Wer Till Meins heute an seinem Arbeitsplatz bei Gestra sieht, kann sich kaum vorstellen, dass der junge Mann vor nicht allzu langer Zeit noch mit Irokesenschnitt und Punk-Klamotten durch Bremen lief. „War aber so“, sagt der 30-Jährige und lacht. „Vielleicht lag es ja auch daran, dass niemand mir eine Lehrstelle geben wollte, obwohl ich Dutzende von Bewerbungen geschrieben habe.“

Dass er am Ende doch noch Glück hatte und eine Ausbildung beim In-dustriearmaturen-Hersteller Gestra machen konnte, hat Meins vor allem dem Programm Nordchance zu verdanken. Diese Initiative des Arbeitgeberverbands Nordmetall entstand 2008 auf Betreiben des Bremerhavener Unternehmers Ingo Kramer, der damals Präsident des Verbands war. Die Grundidee: jungen Menschen eine Brücke in die Ausbildung zu bauen und gezielt dort zu helfen, wo eher schwierige Rahmenbedingungen vorliegen.

Gemeinschaftsprojekt mit vielen Beteiligten

Die Initiative wurde schnell zu einem erfolgreichen Gemeinschaftsprojekt von Nordmetall und seinem Schwesterverband AGV Nord. Die praktische Umsetzung übernahmen regionale Bildungsträger in Norddeutschland.

Allein in den ersten fünf Jahren nahmen rund 500 junge Menschen an dem Programm teil; 409 von ihnen absolvierten ein Praktikum, und 309 erhielten am Ende einen Ausbildungsplatz, die meisten in einem Betrieb der Metall- und Elektro-Industrie.

Bewährtes Prinzip

In den 14 Jahren seit dem Start hat das Programm mehrere Änderungen erfahren; mittlerweile läuft es unter dem Namen „Nordchance Service“, aber am bewährten Prinzip hat sich wenig geändert. Denn von der Teilnahme profitieren nicht nur die Berufseinsteiger und Nachwuchskräfte, sondern auch die Unternehmen selbst, die so dem Fachkräftemangel entgegenwirken können.

Nordchance hat schon hunderten von jungen Leuten den Berufseinstieg ermöglicht

Ein Beispiel dafür ist die Gestra AG, die zu den Projektpartnern der ersten Stunde zählt. Hier gibt es neben Till Meins, der bereits seit 2010 im Betrieb ist, eine junge Kollegin, die ebenfalls über die Nordchance-Initiative in die Ausbildung kam und nun im zweiten Lehrjahr ist.

Einstieg über ein längeres Praktikum

Die 19-jährige Valentina Schlecht erzählt: „Ich bin in Bremen aufgewachsen und als Schülerin in die falschen Kreise geraten. Deshalb hatte ich nach der Mittleren Reife einige Probleme mit dem Start ins Arbeitsleben. Die Berufe, die mich damals gereizt hätten, waren ohne Abitur nicht erreichbar, und irgendwie hatte ich keine Idee für passende Alternativen.“

Das änderte sich dank einer Beratung auf dem Arbeitsamt. Dort erzählte ihr eine Mitarbeiterin von Nordchance und half bei den ersten Schritten. Dadurch erhielt die Bremerin die Möglichkeit, ein sechsmonatiges Praktikum bei Gestra zu machen. Und das lief so gut, dass der Betrieb sie als Azubi übernahm.

„Ohne Nordchance wäre ich hier wohl nicht gelandet“

Heute ist die angehende Zerspanungsmechanikerin im zweiten Lehrjahr und mit ihrer beruflichen Entscheidung vollauf zufrieden. „Technische Dinge fand ich immer schon interessant“, erzählt die 19-Jährige. „Andere Mädels gehen am Wochenende shoppen, ich schraube lieber an meinem Audi herum. Die praktische Ausbildung ist genau das Richtige für mich.“

Ähnlich äußert sich ihr Kollege Till Meins. „Ich bin ein passionierter Tüftler“, sagt er, „und arbeite gern bei Gestra. Ohne Nordchance wäre ich hier wohl nicht gelandet.“

Am ambitionierten Studium gescheitert

Und weil der gebürtige Hamburger ein Mann mit vielen Interessen ist, nahm er nebenbei noch ein Studium auf, und zwar in Musik und Wirtschaftsinformatik.

