Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Jedes vierte mittelständische Unternehmen in Deutschland erwägt, nach dem Ausscheiden der jetzigen Senior-Generation kurz- bis mittelfristig zu schließen.
  • Das betrifft bis Ende 2029 rund 569.000 Betriebe. Dem gegenüber stehen 545.000 Mittelständler, die bis Ende 2029 eine Nachfolgeregelung finden wollen.
  • Die Hauptgründe für die Schließungspläne sind mangelndes Interesse an der Fortführung, etwa durch Kinder, sowie bürokratische Hürden, die mit der Nachfolgersuche einhergehen.

Vom Bäcker oder Maler bis zum Industriebetrieb: Zigtausenden von mittelständischen Familienunternehmen droht die Schließung, weil es in der Chefetage keinen Nachfolger gibt. Tendenz: steigend.

Das aktuelle Nachfolge-Monitoring der staatlichen Förderbank KfW zeigt: Von den Unternehmerinnen und Unternehmern, die bis Ende 2029 ihren Rückzug aus der Firma planen, haben 569.000 noch niemanden, der den Betrieb weiterführen kann. Jährlich würde das rund 114.000 Betriebsschließungen bedeuten.

Keine passende Nachfolge und Bürokratieaufwand führen zu Schließungen

Ein Ausstieg kann viele Gründe haben, trotzdem sind laut Studie drei Faktoren ausschlaggebend. Auf Platz eins: der Rückzug der aktuellen Inhabergeneration aus Altersgründen (52 Prozent). Fast genauso häufig (mit 47 Prozent) fehlt schlicht das Interesse von Familienangehörigen an der Betriebsübernahme.

„Deutsche Unternehmen
haben ein enormes
Nachfolgeproblem“

Georg Metzger, Ökonom bei der KfW

Dann folgt die liebe Bürokratie: „42 Prozent der Unternehmen fühlen sich angesichts der Vielzahl und der Zunahme bürokratischer Prozesse überfordert, wenn nicht sogar abgeschreckt“, erklärt KfW-Ökonom Georg Metzger. Schließlich seien die meisten Unternehmen zum ersten Mal in solch einer Situation. Im Vergleich zur Befragung 2024 ist die Unzufriedenheit wegen der Bürokratie sogar noch gestiegen.

Es ist ja auch vieles zu klären bei einer Unternehmensübergabe: Wie werden etwa die Altinhaber oder die Interessen der Gläubiger abgesichert? Was gilt bei Einkommens- und Erbschaftsteuer? Dazu kommen Meldepflichten bei Gewerbe- und Grundbuchamt oder beim Handelsregister.

Fast genauso viele Betriebe sind aktiv auf Nachfolgersuche

Trotz dieser Aufwände stehen den 569.000 Betrieben mit Schließungsplänen fast genauso viele Betriebe gegenüber, die eine Nachfolgeregelung finden wollen: Bis Ende 2029 möchten rund 545.000 Mittelständler ihr Unternehmen übergeben.

Schon bis Ende 2026 sind es rund 186.000 von ihnen. Damit sind allein in diesem Jahr rund 5 Prozent aller kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland auf der Suche nach einer neuen Chefin oder einem neuen Chef. Wie in der Vergangenheit wünscht sich die Mehrheit (55 Prozent) eine familieninterne Lösung. Rund 42 Prozent der Inhaber stehen aber auch einer Übergabe der Firma an Dritte offen gegenüber.

Hauptknackpunkt ist der Kaufpreis

Hauptknackpunkt bei diesem Thema ist der Kaufpreis. Hier scheinen die Vorstellungen der Senior-Generation und der potenziellen Nachfolgerkandidaten zum Teil weit auseinanderzugehen.

„Der aktuelle Inhaber hat eher seine zurückliegenden Investitionen im Blick. Beim möglichen Nachfolger sind es Wettbewerbssituation, Kundenstamm und Modernisierungsgrad“, ordnet Ökonom Metzger ein. 

Es fehlt eine neue Gründer-Generation, die Unternehmen übernehmen will

Doch bevor es zu einer Preisverhandlung kommen kann, sehen sich die Betriebe vor der schwierigsten Herausforderung: überhaupt geeignete Nachfolgekandidaten zu finden. Vor dieser Hürde stehen laut KfW sieben von zehn befragten Unternehmen. Denn es gibt insgesamt zu wenig potenzielle Unternehmer. „Und diejenigen, die den Schritt gehen wollen, wissen oft nicht, dass Selbstständigkeit nicht zwingend eine Neugründung bedeutet“, sagt Metzger.

