Waiblingen. Vor Günther Stoll stehen zwei Motorsägen: Beide mit orange-hellgrauem Gehäuse, bei beiden steht auf der Führungsschiene in großen Lettern „STIHL“. Aber nur eine stammt tatsächlich von dem Waiblinger Weltmarktführer – die andere hat bloß eine täuschend echte Hülle. „Darunter ist technischer Schrott“, sagt Stoll beim Besuch von aktiv. Gegen solche Imitate führt er seit 13 Jahren einen zähen Kampf, rund um den Globus.

Produktfälschungen sind kein Kavaliersdelikt!

In europäischen Ländern und einigen weiteren mit verlässlichen Rechtssystemen sei dieser Kampf mittlerweile gewonnen. Dort sind Produktfälschungen von Stihl praktisch verschwunden. „Da haben wir aufgeräumt. Aber in anderen Ländern stoßen wir immer wieder auf Schwierigkeiten.“ Je korrupter das System, desto aussichtsloser ist die Sache. Es gibt auch Regierungen, die Billig-Imitate ganz okay finden, als – allerdings fragwürdige – Alternative für die sozial Schwächeren. „Wer so denkt, blendet eines aus: Bei uns geht es nicht um Luxustaschen“, meint Stoll und klopft energisch auf den Tisch. „Unsere Motorsägen erfüllen höchste Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Das tun die Plagiate nicht. Und das kann gefährlich werden. Im schlimmsten Fall kann einem der Herzschrittmacher stehen bleiben, wenn etwa die Zündkerze nicht funkentstört ist.“

Ein enges Netzwerk und gute Kommunikation sind das A und O

„Als ich 2008 den Job übernahm, konnte ich das Wort ‚Marke‘ gerade mal buchstabieren“, sagt der Diplom-Forstwirt schmunzelnd. Aber – nach damals schon fast 20 Jahren bei Stihl – kannte er die Firma gut, die Produkte, die Technik, die Vertriebswege und die Welt. Nach vier Jahren als Produktmanager in den USA war auch sein Englisch gut genug für die komplizierten Gespräche mit Behörden oder Juristen weltweit. Gute Kommunikation ist das A und O – und ein engmaschiges Netzwerk. Dazu gehören neben Behörden auch Importeure und eigene Fachhändler. „Die vertreiben garantiert nur Originalprodukte“, erklärt Stoll. „Und sie erkennen Plagiate sofort.“

Der Hamburger Zoll beschlagnahmte die erste Charge mit Fälschungen

Sein erster Schritt war ein Besuch beim Hamburger Zoll. Da hat er den Beamten erklärt, was eine Fälschung vom Original unterscheidet. Und prompt beschlagnahmten die Hamburger Zöllner kurz darauf eine erste Charge mit Fälschungen! Seitdem setzt Stihl – neben einem maßgeschneiderten Schutzrechtsportfolio – auf einen Mix aus Zollschulungen, enger Zusammenarbeit mit qualifizierten Anwaltskanzleien in aller Welt, Austausch mit anderen Markenherstellern und Sensibilisierung für das Thema – vom Kunden bis in höchste politische Kreise. Die nötigen Strukturen hat er von Waiblingen aus mit nur einer Teilzeitkollegin über die Jahre hinweg beharrlich aufgebaut.

Die Kopisten haben kaum Unrechtsbewusstsein

Dabei habe er schon wahre Krimis erlebt: „Einmal haben wir sogar Interpol eingeschaltet.“ Die Fälscher hätten viel kriminelle Energie und wenig Unrechtsbewusstsein. „Einer hat sich wiederholt bei unseren chinesischen Anwälten beschwert, dass Stihl ihm dauernd auf die Füße trete“, erzählt Stoll. „Wenn es darum geht, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sind sie erstaunlich kreativ.“ Auf einer Messe in Yongkang, China, wurden zum Beispiel Imitationen von Stihl-Sägen ganz offen mit einem Video beworben. Als es dann vor Gericht ging, ließen die Fälscher diese Videos verschwinden und drehten kurzerhand neue Clips – mit ganz anderen Sägen.

Die Strafen sind viel zu gering, um abzuschrecken

Manche Kopisten sind schon alte Bekannte. Ihnen das Handwerk zu legen, ist schwer – dafür sind die Strafen viel zu gering, und auch Lokalprotektionismus spielt immer wieder eine Rolle. Also ein Job mit hohem Frustpotenzial? Stoll nickt und seufzt. Warum er trotzdem dabeibleibt? Weil nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Nutzer geschützt werden müssen. Deshalb hat sich Stihl null Toleranz gegen die kriminellen Umtriebe auf die Fahnen geschrieben.

„Vielleicht ist es ja auch der Jagdtrieb“, sagt Stoll verschmitzt. „Ich habe einen Jagdschein. Früher habe ich nur im Wald gejagt, jetzt jage ich eben auch noch Fälscher.“ Und er habe ja auch schon viele Erfolge erlebt. Ein Meilenstein war zum Beispiel, als es Stihl nach Jahren endlich gelungen ist, Orange-Hellgrau als Farbmarke in China schützen zu lassen. Das ist so immens wichtig, weil diese Farbkombination überall auf der Welt bekannt und gefragt ist – als Markenzeichen für Qualität aus Waiblingen.

„Preisgekrönte“ Produktpiraterie

Die Aktion Plagiarius (aktiv-Artikel) prämiert jährlich die dreistesten Produktfälschungen. 

2021 ging der erste Preis an diese Nachahmung einer Stihl-Motorsäge. Der Name „STHIL“ ist nicht etwa deshalb falsch geschrieben, weil der Fälscher kein Deutsch kann oder Legastheniker ist. Im Gegenteil: Der Fehler ist Absicht. Denn so wird doch offensichtlich kein Markenname kopiert und kein Schutzrecht verletzt – meinen die Fälscher! 

Auch raffiniert: Andere schreiben zum Beispiel „STEEL“ auf die Sägen – ein anderer Name, aber phonetisch doch ähnlich genug, um ahnungslose Käufer zu täuschen.