Berlin/Frankfurt/Bonn. Immer mehr Bäcker, Metzger und Handwerker schließen – aber auch mittelständische Industriebetriebe: einfach, weil es in der Chefetage keinen Nachfolger gibt. Betroffen sind Tausende Unternehmen und ihre Beschäftigten. Tendenz: steigend.

Die oftmals erfolglose Suche nach einem Nachfolger sorgt für Alarm im Mittelstand. „Ungewollte Stilllegungen von Unternehmen werden uns häufiger begegnen“, befürchtet Fritzi Köhler-Geib, die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW. „In naher Zukunft wird es voraussichtlich jeden vierten Nachfolgewunsch treffen.“

Jeder dritte Unternehmer ist schon 60 Jahre oder älter

Laut KfW-Umfrage wollen schon bis Ende 2026 rund 560.000 der insgesamt 3,8 Millionen mittelständischer Unternehmer ihre Firma an einen Nachfolger übergeben – oder sie verkaufen. Bedenklich: Weitere 190.000 Inhaber planen, „ohne eine Nachfolgeregelung aus dem Markt auszutreten“.

Die mit Abstand größte Hürde ist für 79 Prozent der fast 11.000 Befragten der Mangel an geeigneten Kandidaten. Hintergrund: Auf die geburtenstarke Babyboomer-Generation folgen deutlich kleinere Jahrgänge. Es fehlt also schlicht an Menschen, die einen Betrieb übernehmen könnten. Zugleich steigt der Bedarf an Nachfolgern. Schon fast ein Drittel der Unternehmer ist 60 Jahre oder älter.

Dazu kommt das allgemeine Umfeld. Corona, gestörte Lieferketten, Krieg in der Ukraine und dann auch noch der Fachkräftemangelä „Die sich kumulierenden Krisen und Probleme haben deutliche Auswirkungen auf die Unternehmensnachfolge im Mittelstand“, weiß Marc Evers, der sich bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) um das Thema kümmert. „Nach unseren Zahlen hatten wir 2021 fast dreimal so viele Unternehmen, die einen Nachfolger suchten, wie Interessenten an einer Übernahme. 2019, also vor Corona, lag dieses Verhältnis noch bei knapp zwei zu eins.“

Immerhin: Junge Menschen stehen Existenzgründungen und dem Unternehmertum grundsätzlich recht positiv gegenüber – das hat die DIHK in Studien festgestellt. Vorausgesetzt allerdings, den jungen Leuten wurde das Thema im Schulunterricht nähergebracht. Vielerorts war – oder ist – das aber leider nicht der Fall, wie Evers bedauert.

Auch die gute Lage am Jobmarkt ist ein Grund für das Problem

Dass es bei der Übergabe von Firmen hakt, hat laut Institut für Mittelstandsforschung in Bonn noch einen weiteren Grund: „Die günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt trägt dazu bei, dass immer mehr Erwerbstätige an einer abhängigen Beschäftigung festhalten oder sie neu aufnehmen, statt die Risiken einer Selbstständigkeit einzugehen“, sagt Rosemarie Kay, stellvertretende Geschäftsführerin. Drohende Arbeitslosigkeit als Gründungsmotiv habe also erheblich an Bedeutung verloren.

Um die Unternehmensnachfolge attraktiver zu machen, sei auch die Politik gefordert, meint DIHK-Experte Evers. Sie müsse bessere Rahmenbedingungen schaffen – „und sollte die Firmen jetzt nicht noch mit weiteren Gesetzen und Vorschriften belasten. Je leichter es Nachfolgern gemacht wird, ein Unternehmen zu führen, desto leichter lassen sich auch welche finden.“ Seine Warnung: „Wir erleben derzeit, dass deutlich mehr Betriebe für immer schließen, still und leise. Deutschland hat einen starken Mittelstand – aber der ist in Gefahr.“

190.000 Betriebe dürften bis 2026 vom Markt verschwinden – weil es keine Nachfolgeregelung gibt