Arnstadt. Für Laien sieht es schon recht chaotisch aus, dieses Gewirr aus etlichen Kabeln, Buchsen, Steckern. Marcel Pfotenhauer aber behält routiniert den Überblick. Kurz erklärt er beim aktiv-Besuch, was er gerade tut, dann arbeitet er konzentriert weiter – an einem Einzelstück. Der Schaltschrank aus dem Thales-Werk in Arnstadt soll für sicheren Betrieb im Netz der Metro in Aserbaidschans Hauptstadt Baku sorgen.

Sicherheit im Schienenverkehr: Das ist letztlich das, was das Thüringer Werk in die ganze Welt liefert – ein breites Produktsortiment für die Eisenbahnsignaltechnik. Mit Spezialitäten, die sonst praktisch keiner zu bieten hat.

Made in Arnstadt: Achszähler, Weichenantriebe, Signale, Sicherheitssysteme – und so fort

Entwickelt werden viele Produkte im schwäbischen Ditzingen, Hauptsitz von Thales Deutschland (rund 4.000 Mitarbeiter bundesweit). Einiges wird dann nur in Arnstadt produziert: Achszähler etwa, Sicherheitsrelais, Weichenantriebe, Signale. „Und komplexe elektronische Sicherheitssysteme, die zum Beispiel verlässlich verhindern, dass zwei Züge gleichzeitig auf einem Streckenabschnitt fahren“, sagt Standortleiter Steffen Müller. „Unser Hauptkunde im Eisenbahnfernverkehr ist die Deutsche Bahn.“

Thales-Ausrüstungen für Metros wiederum werden in Kanada konzipiert und gehen dann aus Thüringen in alle Welt. Zum Beispiel nach London, für die Modernisierung der altehrwürdigen „Tube“. Was gegen deren chronische Überlastung hilft: „Moderne Züge kommunizieren miteinander, das erhöht sowohl ihre Taktfrequenz als auch die Sicherheit des Betriebs“, so Müller.

Wer ein Thales-Stellwerk bestellt, bekommt es auf Wunsch komplett mit Möbeln und Kaffeemaschine

Das Know-how für Elektrik und Elektronik haben sich die Thüringer seit 1938 erarbeitet. Anfangs war der Betrieb für die sich dann ständig weiterentwickelnde Telefonie zuständig, Anfang der 1990er begann der Wechsel zu Eisenbahnsignaltechnik.

Seit 2007 ist der Standort Teil des Thales-Konzerns und ein Kompetenzzentrum mit weltweit wohl einzigartigem Service: Will der Kunde etwa ein komplettes Stellwerk, dann bekommt er es. Aber nicht nur die Technik! Sondern auch das Gebäude, die Möbel, selbst die Kaffeemaschine. „Das setzen wir mit verlässlichen Partnern um“, sagt Standortchef Müller, „und übernehmen Wartung und Instandhaltung, auch für Fremdprodukte.“ Deshalb sind von den rund 400 Beschäftigten am Standort rund die Hälfte Ingenieure, Planer oder Supply-Chain-Spezialisten.

Die Spezialisten müssen sich auch mit älterer Eisenbahntechnik auskennen

Und: Eisenbahntechnik ist langlebig! Deshalb müssen die Kollegen von heute auch die Technologien von vor 50 oder gar 70 Jahren beherrschen. Darauf wird schon in der Ausbildung Wert gelegt. Beachtlich ist auch die Arbeitsorganisation: Die jeweiligen Fertigungsteams arbeiten je nach Auftrags- und Terminlage selbstständig. Grundlage dafür ist ein „Enterprise Ressource Planning System“, in dem Daten, Termine und so fort transparent hinterlegt sind.

Diese Selbstständigkeit der Beschäftigten ist wohl mit ein Grund dafür, dass das Corona-Virus bisher vor dem Werktor geblieben ist. In nur zwei Tagen stellte die Belegschaft im März quasi im Alleingang die Arbeitsabläufe Corona-tauglich um, mehr „Mobile Office“ inklusive. Der prima ausgelastete Standort kann so weiterhin stabil an seine Kunden liefern – damit Bahnpassagiere sicher ankommen.