Die gute Nachricht: Selbstständigkeit ist vor allem für viele junge Menschen verlockend. „Der Gründergeist ist bei den Jüngeren sehr stark ausgeprägt, diese Motivation muss genutzt werden“, so Metzger. Plattformen wie nexxt-change.de vom Bundeswirtschaftsministerium vernetzen Interessenten mit Unternehmern auf Nachfolgersuche. Seit 2009 kam es so bereits zu 22.300 erfolgreichen Vermittlungen in Industrie und Handwerk. Und viele Arbeitsplätze konnten erhalten werden.

Warum gründen Menschen ein Unternehmen?

Nur ein kleiner Teil der neu gegründeten Firmen in Deutschland sind Start-ups. aktiv hat mit Georg Metzger, Ökonom bei der KfW Bank, über Gründungen gesprochen.

Die Gründungsquote ist stark abhängig von der Arbeitsmarktentwicklung

Um zu verstehen, wie beides zusammenhängt, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. „Kurz nach der Jahrtausendwende galt Deutschland als „der kranke Mann Europas“, die Arbeitslosigkeit war hoch – und die Gründungsquote auch. Denn viele Menschen machten sich mangels Alternativen selbstständig", erklärt KfW-Experte Metzger. Dann erholte sich der Arbeitsmarkt aber ab dem Jahr 2006 wieder. „Das hielt nicht nur Menschen von der Gründung ab, die sonst keine Anstellung fanden, sondern auch die, die generell an einer Gründung interessiert waren, weil die Konditionen der Arbeitgeber immer attraktiver wurden. So blieben immer mehr Gründungspläne unrealisiert und die Gründungsquote sank rapide ab", sagt Metzger. Mit einem Blick auf den momentan schwächelnden Arbeitsmarkt könnte man nun denken, die Gründungsquote müsse wieder stärker steigen. Doch das wäre zu kurz gedacht. „Auch die Konjunktur spielt eine wichtige Rolle“, so Metzger. Wenn die zulegt, trauen sich eher Menschen in die Selbstständigkeit. „In den letzten Jahren schwächelte aber beides, Arbeitsmarkt und Konjunktur. Die beiden Faktoren hemmten sich also gegenseitig.“ Trotzdem war die schwierige Lage am Arbeitsmarkt stark genug, um die Gründungsquote leicht steigen zu lassen. Im laufenden Jahr 2026 wird zudem voraussichtlich eine konjunkturelle Erholung unterstützend dazu kommen.

Immer öfter ist die Selbstständigkeit der Nebenerwerb

Eine Gründung ist immer mit Risiko verbunden, die Startfinanzierung aus eigener Tasche – gerade für junge Menschen – häufig schwierig. Wohl auch ein Grund dafür, dass immer mehr Gründer aus einer Erwerbstätigkeit heraus gründen und die Selbstständigkeit als Nebenerwerb betrachten. Etwa 20 bis 30 Prozent der Nebenerwerbsgründungen werden zum Vollerwerb, wie der aktuelle KfW-Gründungsmonitor zeigt. Bei den übrigen Gründungen ist das aber auch nicht unbedingt gewünscht. Dabei streben Gründer, die direkt „all in“ gehen, meist auch eine langfristige Selbstständigkeit an. „Das bedeutet auch, dass diese Gründungen eher das Potenzial haben, zu wachsen und dann umso positivere Effekte auf die gesamte Volkswirtschaft haben können“, ergänzt Metzger.

Betriebsübernahme statt Neugründung

Wer sich selbstständig machen möchte, muss nicht unbedingt ein neues Unternehmen gründen. Auch die Übernahme eines bestehenden Unternehmens ist insbesondere im produzierenden Gewerbe eine gute Option. „Deutsche Unternehmen haben ein enormes Nachfolgeproblem und ich habe den Eindruck, dass viele Gründungswillige diese Option überhaupt nicht auf dem Schirm haben“, sagt der KfW-Ökonom.

Nadine Keuthen
aktiv-Redakteurin

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe. 

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