Industrie hautnah Blazer war gestern: Mareen Bengfort wechselte aus einer Dienstleistungsbranche zu Velener Textil – und ist jetzt ausgebildete Anlagenführerin

Velen. Konzentriert schaut die junge Frau im Blaumann auf die Webmaschine. Die Anlage stoppt, ein rotes Licht leuchtet auf. „Fadenbruch! Da muss ich schnell ran“, sagt Mareen Bengfort und verbindet die dünnen Enden des Garns. Nach kurzer Zeit fährt die Anlage wieder an.

Der 23-Jährigen frischgebackenen Maschinen- und Anlagenführerin beim Textilunternehmen Velener Textil geht die Arbeit mittlerweile zügig von der Hand. Dabei begann die Münsterländerin aus Gescher ihre berufliche Laufbahn 2013 ganz woanders: „Ich bin gelernte Hotelfachfrau. Und jetzt Maschinen- und Anlagenführerin.“ Ein ungewöhnlicher beruflicher Werdegang. Wie kam es zu dieser Kehrtwende?

Bengfort lacht, eines will sie klarstellen: „Die Arbeit im Hotel selbst hat mir Spaß gemacht, aber an die Arbeitszeiten konnte ich mich nicht gewöhnen.“

Bei den Arbeitszeiten blieb keine Zeit für Familie und Freunde

Früh- und Zwischenschichten oder lange Abende, wenn Gesellschaften zu bewirten waren – ihr fehlte die Planbarkeit. „Das ist für eine 16-Jährige hart. Mit der Zeit blieb die freie Zeit für Familie und Freunde auf der Strecke“, erinnert sie sich. Nach dem Abschluss als Hotelfachfrau stand deshalb fest: „So will ich nicht das ganze Leben arbeiten.“ Auch ein Abstecher in ein schönes Hotel in Bayern, wo sie drei Monate arbeitete, konnte ihren Entschluss nicht ändern.

So orientierte sie sich um und schnupperte Anfang 2018 in die Produktion der Velener Textil. Genau dort, wo auch ihre Mutter arbeitet; die vermittelte der jungen Frau den Kontakt zu einem Meister im Unternehmen.

Für ihre Entscheidung ließ sich Mareen Bengfort Zeit. „Schließlich wollte ich mir dieses Mal sicher sein, dass es das Richtige ist.“ Nach einem Praktikum und einer Zeit als Aushilfe begann sie im August des gleichen Jahres in der Fabrik in Velen westlich von Münster eine Lehre. „Ich habe mich bewusst für etwas Technisches entschieden. Ein Schnuppertag in einer Kfz-Werkstatt hat mir nicht gefallen, viel wohler habe ich mich in der Spinnerei, Weberei und der Zettlerei gefühlt“, so die begeisterte Motorradfahrerin.

Der Grund: „Die Arbeit mit den Anlagen gibt mir eine gewisse Selbstständigkeit. Und wenn etwas passiert, kann ich eigenverantwortlich eingreifen.“ Das habe ihr im Hotel gefehlt. In der Weberei schiebt sie zwar auch Schichtdienst, das macht ihr aber nichts aus. „Hier weiß ich schon Wochen vorher, wie ich eingesetzt werde. Da lassen sich etwa Treffen mit Freunden oder der Ausflug mit dem Motorrad viel besser planen.“

Seit Anfang Januar betreut die junge Frau als Maschinen- und Anlagenführerin 30 Webmaschinen – ist unterwegs, um Anlagen anzufahren, neu einzurichten oder Fehler zu korrigieren: „Ich mag es, unter Stress zu arbeiten, das motiviert mich“, sagt Bengfort.

Wichtig ist für sie, jetzt Routine bei der Arbeit zu bekommen und sich von erfahrenen Kollegen einiges abzuschauen. Wenn das geschafft ist, kann sie sich in Zukunft eine Weiterbildung zum Mechatroniker vorstellen.

Den Kontakt zu ihrem ehemaligen Lehrort – dem Hotel – hält sie immer noch, geht oft noch vorbei, um frühere Kollegen zu besuchen.

Ein ungewöhnlicher Traum: Kellnern auf dem Münchner Oktoberfest

Dennoch ist sie sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat: „Ich baue mir jetzt Stück für Stück mein Leben auf. Gerade bin ich in meine erste eigene Wohnung in Velen gezogen“, sagt Bengfort. Und plant im Frühjahr die Touren mit ihrer Kawasaki Ninja 250.

Eine davon könnte etwas weiter ausfallen. Bengfort hegt einen ungewöhnlichen Traum: „Ich möchte einmal auf dem Oktoberfest in München in einem der Festzelte kellnern.“

Nachgefragt

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Durch ein Praktikum bei meinem jetzigen Arbeitgeber. Ich konnte in viele Abteilungen hineinschauen. So ist mir die Entscheidung, in die Textilbranche zu wechseln, leichter gefallen.

Was reizt Sie am meisten?

Die Arbeit mit den Maschinen. Sie am Laufen zu halten, bedeutet selbstständig zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen.

Worauf kommt es an?

Man braucht Engagement und Teamfähigkeit, kombiniert mit technischem Verständnis.

Textil-Industrie

Fast jeder dritte Job in Nordrhein-Westfalen:

  • 65.354 Beschäftigte hat die Branche bundesweit.
  • 19.102 Mitarbeiter sind es in NRW.
  • 2.400 Euro brutto Einstiegsgehalt bei Maschinen- und Anlagenführer.

Quelle: Textil + Mode