Dass dieses ambitionierte Vorhaben letztlich scheiterte, lag unter anderem an den verschiedenen Studienorten: Wirtschaftsinformatik fand in Hamburg statt, Musik in Lübeck. Das war aufgrund der Arbeitsbelastung und der weiten Fahrtwege mit dem Job in der Gastronomie nicht zu vereinbaren.

Hilfreiche Beratung auf dem Arbeitsamt

Dennis Kartal: „Daher machte ich mich erneut auf die Suche nach einer Lehrstelle, aber es ergab sich einfach nichts. 2020 hatte ich dann einen Beratungstermin auf dem Arbeitsamt und erfuhr von Nordchance Service. Und bekam den Tipp, es bei ArcelorMittal im Hamburger Hafen zu versuchen, denn dort gäbe es eine große Ausbildungsabteilung und spannende Arbeitsplätze.“

Kartal nahm Kontakt mit Arcelor-Mittal auf, wurde zum Gespräch eingeladen und erhielt wenig später die Zusage für ein mehrmonatiges Praktikum in dem Stahlwerk. Das lief so gut, dass er im Herbst 2021 dort als Azubi anfangen konnte.

Von Syrien nach Norddeutschland

„Ich habe mich für Verfahrenstechnologie entschieden“, erzählt der junge Mann. „Verfahrenstechnologen steuern und überwachen Produktionsprozesse. Eine vielseitige Arbeit, die mir wirklich liegt, weil ich schon immer Spaß an Technik hatte. Ohne Nordchance hätte ich diesen Ausbildungsplatz wohl nie bekommen. Für mich war das ein echter Glücksfall.“

Positiv fällt auch das Fazit von Leen Alashkar aus, die derzeit an der Technischen Akademie Nord (TAN) in Kiel zur Zerspanungsmechanikerin ausgebildet wird. Die gebürtige Syrerin musste 2012 mit ihrer Familie die Heimatstadt Damaskus verlassen und lebte danach einige Zeit in Jordanien. Vor fünf Jahren kam sie nach Deutschland, seit 2019 wohnt sie in Kiel.

Unterstützung durch verschiedene Partner

Die 21-Jährige ist künstlerisch begabt, hatte jahrelang Ballettunterricht und spielte schon als Kind Geige und Klavier. Die Mutter ist Modedesignerin, der Vater Architekt. Als für Leen die Frage der Berufswahl anstand, erfuhr sie auf dem Arbeitsamt vom Nordchance-Programm. So kam sie zur TA Nord.

„Ich bin eine starke Frau und habe Spaß an dem, was ich hier lernen kann“, sagt sie. „Die Ausbilder bei der TA Nord sind sehr nett und bringen uns alles bei, was wir für die Berufstätigkeit brauchen. Ich kann mir gut vorstellen, später noch meinen Meister zu machen.“

Ähnliche Projektpartner wie die Schleswig-Holsteiner TA Nord gibt es auch in den anderen norddeutschen Bundesländern. In Bremen und Niedersachsen ist es das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft, in Hamburg der international tätige Dienstleister Steep. Weitere Infos dazu finden sich auf wir-bilden-den-norden.de unter „Projekte“.

Abitur mit 17 und über 100 Absagen

Zu den Partner-Unternehmen des Programms zählt auch der weltgrößte Stahlkonzern ArcelorMittal, der in seinem Hamburger Werk etwa 550 Mitarbeiter beschäftigt und im Schnitt rund 40 Auszubildende im gewerblichen und kaufmännischen Bereich hat.

Einer von ihnen ist Dennis Kartal, der seine Lehrstelle 2021 über Nordchance Service fand. „Ich hatte mit 17 Jahren mein Abitur, aber kein Glück bei der Suche nach einer Ausbildung“, erzählt der 21-Jährige. „Insgesamt habe ich wohl über 100 Bewerbungen geschrieben, aber nur Absagen erhalten. Deshalb habe ich erst mal als Servicekraft in der Gastronomie gejobbt, da ich niemandem auf der Tasche liegen wollte.“

Aktueller Blick in norddeutsche Betriebe