verdoppelten sich die Löhne innerhalb weniger Jahre. „Plötzlich verdienten Klempner mehr als Ärzte.“

Bis die Blase platzte. Nach der Pleite der US-Großbank Lehman Brothers brach in Lettland der Immobilienmarkt ein, plötzlich saßen auch dort Geldhäuser auf einem Berg fauler Kredite. Das Finanzsystem drohte zu kollabieren. Die verunsicherten Bürger, hoch verschuldet, gaben kein Geld mehr aus, Betriebe blieben auf den Waren sitzen und entließen Leute.

Zwischen 2008 und 2010 brach die Wirtschaft um unglaubliche 25 Prozent ein. Die Arbeitslosenquote vervierfachte sich auf 20 Prozent. „Plötzlich war die Party vorbei, und wir hatten einen Mordskater“, sagt Journalistin Spakovska.

Staatliche Leistungen gekürzt, die Steuern deutlich erhöht

Doch in der Krise zeigte sich Erstaunliches. Obwohl schnell klar war, dass nur rigide Sparmaßnahmen aus dem Tal der Tränen führen würden, blieben die Letten gelassen. Straßenschlachten mit der Polizei? Groß-Demos gegen den staatlichen Rotstift?

Fehlanzeige. „Es blieb ruhig, wir wussten, dass wir nur eine Chance haben, wenn wir alles auf links drehen“, sagt Ginta Petra, eine erfahrene lettische Managerin, die seit einigen Jahren das Büro der Außenhandelskammer in Riga leitet. „Und es konnte nur funktionieren, wenn alle mitmachen.“

Genau das passierte – obwohl der Kahlschlag brutal war. Im öffentlichen Dienst wurde fast ein Drittel entlassen. Wer bleiben durfte, verdiente von heute auf morgen ein Drittel weniger. In der Privatwirtschaft sanken die Gehälter gar um durchschnittlich 40 Prozent. Zugleich kürzte der Staat radikal die Ausgaben bei Gesundheit und Bildung. Und erhöhte Mehrwert- und Einkommensteuer.

Die Bevölkerung nahm die Rotstift-Politik einfach hin. „Wir haben die bittere Medizin geschluckt“, urteilt Ginta Petra. „Und sie wirkte.“

Seit 2011 wächst die lettische Wirtschaft wieder. Mit 4,6 Prozent pro Jahr beziffern die Experten des Internationalen Währungsfonds die durchschnittliche Wachstumsrate der Jahre 2012 bis 2014.

Die Arbeitslosenquote hat sich fast halbiert – und das liegt nicht etwa nur daran, dass während der Krise rund 100.000 Letten ihre Heimat verlassen haben: Die Wirtschaft floriert wieder, und das Land wird dieses Jahr wohl doppelt so viele Waren und Dienstleistungen exportieren wie vor zehn Jahren.

Unternehmen wurden produktiver

„Besonders die Holz- und Lebensmittel-Industrie wächst“, berichtet die Handelskammer-Leiterin. Auch Elektrotechnik, Chemie und die Fahrzeugproduktion werden wichtiger. „In der Krise haben die Unternehmen ihre Produktivität gesteigert, zudem sind wir wegen der gesunkenen Löhne wieder wettbewerbsfähiger.“

Zurück im Weinkeller von Linards Liberts. Voll ist es geworden, ein Bus mit Studenten macht Station. Sie kommen aus Brasilien, Österreich, Spanien, sie kosten Birkenwein, bestaunen die Produktionsanlagen, kaufen ein.

Einen Mitarbeiter hat er kürzlich neu angestellt, sagt er, und es gehe weiter aufwärts: „Die Kosmetik-Indus­trie will meinen Birkensaft für Biocremes.“ Man sollte besser nicht drüber spotten. Ein Sechstel von Lettland ist Birkenwald.

Fakten

Hintergrund: Stimmen aus Lettland

Rudite Spakovska, Nachrichtenchefin des Rundfunksenders „Radio Latvia“

„Im Boom hieß es: Sparen ist bloß für Verlierer. Dann war die Party vorbei, und wir hatten ­einen Mordskater.“

Rudite Spakovska, Nachrichtenchefin des Rundfunksenders „Radio Latvia“

Ginta Petra, Leiterin der Deutsch- Baltischen Außenhandelskammer Riga

„Es war eine bittere Medizin. Aber sie wurde schnell verabreicht – und sie wirkte.“

Ginta Petra, Leiterin der Deutsch- Baltischen Außenhandelskammer Riga

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