Frankfurt. Mit Basecap und buntem T-Shirt steht Kolja Barghoorn vor einer Schiefertafel und redet, erklärt, gestikuliert. Seit 20 Minuten geht das so, ohne Pause, er wirkt wie ein Lehrer dabei, Oberstufe vielleicht. Aber Barghoorn ist kein Pädagoge – er ist Youtuber. Auf seinem Kanal „Aktien mit Kopf“ erklärt er Anfängern die Börse: Was ist ein Aktienfonds, wie eröffnet man ein Wertpapierdepot, welche Fehler muss man vermeiden – darum geht’s bei ihm. Barghoorns Kanal ist populär: über 50 Millionen Klicks!

Youtube-Clips über Aktien – noch vor ein paar Jahren hätte man in Deutschland damit kaum die Wurst vom Brot ziehen können. Deutschland, das war in Sachen Geldanlage das Land von Tagesgeldkonto und Sparbuch. Aktien? Igitt, Teufelszeug, sind doch bloß was für Zocker. Was soll man sagen: Das hat sich geändert. Aber so was von!

Jeder Sechste investiert in Aktien oder Fonds

Denn: In der Corona-Pandemie haben viele Deutsche ganz offensichtlich ihre Aktien-Allergie auskuriert. Laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) waren 2020 fast 12,5 Millionen Deutsche direkt am Aktienmarkt engagiert. Fast 3 Millionen mehr als noch 2019 – und so viele wie seit 20 Jahren nicht. Etwa jeder Sechste investiert damit in Aktien oder Aktienfonds.

Gerade bei der jungen Generation scheint die Börsenliebe entflammt: Allein aus der Gruppe der Unter-30-Jährigen kamen rund 600.000 neue Aktiensparer hinzu. Das ist ein Plus von fast 70 Prozent! Und laut einer Studie der „Aktion pro Aktie“, einer Initiative deutscher Direktbanken, hat mittlerweile sogar mehr als jeder dritte Deutsche unter 25 Aktien oder Fonds im Depot. Da fragt man sich doch: Wächst da eine „Generation Aktie“ heran?

Digitalisierung treibt den Börsenboom

Für Gerrit Fey vom DAI überlagern sich gleich mehrere Trends. „Im Corona-Lockdown hatten die Leute viel Zeit, sich zu Hause mal eingehender mit dem Thema Geldanlage zu befassen“, so der Kapitalmarkt-Experte zu aktiv. Und oftmals auch das nötige Geld. Weil viele Freizeiteinrichtungen und Läden geschlossen, Urlaubsreisen verboten waren, blieb so mancher Euro ungeplant auf der hohen Kante. Ein Blick auf die Zahlen beweist das: Laut einer Erhebung der DZ-Bank betrug die Sparquote im vergangenen Jahr rekordhafte 16 Prozent!

Auch die Nullzinsen dürften laut DAI-Mann Fey eine Rolle gespielt haben. Zudem habe sich endlich die Erkenntnis durchgesetzt, „dass das Thema Altersvorsorge extrem wichtig ist und man da einfach was tun muss“. Hallo Rentenlücke!

Finanztipps von Youtube und Influencern

Doch dass insbesondere die junge Generation derzeit Appetit auf Aktien verspürt, hat noch einen ganz anderen Grund: die Digitalisierung. „Gerade jüngere Zielgruppen nähern sich dem Thema Geldanlage häufig über soziale Medien“, erklärt Professor Stefan Gröner von der Fresenius Hochschule in München. Heißt: Die Generation Aktie besorgt sich ihre Anlageinfos nicht mehr wie früher in der Bankfiliale – sie geht einfach online und informiert sich dort. Bei Finanz-Influencern wie eben Kolja Barghoorn, dem Mann vom Youtube-Kanal „Aktien mit Kopf“.

Altvordere Aktiensparer mag es da schaudern. Experte Gröner aber findet’s durchaus okay: „Es gibt schon eine ganze Reihe von Influencern, die vergleichsweise seriöse und verantwortungsvolle Inhalte bieten“, sagt er. Meist gehe es in den Clips und Posts auch gar nicht um konkrete Kaufempfehlungen. „Sondern eher darum, ein Grundverständnis fürs Thema zu wecken.“ Nicht nur auf Youtube, auf allen gängigen Kanälen werde gefunkt, in typischer Social-Media-Manier: bunt, visuell, kurz. „Auch Twitch oder Tiktok werden in letzter Zeit immer häufiger eingesetzt“, ergänzt Gröner. Was die Aktien-Fans nochmals verjüngen dürfte.

