Eigentlich ist die „Krebs Helios“ ein gemütlicher 50-Meter-Kahn, der lange als Tonnenleger unterwegs war und nun im Offshore-Bereich Einsatz findet. Kein spektakulärer Job, das meiste ist Routine für die Besatzung. Aber selbst auf Schiffen wie diesem kann es schlagartig ungemütlich werden, wenn technische Probleme auftreten. Und genau das ist heute der Fall. Um kurz vor zwölf gibt es plötzlich eine Explosion an Bord, Sekunden später löst der Kapitän Alarm aus, und alle müssen das Schiff verlassen.

Die Besatzung flüchtet sich in eine Rettungsinsel, allerdings landen zwei Mann dabei im kalten Wasser der Ostsee. Einer von ihnen ist schwer verletzt, aber immerhin tragen beide Überlebensanzüge. Ein Kollege hatte weniger Glück, er liegt mit gebrochenem Bein an Bord und muss dort auf Hilfe warten.

Der Rettungshubschrauber schafft über 320 km/h

Nun schlägt die Stunde von Roland Koch und seiner Hubschrauber-Crew. Der 59-jährige Pilot ist ein alter Hase und hat schon Hunderte von Rettungseinsätzen geflogen, einige davon sogar im Falkland-Krieg, als er Anfang der 80er Jahre in Großbritannien stationiert war.

Seenotrettung aus der Luft – unser Video-Reporter Leon Grabowski war vor Ort:

Mittlerweile arbeitet er für die Emder Firma Northern Helicopter, die auf Luftrettung für die Offshore-Branche in Nord- und Ostsee sowie Ambulanzflüge spezialisiert ist. Kochs wichtigstes Arbeitsgerät ist ein EC 155, ein etwa 2.000 PS starker Mehrzweckhubschrauber von Airbus Helicopters, dessen Höchstgeschwindigkeit bei beachtlichen 324 Stundenkilometern liegt.

„Da draußen auf See zählt jede Minute“

Dieses hohe Tempo ist von unschätzbarem Vorteil, wenn es um Einsätze wie den heutigen geht. Denn „da draußen auf See zählt jede Minute“, wie Koch sagt. Und deshalb gibt er mit seinem Team alles, um rechtzeitig vor Ort zu sein – auch wenn er natürlich weiß, dass der heutige Notruf aus der Ostsee kein echter Alarm, sondern der Auftakt zu einer aufwendig inszenierten Übung war.

Das Drehbuch dazu stammt maßgeblich aus der Feder von Volker Seibert, Gründer und Chef von ISC Training & Assembly. Das Rostocker Unternehmen bildet seit 2008 Fachkräfte in den Bereichen Arbeitssicherheit und Notfallmedizin aus und zählt zu den wichtigsten Trainingsanbietern für die Offshore-Industrie.

Umfangreiches Szenario

An diesem Tag agiert ISC jedoch nicht allein, sondern gemeinsam mit zahlreichen Partnern. Und die Zusammenarbeit klappt tadellos, kurz nach dem Notruf der „Krebs Helios“ ist das Schiff bereits von einer kleinen Armada eingekreist: Der Rettungskreuzer „Theo Fischer“ der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist dabei, das Feuerlöschschiff „Albert Wegener“ der Rostocker Berufsfeuerwehr und mehrere Begleitschiffe, darunter die „Jan Maat“.

Trotz Hightech an Bord gibt es immer wieder Notfälle auf Nord- und Ostsee

Die Hauptrolle spielt allerdings der Hubschrauber, der bei solchen Einsätzen immer mit fünf Personen besetzt ist. Einer von ihnen ist Notarzt Rolf Engelmann, der 2012 seinen ersten Rettungsflug absolvierte und seitdem regelmäßig teilnimmt. Heute wartet auf ihn eine ganze Menge Arbeit, denn Volker Seibert und seine Partner haben sich ein umfangreiches Szenario ausgedacht.

Die Wassertemperatur liegt bei 16 Grad Celsius

Und so muss Engelmann sich zunächst um die zwei Männer kümmern, die neben der „Krebs Helios“ in der 16 Grad kalten Ostsee treiben. Die ist heute ziemlich kabbelig, anders als gedacht, und das macht die Sache nicht einfacher. Die Wellen sind zeitweilig so hoch, dass man schon genau hinschauen muss, um die beiden zu entdecken. Daher zündet einer der zwei eine Leuchtfackel und weist damit dem Hubschrauber den Weg.

