Während Fachleute in allen Teilen Deutschlands noch über die Vor- und Nachteile ökologischer Konzepte debattieren, wurden in Bremen bereits Tatsachen geschaffen. Dort begann der auf Kommunalfahrzeuge spezialisierte Hersteller Faun unter der neuen Marke Enginius mit der Serienproduktion von Lkws mit Wasserstoffantrieb – als einer der ersten Anbieter weltweit.

Dieser Ansatz ist durchaus sinnvoll, denn allein in Deutschland produziert der straßenbasierte Lastverkehr über 45 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) pro Jahr. Betrachtet man die weltweiten CO2-Emissionen, hat der Güterverkehr einen Anteil von rund 10 Prozent.

Das Ziel: Marktführer in Europa

„Unsere Vision ist der klimaneutrale Lastverkehr“, so Faun-CEO Patrick Hermanspann. „Mit Enginius wollen wir bis 2030 Europas Marktführer für Wasserstoff-Lkw auf der Kurz- und Mittelstrecke werden.“

Wasserstoff (H2) ist ein ungiftiges, farb- und geruchloses Gas, das im flüssigen Zustand nur 71 Gramm pro Liter wiegt. Ein Kilogramm Wasserstoff enthält ebenso viel Energie wie 2,1 Kilo Erdgas oder 2,8 Kilo Benzin (bezogen auf den unteren Heizwert). Damit hat H2 von allen Brenn- und Treibstoffen die höchste massebezogene Energiedichte.

Jede Menge Erfahrung

Dass sich das Gas hervorragend eignet, um schwere Fahrzeuge anzutreiben, hat Faun mit seinen Produkten längst bewiesen: In zahlreichen Städten wie Berlin, Duisburg, Bochum und Brüssel sind schon seit einiger Zeit Abfallsammelfahrzeuge mit Wasserstoffantrieb im Einsatz, die nicht nur helfen, Müll und Reststoffe zu beseitigen, sondern gleichzeitig die Luft in den Städten sauber und die Lärmbelastung niedrig halten.

Enginius will mit seinen Wasserstoff-Lkws europäischer Marktführer werden.

Patrick Hermanspann: „Unsere Fahrzeuge sind in der Regel dort unterwegs, wo Familien wohnen und Kinder spielen. Aus diesem Grund ist es für uns wichtig, die Emissionen der Fahrzeuge zu minimieren. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und stellen unser Know-how mit Enginius allen zur Verfügung, die sich für einen nachhaltigen, sauberen, geräuschlosen und emissionsfreien Waren- und Lastverkehr interessieren.“

Die Fahrgestelle liefert Daimler Trucks

Unter der neuen Marke kommen Fahrgestelle ohne Antrieb, sogenannte Gleiter, von Daimler Trucks zum Einsatz, die von den Bremern mit modernster Technologie ausgestattet werden: Sie erhalten Hochdrucktanks für den gasförmigen Wasserstoff, der im Fahrbetrieb mithilfe von Brennstoffzellen in Strom umgewandelt wird.

Dieser Strom lädt die eingebauten Puffer-Batterien und treibt den Lkw an. Das Befüllen der Wasserstofftanks dauert maximal 15 Minuten und damit deutlich kürzer als die durchschnittliche Ladezeit von herkömmlichen Elektrofahrzeugen. Eine Tankladung reicht für rund 400 Kilometer, wobei die Nutzlast der Lkws ähnlich ist wie bei einem Dieselfahrzeug.

2023 soll die Fertigung verdoppelt werden

Diplom-Ingenieur Carlos Aramayo, der Enginius gemeinsam mit seinem Geschäftsführer-Kollegen Thorsten Baumeister leitet, sieht ein erhebliches Potenzial für die Produkte des Unternehmens. „Die Auftragslage ist sehr gut“, erzählt der gebürtige Schwabe, „obwohl wir erst vor wenigen Monaten gestartet sind. Nach aktuellem Stand der Planung werden wir im laufenden Jahr 100 Lkws fertigstellen, und 2023 soll die Fertigung auf etwa 200 Fahrzeuge verdoppelt werden.“

Der studierte Maschinenbauer lebt seit rund zehn Jahren in Norddeutschland und war zuvor lange in den USA und in Japan tätig. „Die Arbeit hier in Bremen macht großen Spaß“, sagt er. „Wir haben ein geniales Produkt und ein großartiges Team, das hoch motiviert ist. Und im Hintergrund steht mit Faun und der Kirchhoff Gruppe ein familiengeführter Unternehmensverbund.“

Elektrochemische Reaktion ohne Abgase

Auch personell ist Enginius schon gut ausgestattet, derzeit sind rund 80 Mitarbeiter in den Hallen des Bremer Unternehmens tätig. Einer von ihnen ist Marc Monsees, der gerade eine Brennstoffzelle an den Kranhaken hängt, um sie vor dem Einbau noch einmal zu überprüfen.

„Das ist das Herzstück unserer Fahrzeuge“, sagt Monsees. „In der Zelle verbindet sich der Wasserstoff in einer elektrochemischen Reaktion mit Sauerstoff, wodurch elektrische Energie freigesetzt wird – ganz ohne schädliche Abgase.“

Brennstoffzellen mit 30 Kilowatt

Die in Bremen eingesetzten Brennstoffzellen arbeiten bei einer Spannung von knapp 100 Volt und haben eine Leistung von 30 Kilowatt (kW). Pro Lkw können bis zu drei Zellen verbaut werden.