Doch nicht nur die Art der Informationsbeschaffung hat sich radikal verändert. Auch die Art und Weise, wie man sich heute Wertpapiere ins Depot legen kann. DAI-Experte Fey drückt das so aus: „Die Aktie hat die Hosentasche erreicht.“ Genauer: das Smartphone.

Kursmanipulation via Social Media

Sogenannte Neobroker wie „Trade Republic“, „Justtrade“ oder „Scalable“, einfach zu bedienende Handy-Apps, machen das Handeln zum Kinderspiel. Drei, vier Finger-Moves, schon hat man ge- oder verkauft, Sparpläne eröffnet oder geändert. Und das fast zum Nulltarif: Ein Trade kostet oft nur 1 Euro, Sparpläne mit den beliebten ETF-Indexfonds gibt’s vielfach ganz gebührenfrei.

Für die Generation Aktie ist das hochattraktiv. „Unter jungen Investierenden hat fast die Hälfte mithilfe einer solchen App getradet“, bestätigt Paul Zernitz, Partner beim Berliner Meinungsforschungsinstitut Civey. Noch seien die Neobroker damit vor allem ein Junge-Leute-Phänomen. „Aber das war Facebook auch mal.“

Christian Hecker wird so was gern hören. Hecker ist einer der Gründer des Neobrokers Trade Republic. Seit zwei Jahren ist das Unternehmen erst am Markt, etwa eine Million Kunden nutzen die App. Die Hälfte davon habe vorher noch nie Geld angelegt, sagt er. Dass die App Finanzmarktlaien zur Zockerei verführe, hält Hecker für fast absurd: „80 Prozent unserer Kunden investieren in Indexfonds-Sparpläne. Monatlich, wiederkehrend, breit gestreut. Das ist Sparen, nicht Zocken!“

Das mag schon stimmen. Doch ein Blick nach Übersee zeigt, dass durchaus auch Gefahren in der Simplizität der Neobroker lauern. So schickten in den USA erst unlängst zockende Kleinanleger mit via Social Media verabredeten Käufen die Kurse einiger Unternehmen auf eine aberwitzige – und schlagzeilenträchtige – Achterbahnfahrt. Trotzdem: Ein Massenphänomen ist solch exzessive Zockerei gerade hierzulande nicht. Ein wenig gewagt mutet daher der Vorwurf an, Neobroker würden Börsenrookies zum Risiko verleiten, eben weil sie so niederschwelligen Zugang zum Aktienmarkt böten. Denn: Wie sollen insbesondere junge Menschen die ihnen drohende Rentenlücke in Zeiten von Nullzinsen, teuren Immobilien und ungünstiger Demografie denn schließen – wie, wenn nicht am Aktienmarkt?

Überlebt die Börsenliebe den nächsten Crash?

„Die übergroße Mehrheit der Menschen in Deutschland ist und bleibt risikoavers, wenn es um Finanzthemen geht“, betont Civey-Partner Paul Zernitz. Was zu einer anderen Frage führt: Wie lange hält die junge Liebe der Generation Aktie zur Börse?

Aktuell steigen die Börsen scheinbar unaufhörlich. Doch Profis wissen: Der nächste Crash wird kommen. Erlischt dann die Liebe wieder? „Das ist Glaskugel“, sagt DAI-Experte Gerrit Fey. Am Ende des Tages sei Aktienanlage eigentlich eine ziemlich langweilige Sache. „Die Hoffnung aufs schnelle Geld muss man drosseln, die Angst vor dem nächsten Crash nehmen“, sagt Fey. Den Spargroschen langfristig und breit gestreut zu investieren – besonders darauf komme es an. „Wenn die Jungen, die noch 30 Jahre sparen können, einen Crash als Chance sehen, billig Aktien einzukaufen, dann haben wir viel gewonnen.“