Wenige Minuten später hat Pilot Koch ihn ausgemacht und schwebt 15 Meter über den Männern. Jetzt schlägt die Stunde des Notarztes: Er lässt sich zügig per Winde abseilen, hakt den ersten Schiffbrüchigen ein und gibt den Kollegen über ihm mit der Hand ein Zeichen, um wieder hochgehievt zu werden.

Der Helikopter wiegt rund 5 Tonnen

Manöver dieser Art sind selbst für erfahrene Piloten wie Roland Koch immer wieder eine Herausforderung. Von seinem Sitz aus kann er den Bereich unter dem Helikopter nicht sehen, daher ist er komplett auf die Kommandos seiner Kollegen angewiesen.

Aber Koch macht so was nicht zum ersten Mal, das wird schnell klar. Er hält das fünf Tonnen schwere Fluggerät ruhig in der Luft und setzt die hochgezogenen Personen routiniert auf dem Deck des Rettungskreuzers „Theo Fischer“ ab. Nach gut einer Stunde sind die Besatzungsmitglieder in Sicherheit, und Koch fliegt noch einige Manöver, ehe es zurück zur Heimatbasis Güttin auf Rügen geht.

Die unruhige Ostsee macht Probleme

Auf der „Jan Maat“ wird unterdessen das erste echte „Opfer“ des Tages versorgt. Die unruhige See hat ihren Tribut gefordert und einem Mitarbeiter der neuen ISC-Tochterfirma in Österreich so zugesetzt, dass er sich sturzbachartig übergeben muss.

Dreimal noch rennt er zum Heck des Schiffes, dann hängt er kraftlos über der Reling und wartet resigniert auf das Ende der Veranstaltung. „Der arme Kerl“, murmelt einer der Mitfahrer, „das dürfte wohl sein erster und letzter Ausflug auf die Ostsee gewesen sein.“

„Die Ostsee wird gerne unterschätzt“

Glücklicherweise gibt es ausreichend medizinisches Personal unter den Teilnehmern der Übung. Der Österreicher bekommt ein Glas Wasser und ein Medikament verabreicht, und irgendwann ist er wieder halbwegs hergestellt.

ISC-Chef Volker Seibert grinst. „Die Ostsee wird gerne unterschätzt“, sagt er. „Bei Windstille ist alles okay, dann dümpelt man wie auf dem Ententeich. Aber manchmal geht hier auch richtig die Post ab.“

Tausende von Einsätzen pro Jahr

Und genau deshalb finden regelmäßig Übungen dieser Art statt. „In der Theorie klingt vieles einfach“, sagt Seibert, „aber die Praxis sieht ganz anders aus. Bei Havarien weiß man nie, wie sie sich entwickeln. Deshalb müssen wir testen, ob unsere Notfallpläne funktionieren.“

Und Notfälle gibt es immer noch, trotz Hightech an Bord und satellitengestützter Navigation. Allein die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) musste 2019 zu 2.140 Einsätzen in Nord- und Ostsee ausrücken. Die Gesellschaft half dabei 3.400 Menschen, 81 davon wurden aus Seenot gerettet - „das heißt, sie wären ohne unsere Hilfe nicht mehr am Leben“, so ein DGzRS-Sprecher.

Mehr als 100 Unfälle in Jahr 2019

Die Hamburger Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) registrierte im gleichen Zeitraum insgesamt 112 Unfälle. Zwei Berufsschiffer wurden dabei getötet und 36 verletzt. In der Sportbootschifffahrt verunglückten 2019 nach BSU-Angaben vier Menschen tödlich.

Und so landet der eine oder andere von ihnen am Ende ebenfalls auf der „Jan Maat“, denn das Schiff ist normalerweise für die Firma Anternia unterwegs. Das Unternehmen bietet Seebestattungen an und fährt regelmäßig mit Urnen hinaus auf die Ostsee.

Wie die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger entstand

Leben an den deutschen Küsten für immer. Die Strandung der Brigg „Alliance“ vor Borkum im September 1860 war einer der entscheidenden Anstöße zur Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Neun Seeleute fanden damals den Tod. Die Borkumer bestatteten sie auf dem „Tränkeldoodskerkhof“, dem Heimatlosenfriedhof im Nordwesten der Insel.

Das Unglück rief einen Mann auf den Plan, der die Idee eines einheitlich organisierten Seenotrettungswerks entwickelte: Der Vegesacker Navigationslehrer Adolph Bermpohl forderte noch im Herbst 1860 eine private nationale Rettungsgesellschaft nach englischem und niederländischem Vorbild.

Und so entstand 1865 in Kiel die DGzRS als privates, ausschließlich spendenfinanziertes Seenotrettungswerk. Aktuell unterhält die Gesellschaft auf über 50 Stationen eine Flotte von 60 Seenotrettungskreuzern und -booten.