Breuberg. Die Elektroautos rollen an, letztes Jahr gelang ihnen der Durchbruch. Thomas Michel, Entwicklungschef von Pirelli Deutschland, sagt: „E-Mobilität ist jetzt der Hype. Dieser Markt wächst gewaltig. Wir spüren das deutlich.“ aktiv besuchte ihn in der Entwicklungsschmiede im Stammwerk im Odenwald. Für Michel bedeutet der Boom der E-Autos eine Menge Arbeit.

Bei den Elektrofahrzeugen ist das Know-how der Reifenhersteller stärker gefordert denn je. Denn sie verlangen nach anderen Kautschukmischungen.

Herkömmliche Reifen würden wegen des Drehmoments der E-Motoren schneller verschleißen

Gefragt sind nun verstärkt Reifen mit möglichst geringem Rollwiderstand. Eine festere Gummimischung aber erhöht andererseits das Abrollgeräusch, da der Pneu nicht mehr so weich rollt. Elektromotoren erfordern wegen ihres enormen Drehmoments widerstandsfähigere Reifen. Michel: „Herkömmliche Reifen können an E-Autos schneller verschleißen.“ Zudem sorgen die Akkus für viel mehr Gewicht. Das muss man bei der Reifenkonstruktion berücksichtigen. „Und schließlich ändert sich der Durchmesser der Reifen, denn große Reifen rollen leichter als kleine Pneus.“

Fazit: Die 200 Mitarbeiter in der Entwicklungsabteilung haben zurzeit alle Hände voll zu tun. In der Testabteilung, im Prototypenbau oder der Materialentwicklung wird in drei Schichten gearbeitet – also rund um die Uhr.

„Wir spielen in der Champions League, auch bei E-Autos“

„Da gehört schon Autobegeisterung dazu“, sagt Michel. Alle Entwickler hätten Benzin im Blut. Wie Philipp Meyer. Der 37-Jährige hat bei Pirelli eine Ausbildung gemacht, sich dann zum Techniker weitergebildet. Gerade startet er in der nagelneuen Versuchshalle einen Test. Er misst die Lenk- und Querkräfte am Reifen, 100 Stunden lang, bei doppelt so viel Last wie zulässig. „Ich möchte spüren, wie sich die Kraft aufbaut.“ Noch fährt er den Versuch mit Tempo 100 bis 120. „Ich kann auf bis zu 300 Stundenkilometer aufdrehen“, sagt er und lächelt. Man glaubt ihm sofort, wenn er sagt: „Einen spannenderen Beruf kann ich mir nicht vorstellen.“

Zu den Kunden zählen BMW, Mercedes, Porsche und die Volkswagen-Gruppe. Jeder neue Entwicklungsauftrag werde an 10 bis 15 Reifenhersteller ausgeschrieben, erklärt Michel das Geschäft. „Drei davon kommen in die engere Wahl und werden Entwicklungspartner über drei Jahre. Jeder bekommt etwa 50 gleiche Anforderungen, dann beginnt der Wettkampf.“ 

Motorsportbegeisterte Gamer als Entwickler-Ingenieure gesucht

Michel sieht das sportlich. Er weiß um das Können seiner Ingenieure und Techniker. Im vergangenen Jahr hat Pirelli Deutschland mehr als 200 Reifenfreigaben von den vier deutschen Autoherstellern erhalten. „Damit liegen wir in der Branche weit vorn“, sagt Michel. „Wir spielen in der Champions League. Auch bei Pneus für E-Autos.“ Übrigens: Die erkennt man an der Kennzeichnung „elect“ auf der Seitenwand.

36 Jahre ist Michel bei Pirelli, seit zehn Jahren verantwortet er die Entwicklung. Dabei hilft heute Digitalisierung. „Simulation am Computer ersetzt die ersten Testfahrten und schont so die Umwelt.“ Das verändert auch die erforderliche Qualifikation der Ingenieure. Neben Begeisterung für den Motorsport kann auch das Hobby „Gaming“ ein Pluspunkt im Bewerbungsprofil von zukünftigen Pirelli-Entwicklern sein. Michel: „Wir brauchen einen gesunden Mix aus Älteren und jungen Leuten, aus Auto-Verrückten und motorsportbegeisterten Gamern.“ 

Der Reifenhersteller Pirelli

  • Das 1872 in Mailand gegründete Unternehmen produziert Reifen für Autos, Motor- und Fahrräder. Der Konzern mit dem sportlichen Image ist in mehr als 160 Staaten aktiv und setzte 2019 rund 5,3 Milliarden Euro um.
  • 77 Millionen Autoreifen kann Pirelli pro Jahr fertigen.
  • In weltweit 19 Werken hat der Konzern insgesamt 31.600 Mitarbeiter. Davon sind 11.500 Menschen an acht Standorten in Europa beschäftigt.  

Neuzulassungen 2020

Elektroautos auf der Überholspur

  • 2.900.000 Pkws wurden laut Kraftfahrtbundesamt insgesamt zugelassen. Das waren 19 Prozent weniger als 2019.
  • 194.000 Batterieautos rollten neu auf die Straßen.
  • 206 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Quelle: Kraftfahrtbundesamt, Flensburg

Werner Fricke
Autor

Werner Fricke kennt die niedersächsische Metall- und Elektro-Industrie aus dem Effeff. Denn nach seiner Tätigkeit als Journalist in Hannover wechselte er als Leiter der Geschäftsstelle zum Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall. So schreibt er für aktiv über norddeutsche Betriebe und deren Mitarbeiter. Als Fan von Hannover 96 erlebt er in seiner Freizeit Höhen und Tiefen.

 

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