Bielefeld. Vier Azubis fällt auf dem Rundgang durch ihren Betrieb eine riesige blaue Mülltonne auf. Ein Kollege wirft gerade haufenweise Kartonagen hinein: mit dem blauen Firmenlogo hochglanzbedruckt, so gut wie neu. „Das soll alles für die Tonne sein?“, fragen sich die vier jungen Leute.

Eine von ihnen ist Marilena Oberhaus. Sie hatte die Wegwerfaktion zusammen mit Eugen Dürksen, Tobias Mechsner und Marvin Vortmeier bei ihrem Arbeitgeber Boge in Bielefeld beobachtet. Das Familienunternehmen baut Kompressoren, ist einer der weltweit führenden Anbieter von Druckluft-Technik und verkauft diese in mehr als 120 Ländern. Am westfälischen Stammsitz sind 520 Mitarbeiter beschäftigt.

Azubis der Firma Boge machen seit Jahren beim Wettbewerb der Energie-Scouts mit

Die jungen Leute kamen nicht zufällig an der blauen Tonne vorbei: Sie waren bei ihrem Betriebsrundgang als Energie-Scouts auf der Suche nach Möglichkeiten, Energie und Material einzusparen. Bei den Verpackungen wurden sie schließlich fündig: In denen wurden bis vor gut einem Jahr Ölabscheider, Komponenten für die Boge-Kompressoren, geliefert.

6.750 Auszubildende in 1.500 Unternehmen wurden inzwischen zum Energie-Scout

Boge nimmt seit Jahren mit einem Team aus seinen 30 Azubis am Wettbewerb der Energie-Scouts teil. Es setzt sich aus Vertretern der kaufmännischen und der gewerblich-technischen Ausbildung zusammen, damit die Einsparpotenziale aus verschiedenen Blickwinkeln ausgeleuchtet werden. Bundesweit haben sich inzwischen mehr als 1.500 Unternehmen an dem Wettbewerb beteiligt, 6.750 Auszubildende wurden zum Energie-Scout.

Mit von der Partie ist die Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz

Allein in NRW sind es 500 jährlich. Die Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz sowie die Industrie- und Handelskammern bieten diese Qualifizierung seit 2014 an.

Bei dem Wettbewerb stellte die angehende Industriekauffrau Oberhaus, die jetzt kurz vor dem Abschluss steht, ihr Organisationstalent unter Beweis. Es galt, die Teammitglieder aus verschiedenen Abteilungen und mit unterschiedlichen Berufsschulzeiten zu koordinieren. Als Energie-Scout wollte sie sich im Unternehmen selbst beweisen und gleichzeitig gewinnbringend einmischen. Beides ist gelungen: Mit einem Projekt namens „Papp it down!“ gewann ihr Team letzten Sommer den ersten Platz im NRW-Wettbewerb der Energie- und Materialsparer.

Es lohnt sich in doppelter Hinsicht: Geringere Kosten und weniger Arbeitsaufwand

Dieses firmeninterne Projekt ist nicht von Pappe. Oberhaus und ihre Mitstreiter konnten das Verpackungsaufkommen drastisch senken, was Boge eine jährliche Ersparnis von über 130.000 Euro bringt. Diese stolze Summe zahlte die Firma für Kartons, die in die Tonne gekloppt wurden. Statt knapp 44.000 schön bedruckter kleiner Pappkisten reichen jetzt gerade mal 286 große wiederverwendbare Kartons.

Aber auch der Arbeitsaufwand ist geringer, denn die meisten Ölabscheider müssen nicht mehr einzeln aus der Hülle geschält werden. Demnächst werden vielleicht auch andere Komponenten von Boge, beispielsweise Filter, auf Sammelverpackungen umgestellt. „Wir haben in der Verwaltung, in der Produktion und im Lager herumgefragt und festgestellt, dass nur 18 Prozent der Einzelverpackungen wirklich benötigt werden“, erzählt die junge Frau. Nämlich für Ölabscheider, die als Ersatzteile direkt an die Kunden gehen.

Die jungen Leute durchforsteten auch Lieferantenverträge

Die Mehrzahl dieser Teile wird allerings im Werk gebraucht: Entweder werden sie in die Kompressoren verbaut oder mit weiterem Zubehör zu Wartungskits zusammengestellt. Für ihr Projekt schauten sich die Nachwuchskräfte nicht nur im Betrieb um, sondern durchforsteten auch die Lieferantenverträge, um herauszufinden, ab wann die Verpackungen abbestellt werden dürfen.

„Nur sagen: ‚Sie produzieren zu viel Müll‘, bringt nichts. Da ist auch die richtige Kommunikation gefragt“

Nicht alle Kollegen hatten Zeit und Geduld für die Anregungen des Teams. „Es bringt jedoch nichts, jemanden auf den Kopf zu zu sagen: ‚Sie produzieren zu viel Müll, muss das sein?‘“, so Oberhaus. Als Energie-Scout lerne man nicht nur Einsparpotenziale aufzuspüren, sondern auch, das Thema im Betrieb zu kommunizieren.

„Das Projekt hat mir die Augen geöffnet“, sagt sie: „Ich überlege jetzt zweimal, ob ich ein Blatt Papier auch beidseitig bedrucken kann. Und achte darauf, abends das Licht immer auszumachen.“

Nachgefragt

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Ich wollte Industriekauffrau werden, so wie meine ältere Schwester. Boge ist eine bekannte Firma, und ich bekomme hier die Chance, in alle Abteilungen hineinzuschnuppern und herauszufinden, ob mir Beschaffung, Marketing, Personal oder Buchhaltung mehr liegt.

Was reizt Sie am meisten?

Die Vielseitigkeit der Ausbildung. Ich kann sehen, wo meine Stärken und Potenziale sind – und entscheiden, wie ich mich weiterbilden möchte.

Worauf kommt es an?

Man muss ein gewisses Maß an Kreativität und Motivation mitbringen, gerade wenn man im Team unterwegs ist. Und natürlich, sich durchsetzen können.