Den guten alten Handarbeitsunterricht ersetzen heutzutage Youtube und Instagram, Influencer und Bloggerinnen. Und genau da ist auch Selter unterwegs. „Wir stemmen ein Riesenpaket“, sagt Geschäftsführerin Claudia Malcus. Eine ständig aktualisierte Homepage und eine eigene mehrsprachige addi2go-App mit Tipps, Tricks und Infos sind nur ein Teil davon.

Angefangen hat es mit dem Facebook-Auftritt. Den hat sich vor einigen Jahren Mechthild Kraft vorgenommen. Sie hatte als Schreibkraft immer weniger zu tun: „Da habe ich mich fortgebildet.“ Das erste Bloggertreffen am 20. September 2017 war ihre Idee. Das Datum ist in die Firmengeschichte eingegangen. „Die Teilnehmerinnen haben bis zum Morgengrauen gestrickt, und wir haben unsere Produkte vorgestellt“, erinnert sie sich. Darunter waren neue Nadeln zum Sockenstricken, die im Fachhandel zuvor auf wenig Resonanz gestoßen waren. Den Handarbeits-Bloggerinnen gefiel es, sie posteten in alle Welt – „und dann ging es ab“, sagt Geschäftsführerin Malcus. Alle wollten die Nadeln haben. „Im Januar waren wir ausverkauft. Wir haben auf drei Schichten umgestellt und hatten eine Lieferzeit von 30 Wochen.“

Neue Produkte wecken ständig Aufmerksamkeit

Mittlerweile läuft alles wieder ruhiger. In der Coronapandemie gab es noch einmal einen Hype, und nahezu jedes neue addi-Produkt sorgt in der Handarbeitswelt für Aufsehen. Aber die rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das im Griff. „Wir sind gut beschäftigt“, sagt Malcus, „können uns wohl gerade wieder ein paar Marktanteile holen.“

In Europa ist das Unternehmen aus dem kleinen Altenaer Ortsteil Dahle als einziger Hersteller mit Vollsortiment übrig geblieben. Das „Made in Germany“ hat einen guten Ruf. 70 Prozent der Produktion gehen ins Ausland, vor allem nach Nordeuropa, in die USA, nach China. In Südamerika geht es jetzt los, und der weiße Fleck Afrika ist in den Blick gerückt. Social Media lässt die Strick- und Häkelbegeisterten in aller Welt zusammenrücken und schafft die Verbindung zu den Endkunden, ein wichtiger Aspekt für das Unternehmen, das nur an den Fach- und Großhandel liefert.

Viele Anregungen kommen aus dem Kundenkreis: „Wir merken sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt oder erklärt werden muss. Oder wenn etwas gut läuft“, erklärt Pauline Dörr, Assistenz und Tochter der Geschäftsführerin und ebenfalls im Marketing engagiert. „Und wir bekommen auf dem Weg auch viele Anregungen für neue Produkte.“ Eine Influencerin aus Hannover gehört mittlerweile fest zum Team. „Die Bloggerinnen sind eine Zielgruppe, auf die wir nicht mehr verzichten können“, sagt Geschäftsführerin Malcus: „Unsere Forschung und Entwicklung sitzt sozusagen draußen.“

Bei Trends schneller als Mitbewerber aus China und Indien

Kundenwünsche und -ideen kann das 194 Jahre junge Unternehmen recht flexibel aufgreifen und umsetzen, schneller als die Mitbewerber in China und Indien. Fast alles wird direkt in Altena produziert – 40.000 Nadeln am Tag, rund 1.300 verschiedene Artikel. Besucher wie zuletzt auch die Teilnehmer des zweiten Bloggertreffens sind immer wieder erstaunt, wie viel Arbeit und Liebe zum Detail in den Produkten steckt. Das schafft Verständnis dafür, dass die addi-Nadeln nicht zum Dumping-Preis zu haben sind.

Bis zu 25 Arbeitsschritte braucht es, bis aus den dünnen Metallröhrchen oder Bambus-und Olivenholzstäbchen die perfekte Strick-und Häkelnadel wird. „Für einen Pullover müssen im Schnitt 50.000 Maschen gestrickt werden, die Nadeln werden über Stunden genutzt“, sagt Malcus. „Da will man sich nicht ärgern, wenn es hakt oder die Wolle nicht rutscht.“

Vom Anspitzen und Polieren über das Galvanisieren in 25 Bädern und die Prägung von strukturierten Oberflächen bis hin zur „Hochzeit“, in der die Rundstricknadeln mit den Seilen verbunden werden, wird vieles in Handarbeit gemacht. Die Qualitätskontrolle ergibt sich dabei fast automatisch. „In der Hochzeitsabteilung sind sie am pingeligsten“, erklärt Pauline Dörr. Die Mitarbeiterinnen dort fühlen jede noch so kleine Unebenheit. Auf die Erfahrung und die Loyalität der Belegschaft kann sich das Familienunternehmen verlassen. Eine Sonderschicht, weil am Samstag eine Betriebsbesichtigung ansteht oder sich vor Weihnachten unerwartet Aufträge stauen – da ziehen eigentlich alle mit.

So wie auch bei der Vier-Tage-Woche, die aktuell zum zweiten Mal für die Wintermonate eingeführt wurde. Die Arbeitszeit wird nicht gekürzt, sondern auf vier Tage verteilt. „In der Produktion sparen wir dadurch 25 bis 30 Prozent der Energiekosten“, nennt Malcus den Grund. Es sei ein wichtiger Schritt, um die Preise im Griff zu behalten und wettbewerbsfähig zu bleiben.

„Wir verstehen uns als große Gemeinschaft“, sagt die Chefin. Für flexible Homeoffice- und Teilzeitmöglichkeiten, Gewinnbeteiligungen, das Kümmern bei privaten Problemen und einige Benefits mehr gab es zuletzt das „Prädikat Familienfreundliches Unternehmen“. Auch da ist man spitze.