Brennstoffzellen sind übrigens keineswegs eine Erfindung der Neuzeit, auch wenn das häufig vermutet wird. Das physikalische Prinzip wurde bereits 1838 entdeckt, und der berühmte Schriftsteller Jules Verne war von der Technik so begeistert, dass er sie 1875 in seinem Abenteuerroman „Die geheimnisvolle Insel“ beschrieb.

Elektromotoren aus Baden-Württemberg

Die Brennstoffzellen, die in den Fahrzeugen von Enginius arbeiten, stammen von einem kanadischen Hersteller, der zu den weltweiten Marktführern zählt. Die Wasserstoff-Drucktanks und die Hochvolt-Batterien kommen aus Ostasien und die Elektromotoren von einem Anbieter aus Baden-Württemberg.

Das Fahrgestell, das die Bremer bislang als Plattform für ihre Lkws nutzen, ist ein Dreiachser von Daimler Trucks. Ausgestattet mit dem Wasserstoffantrieb von Enginius wird er unter dem Modellnamen „Bluepower“ als Trägerfahrzeug für Müllsammel- oder Kehrmaschinen-Aufbauten angeboten.

Branchenpreis für den „Bluepower“

Diese Produktreihe erhielt bereits einen Branchenpreis, und zwar den „H2Eco Award“, der in diesem Jahr erstmalig auf der Hannover Messe verliehen wurde. Der Preis zeichnet technische Innovationskraft, Unternehmertum und Wirtschaftlichkeit sowie ökologische Aspekte aus und wurde von der Deutschen Messe und dem Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband (DWV) ins Leben gerufen.

Weitere Enginius-Modelle sind schon in der Pipeline. Geschäftsführer Aramayo: „Auf Basis eines anderen Gleiters von Daimler Trucks fertigen wir ab Ende 2022 zusätzlich einen Zweiachser, der aufgrund seiner Flexibilität und Vielseitigkeit auf große Nachfrage stoßen dürfte.“ Das Modell wird unter dem Namen „Citypower“ vermarktet und ist in erster Linie für den Lieferverkehr vorgesehen.

Belegschaft soll ausgebaut werden

Die Entwicklungsarbeit findet ebenfalls in Bremen statt, wie Carlos Aramayo anmerkt. „Unser Vorteil ist, dass wir alle Funktionen hier am Standort haben und dadurch autark agieren können. Dazu gehört auch ein Team mit über 20 Entwicklern.“

Ein weiterer Ausbau der Belegschaft ist geplant. „Wir freuen uns über jede Bewerbung“, so Aramayo. „Wir suchen bevorzugt Fachkräfte mit einem breiten Spektrum, zum Beispiel Mechatroniker, außerdem Techniker und Ingenieure verschiedenster Disziplinen.“

Experten sehen ein enormes Potenzial

Zukunftssicher dürften diese Jobs auf jeden Fall sein, denn die meisten Experten sind sich einig: Im Frachtverkehr hat Wasserstoff enormes Potenzial, auch wegen der aktuellen Preisentwicklung. Nach einer Studie des Hydrogen Council, hinter dem Konzerne wie Daimler, Airbus, Shell, Linde und Air Liquide stehen, könnte der Kilopreis für Wasserstoff in Europa aufgrund der steigenden Produktion schon bald kräftig fallen – von momentan 5,40 auf bis zu 1,10 Euro.

Starke Mutter, starke Töchter

  • Das Anfang 2022 gegründete Unternehmen Enginius ist eine Tochterfirma der Faun Gruppe, die Fahrzeuge mit alternativen Antrieben herstellt und sich auf klimaneutralen Lastverkehr spezialisiert hat. Im Bremer Werk sind derzeit rund 80 Mitarbeiter tätig, ein weiterer Ausbau ist geplant.
  • Die Faun Gruppe ist ein Teil der Kirchhoff Ecotec, der Umweltsparte der weltweit agierenden Kirchhoff Gruppe, und beschäftigt weltweit mehr als 2.000 Mitarbeitende. Der Aufbauhersteller ist einer der führenden Anbieter von Kehrmaschinen und Abfallsammelfahrzeugen in Europa und unterhält zwölf Werke in sieben Ländern. Der Stammsitz der Gruppe liegt in der niedersächsischen Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck nordöstlich von Bremen.
  • Der Unternehmensverbund Kirchhoff erwirtschaftete im Jahr 2021 mit rund 12.200 Mitarbeitern in den vier Geschäftsbereichen Automotive, Werkzeuge, Fahrzeugumbauten und Kommunaltechnik einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro. Zum Konzern gehören 56 Werke in 22 Ländern auf fünf Kontinenten. Die Gruppe, die sich seit vier Generationen im Besitz der Familie Kirchhoff befindet, geht zurück auf das Unternehmen Stephan Witte, das 1785 zur Herstellung von Nähnadeln in Iserlohn gegründet wurde.

Aktueller Blick in norddeutsche Betriebe